Drei Einrichtungen beeinflussen den Tourismus im Landkreis immens

Inselurlaub auf dem Land

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Unter anderem die Gyhumer Reha-Klinik trägt wesentlich zum Tourismus im Landkreis bei. Der Effekt bleibt überschaubar.

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Die Feiernden auf dem Scheeßeler Hurricane-Festival, die Patienten der Gyhumer Reha-Klinik und die Gäste des Eurostrandes in Fintel haben wohl wenig gemein. Ihre Gastgeber hingegen einiges.

Alle drei vereinen einen Großteil des Tourismusaufkommens im Landkreis Rotenburg auf sich, ihre Zahlen wirken sich erheblich auf die beiden jüngst vorgestellten Tourismus-Studien aus. Der wirtschaftliche Nutzen für die ganze Branche im Landkreis bleibt allerdings streitbar.

Tourismus wirtschaftlich zu vernachlässigen

Volkswirt Thilo Ramms spricht von „Inseln im Landkreis“. Er und sein Team von der Berater-Gesellschaft Regecon aus Tostedt haben in den vergangenen Jahren die Tourismus-Zahlen erhoben und ihren wirtschaftlichen Effekt hin untersucht. Und in der Tat: Besucher von Hurricane, Eurostrand und Reha-Klinik verlassen eher selten das jeweilige Gelände – die Inseln. Ein weiteres Merkmal: Alle drei scheinen zufällig. „Sie könnten genauso gut an einem anderen beliebigen Ort sein“, sagt Ramms.

Grundsätzlich gesehen ist der Tourismus im ganzen Landkreis laut den Studien wirtschaftlich zu vernachlässigen. Gerade einmal 1,7 Prozent trägt er zur Bruttowertschöpfung bei. Es fehlt nicht viel, und das Trio ist für die Hälfte des jährlichen Gesamtumsatzes durch Übernachtungsgäste von etwa 74,4 Millionen Euro verantwortlich. 13,6 kommen dabei von der Rehaklinik und 11,3 von der Ferienanlage, schätzt man bei Regecon. Das Hurricane generiert rund 8,7 Millionen. Alle anderen Hotels und Gasthöfe im Landkreis kommen auf zusammen 19 Millionen Euro Umsatz. Der Rest verteilt sich etwa auf Campingplätze und Jugendherbergen.

Hurricane-Besucher sind „ausgabefreundlich“

Ramms bestätigt: „Die drei Einrichtungen sind die, die nennenswerten Umsatz machen.“ Das liegt vor allem an den vergleichsweise hohen Ausgaben, die ihre Gäste pro Tag tätigen. Ein Reha-Patient gibt im Schnitt 135,7, ein Besucher des Eurostrandes 102,28 und ein Fan auf dem Hurricane 57,72 Euro aus. In der Studie werden allerdings unter anderem die von den Krankenkassen getragenen Behandlungskosten in der Reha-Klinik und Vollpension sowie Freizeitangebote beim Eurostrand eingerecht. Und der Hurricane-Besucher, der sei einfach „ausgabefreundlich“, so Ramms.

Vom touristischen Standpunkt aus gesehen gibt es in Gyhum und in Fintel einen Haken: „Die Besucher verlassen nur selten das Gelände“, sagt Ramms. Das, was sie brauchen, gibt es vor Ort. Gelegentlich machen sie Ausflüge, die aber auch in andere Regionen führen können. Immerhin: „Gerade an den Wochenenden hat die Reha-Klinik eine gewisse Strahlkraft“, sagt Jan-F. Kobernuß, der mit seiner Firma „IFT Consulting“ das Tourismuskonzept für den Landkreis erstellt hat. In ähnlichen Studien für Regionen mit Reha-Kliniken sei ein Besucher-Effekt durch Angehörige deutlich geworden. „Das zählt als Tourismus“, sagt Kobernuß. Dem Hurricane attestiert Ramms einen dafür größeren Wirtschaftseffekt: „Nicht alle schlafen auf dem Campingplatz, sondern weichen in die umliegenden Hotels aus.“ Auch während der An- und Abreise bleibt so mancher Euro mehr im Kreisgebiet.

