Gesundheitsversorgung von jungen Immigranten

Infoportal für Geflüchtete

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In regelmäßigen Besprechungen bringen die Schüler ihre Lehrerin Marlis Dreyer auf den neuesten Stand ihres Projekts. „Die Klasse ist sehr engagiert und hat im Verlauf der Wochen immer mehr Aspekte für ihr Vorhaben identifiziert“, sagt Dreyer. 

Rotenburg - Von Joris Ujen. Folgendes Szenario: Ein jugendlicher Flüchtling kommt in ein fremdes Land, seine Eltern sind noch in der Heimat. Eines Tages erkrankt der Geflüchtete. Was genau er hat, weiß der Junge nicht. Also guckt er im Internet nach einer Arztpraxis. Allerdings ist er der deutschen Sprache nicht mächtig und versteht die Fachtermini nicht. Kein Grund gleich den Notarzt zu rufen, denkt er sich, aber er möchte sich gerne untersuchen lassen. Was tun? Die zwölfte Klasse des Beruflichen Gymnasiums Gesundheit und Pflege (BGG2) der Berufsbildenden Schulen (BBS) möchte diese und weitere Lücken auf einer eigenen Website schließen.

„Wir haben selbst gemerkt, dass wir uns mit dem Thema Gesundheitsversorgung kaum auskennen. Wie muss das dann für Fremdsprachler sein?“, formuliert Lena Kaeselau die Kernfrage des Vorhabens. Aufgeteilt in vier Gruppen möchten sie und ihre zwölf Klassenkameraden heranwachsenden und jugendlichen Flüchtlingen eine Internetpräsenz anbieten, die leicht verständlich ist und den Betroffenen einen Überblick über diverse Einrichtungen in Rotenburg aufzeigt. Dazu zählt nicht nur ein Ärzteregister, sondern auch Selbsthilfegruppen, Fitnesscenter, Jugendzentren und Vereine – „alles was mit der Gesundheitsförderung zu tun hat“, erklärt Hannah Breidenbach.

Ein recht umfangreiches Informationsangebot in der Theorie; praktisch mussten die engagierten Schüler aber schnell erkennen, dass viele Einrichtungen das Projekt nicht unterstützen möchten oder können. Teilweise gab es keine Rückmeldungen. Auch beim zweiten oder dritten Versuch stieß die Klasse oft auf taube Ohren. „Es wurde uns auch schon gesagt: ,Wenn ihr beim ersten Mal keine Rückmeldung bekommen habt, ist das schon Antwort genug‘“, sagt Kaeselau. Von 51 Praxen in Rotenburg haben nur neun ihr Einverständnis für die Verwendung ihrer Kontaktdaten auf der geplanten Internetseite gegeben. Das hatte sich die Klasse etwas anders vorgestellt, ein bisschen enttäuscht sind sie schon. Es gab aber auch positiven Rückhalt: „Umso mehr freuen wir uns über die Zusagen, die wir erhalten haben“, sieht es Kaeselau optimistisch. Beispielsweise möchte Bürgermeister Andreas Weber (SPD) das Schülerprojekt unterstützen. Er hatte die Idee, dass die Klasse Flyer für ihre Homepage drucken sollte, finanziert durch die Stadt Rotenburg. Ende Mai wollen sie sein Angebot in die Tat umsetzen. Dann ist auch der Abgabetermin sowie die Präsentation der Projektarbeit, für die sie fünf Monate recherchiert, diskutiert und zusammengetragen haben.

Hilfeleistungen in mehreren Sprachen

Wenn alles nach Plan läuft, erfährt der Hilfesuchende auf der Seite unter anderem den Ablauf beim Arztbesuch: Was erwartet ihn dort? Was für Unterlagen muss er dabei haben? Der Nutzer kann zudem auf ein Register von Ärzten und Selbsthilfegruppen zugreifen, Notdienste am Wochenende und Feiertagen einsehen und erhält Infos zur stationären Behandlung, Drogenprävention sowie lokale Sportangebote.

Allgemeine Finanzierungsfragen und Unterstützungsmöglichkeiten sollen dort ebenfalls genannt werden bis zur „Aufklärung bei Geschlechtskrankheiten, wo wir Symptome auflisten und dem Betroffenen auch gleich den passenden Arzt empfehlen“, erklärt die 19-jährige Pia Meyer. Neben dem lokalen Bezug zu den Einrichtungen bietet die Seite somit auch viele allgemeine Infos an. Das größte Problem bei dem Projekt war die Sprachbarriere. Deswegen hat die Klasse einfache Sätze geschrieben und ins Englische übersetzt. Ein Glossar mit wichtigen Begriffen bietet die Seite auf Arabisch und Französisch an. Im ständigen Austausch mit rund 30 Integrationsschülern auf den BBS sammelt die Gruppe offene Fragen und prüft mit ihnen die Verständlichkeit ihrer Texte sowie des Prototyps ihres Internetauftritts.

Online gehen möchte die Klasse spätestens Ende Mai, eine Domain steht bisher noch nicht fest. Einrichtungen, die sich an dem Schulprojekt beteiligen möchten, melden sich bei Hannah Breidenbach per E-Mail an hannahbreidenbach@web.de.

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