ZUKUNFT HEIMAT Berufsanfänger der Werke und ihre Wünsche

Inklusion? Da ist noch Luft nach oben!

Jacob Heitmann und Tanja Kaiser auf dem Gelände der Rotenburger Werke
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Noch mehr Mitspracherecht bei der Entwicklung ihrer Heimat wünschen sich Jacob Heitmann und Tanja Kaiser.

Noch viel mehr gemeinsame Angebote für Jugendliche mit und ohne Behinderung, gemeinsame Treffpunkte: Das wünschen sich junge Berufsanfänger der Rotenburger Werke für die Zukunft ihrer Heimat.

Rotenburg – „Die Menschen wollen nicht mehr Bewohner der Werke sein, sondern Bürger der Stadt“, hat Geschäftsführerin Jutta Wendland-Park treffend gesagt, als es um die Präsentation der neuen Pläne für die Quartiersentwicklung am Rotenburger Kalandshof ging. Die Werke öffnen das Gelände, um dort Gewerbe, Wohnen, Pflege, Kultur und Arbeiten zu vereinen. So wie Wendland-Park sehen es auch Tanja Kaiser und Jacob Heitmann. Die beiden starten nach ihrer Ausbildung gerade ins Berufsleben – und sie wünschen sich für die Zukunft noch viel mehr Selbstverständlichkeit beim Thema Inklusion.

Vieles wird noch immer über die Köpfe von Menschen mit Behinderung hinweg entschieden. Das ist in manchen Fällen sicher richtig, sagt Yvonne Labonté, die den Berufsbildungsbereich „tobbi“ bei den Werken koordiniert. Nicht umsonst haben viele einen Betreuer. Doch gerade in der Pandemie wurden wieder Entscheidungen getroffen, die die Wünsche der Bewohner nicht berücksichtigten. Grundsätzlich sind Menschen mit Behinderung in den ersten Verordnungen sogar gänzlich vergessen worden. „Wir werden von der Regierung anders gesehen“, ist Kaisers Eindruck.

Dabei möchten sie einbezogen werden. So hat Kaiser, die sich auch in der Bewohnervertretung engagiert, viele Einschränkungen am Anfang kritisch gesehen – und sich gegenüber der Geschäftsleitung entsprechend geäußert. „Wir durften lange Zeit nicht arbeiten gehen. Und dann wurden Unterschiede gemacht zwischen denen, die Zuhause wohnen und denen, die in Wohngruppen wohnen.“ Nicht alle Mitarbeiter durften zeitgleich an den Arbeitsplatz zurückkehren. Auch wenn Sicherheit immer vorgeht: „Da ist es berechtigt, wenn sie auch mal ihre Meinung äußern. Es ist ein Spagat“, sagt Labonté.

Kein anerkannter Abschluss

Es gibt noch viele Bereiche, in denen Nachbesserungsbedarf besteht. Ebenso bei der Ausbildung, wie Heitmann und Kaiser gerade feststellen konnten. Beide sind in diesem Jahr fertig geworden und ins Berufsleben gestartet. Kaiser ist Alltagshelferin an der Lindenschule, unterstützt die Schüler beim Lesen, im Matheunterricht oder bastelt mit ihnen. Sie hat sich damit ihren Berufswunsch erfüllt. Die 23-Jährige, die ursprünglich aus Bremen kommt, wusste früh, was sie möchte: „Ich wollte Menschen helfen.“

Heitmann hat sich für den handwerklichen Bereich entschieden: „Service und Dienstleistungen“. Er übernimmt mit seinen Kollegen Hausmeistertätigkeiten, aktuell noch nur auf dem Werke-Gelände. Außerdem hilft der 20-Jährige im landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern mit. Die Arbeit draußen auch bei Minusgraden stört ihn überhaupt nicht. „Warm einpacken“, sagt er und zeigt grinsend auf mehrere Schichten Klamotten.