Festival schafft aber nicht nachhaltig Stellen

Der geht allerdings auf Kosten von möglichen Arbeitsplätzen. Während die beiden anderen Einrichtungen Jobs im Kreisgebiet schaffen, sorgt das Festival für keine nachhaltigen Stellen. Auch bleibt der auf seinem Gelände erwirtschaftete Umsatz nur geringfügig im Landkreis. Der Veranstalter FKP Scorpio hat seinen Sitz in Hamburg, die Dienstleister auf dem Gelände – beispielsweise Gastronomie und Merchandise – kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. „In dem Punkt ist das Hurricane problematisch“, sagt Ramms, der hier Parallelen zur Tarmstedter Ausstellung zieht. Überregional betrachtet sind das keine Einzelfälle: „Im Landkreis Rotenburg ist es das Hurricane, woanders sind es Weinfeste.“

Die Ergebnisse der Tourismus-Studien würden laut den beiden Experten durch die drei Akteure nicht verfälscht. „Wir halten uns an die gängigen Definitionen“, sagt Ramms. Auf diesem Wege würde eine Vergleichbarkeit mit anderen Studien ermöglicht.

„Inseln“ zeigen, dass der Landkreis Standortvorzüge bieten

Rund 1,3 Millionen Übernachtungen von Touristen gibt es pro Jahr im Landkreis. Für den Eurostrand schätzt Regecon 110.000 Aufenthaltstage von Gästen pro Jahr, 10.000 weniger als bei der Reha-Klinik. Das Hurricane vereint an seinen Veranstaltungstagen von Donnerstag bis Montag schon alleine 150.000 Aufenthaltstage auf sich. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Samtgemeinden Fintel und Zeven, der die Gemeinde Gyhum angehört, die Kommunen im Landkreis mit der höchsten Tourismusintensität sind – also die mit den meisten Übernachtungen pro 1000 Einwohner im Jahr. Fintel spielt mit mehr als 14.031 Nächten im Jahr 2015 in einer Liga mit den touristisch stark geprägten Landkreisen Cuxhaven (12.762) und Heidekreis (18.513). Zeven kommt auf 8250 Übernachtungen. Für Scheeßel liegen keine Zahlen vor.

Doch bei all den vergleichsweise hohen Zahlen, die Hurricane, Reha-Klinik und Eurostrand vorweisen können, kann der Tourismus zumindest auf ideelle Weise von allen Dreien profitieren. „Das Hurricane ist in seiner Größenordnung schon etwas Besonderes“, so Kobernuß. Der Eurostrand zeige, dass es im Landkreis Standortvorzüge gibt. Die drei Akteure sorgen laut Ramms für einen hohen „Imagewert“ für den ganzen Landkreis.

Tourismus-Studie beschäftigt den Verband

Die vom Landkreis in Auftrag gegebene Tourismus-Studie, deren Ergebnisse vor gut einer Woche vorgestellt wurden, war auch bei der Jahreshauptversammlung des Touristikverbands des Landkreises (Tourow) am Donnerstag in Lauenbrück Thema – nicht überraschend, waren die wirtschaftlichen Effekte des Tourismus im Landkreis doch als gering eingestuft worden.

Hierzu nahm der neue erste Vorsitzende Hartmut Leefers Stellung: „Angesichts der Frage nach der Wirtschaftskraft lässt sich fragen: Macht das alles überhaupt Sinn?“, sagte er. Der Waffensener plädierte dafür, nicht nur die nüchternen Zahlen zu betrachten, sondern das große Ganze: „Das Wir-Gefühl wird mithilfe des Tourismus gestärkt, die Identifikation mit der eigenen Heimat.“ Das, sei er sich sicher, werde langfristig Ausstrahlung entwickeln. Auch einer seiner Vorredner, Friedrich-Michael von Schiller, der als Geschäftsführer des Landparks das Projekt „Landfrüchte“ vorgestellt hatte, wollte die Ergebnisse der Studie nicht unkommentiert lassen: „Die Werte, wo privat oder mit Hilfe von Banken oder Stiftungen investiert wird wie bei uns, wo der überwiegende Teil der Aufträge an lokale Handwerker und Unternehmen vergeben wurde, sind überhaupt nicht erfasst worden.“

Tourow-Geschäftsführer Udo Fischer nimmt die Studie zum Anlass, um nach vorn zu schauen. Auf die an sich selbst gerichtete Frage, wie es jetzt weiter gehe, berichtete er von Plänen zur Bildung von Arbeitsgemeinschaften, einer Strategieentwicklung sowie einem Maßnahmenkatalog mit Priorisierung bestimmter Projekte sowie einem Fahrplan für ihre Umsetzung.

hey

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