Teilnehmer im Berufsbildungsbereich, der von der Agentur für Arbeit finanziert wird, durchlaufen eine zweijährige Ausbildung. Damit schon mal ein Jahr weniger als auf dem ersten Arbeitsmarkt. „Jeder Lehrling hat zudem ein halbes Jahr Probezeit, bei uns sind es nur drei Monate“, ergänzt Labonté. Alles verkürzt für Menschen, die teils mehr Zeit brauchen könnten. „Viele schaffen das nach zwei Jahren, aber es gibt auch viele, die von der Entwicklung her dann noch nicht so weit sind“, sagt Labonté. Doch sie müssen es sein – ungeachtet möglicher Kompetenzen oder Kapazitäten, die weiter entwickelt werden könnten.

Die Ausbildung wird zudem auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mit einem Abschluss anerkannt. Das bedauert Labonté: „Da sind wir auf politischer Ebene schon seit Längerem dran.“ Dabei sind die Aufgaben der Mitarbeiter vielfältig. Das nicht alle das leisten können, was andere auf dem ersten Arbeitsmarkt leisten, ist den Drei bewusst – aber dennoch fehlt ihnen die Anerkennung für ihre Leistung. Die fehlt auch beim Thema Lohn. Zwar müssen Menschen mit Behinderung nicht ihr gesamtes Leben selbst finanzieren. Dennoch ist ihr Gehalt mager. „Da ist ein deutliches Defizit“, sagt auch Labonté.

Mehr Feste wie das „Laut und Draußen“

Auch der erste Arbeitsmarkt muss sich weiter für Menschen mit Behinderung öffnen, sie ein- und nicht ausschließen, wünschen sich Kaiser und Heitmann. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Den wird in anderem Sinn auch Heitmann bald auf sich nehmen, denn der Scheeßeler zieht im Januar nach Zeven. Während Kaiser schon länger ziemlich selbstständig in einem Apartment in der Stadt wohnt, lebt Heitmann noch bei seinen Eltern. Doch in Zeven sind Wohnungen für Menschen mit und ohne Handicap entstanden – in eine davon zieht der 20-Jährige, ebenso seine Freundin. Nur die Tiere vom elterlichen Hof, die werden ihm fehlen. Arbeiten wird er weiterhin sowohl dort als auch in den Werken.

In der Wümmestadt fühlen sich die beiden wohl. Alles ist nah beieinander, man kann etwas unternehmen. „Ich komme aus einem kleinen Kaff, da ist es ein Highlight, einkaufen zu können ohne zu fahren“, meint Kaiser und lacht. Aber auch da: mehr Inklusion, bitte. „Mehr Feste wie das Laut & Draußen wären schön“, wünscht sich Kaiser. Den Standort auf dem Pferdemarkt findet sie besser als am Kalandshof. „Dort ist es gemischter und da war mehr los“, sagt sie. Auf dem Kalandshof ist es zwar auch gut besucht, doch habe sie das Gefühl, viele denken noch immer zu sehr an eine interne Veranstaltung.

An vielen Stellen ist Inklusion in Rotenburg schon selbstverständlich, aber viel Luft nach oben gibt es trotzdem. Daher wünschen sich Kaiser und Heitmann noch mehr gemeinsame Aktionen oder Begegnungsorte, mehr gemeinsame Treffpunkte für junge Leute, mit und ohne Behinderung. Denn „andere zu treffen, haben wir ohnehin vermisst“, sagt Heitmann in Anspielung auf die Lockdowns. Anregungen, die bei den Planungen beispielsweise für das Förderprogramm „Perspektive Innenstadt“ mit bedacht werden könnten – denn dabei geht es um Aufenthaltsqualität für alle. Und was wünschen sich beispielsweise Menschen mit Behinderung für die Stadt? Kaiser und Heitmann hätten da auf jeden Fall ein paar Ideen.

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