Experte: Betriebsgeheimnisse darf es nicht geben

250 Gäste beim Infoabend zum Thema Erdgasförderung

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Gastgeber Professor Michael Schulte (v.l.), der Toxikologe Dr. Hermann Kruse, Moderatorin Angela von Beesten, Ärztin Christiane Qualmann und WVV-Geschäfsführer Volker Meyer informieren die rund 250 Gäste umfassend.

Rotenburg - Von Guido Menker. Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld? Dr. Hermann Kruse antwortet mit einem Achselzucken. Der Chemiker, der trotz Ruhestands immer noch im Institut für Toxikologie und Pharmakologie der Universität Kiel sowie als Referent, Gutachter und Dozent tätig ist, kann nur Wege aufzeigen, was möglich ist.

Er jongliert dabei mit Fachbegriffen, chemischen Zusammenhängen und Messverfahren – aber für das Geld sind andere zuständig. Eine Zuhörerin sieht die Politik und allen voran die Unternehmen der Erdgasförderung in der Pflicht, wenn es um Untersuchungen, Analysen und Ergebnisauswertung geht. Applaus im Buhrfeindsaal von 250 Gästen. Man ist sich weitgehend einig. Die Regionalgruppe Rotenburg der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung“ (IPPNW) hatte zu diesem Informationsabend unter der Überschrift „Erdgasförderung: Risiken für Trinkwasser und Gesundheit“ eingeladen. Denn bei vielen Menschen, die sich in unserer Region zum Teil schon seit vielen Jahren mit den Folgen der Erdgasbohrung und speziell mit denen des Frackings beschäftigen, scheint sich punktuell immer wieder ein Gefühl von Ohnmacht mit der sich daraus resultierenden Verzweiflung zu mischen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Nach wie vor bleiben aus ihrer Sicht viel zu viele Fragen unbeantwortet, und nicht zuletzt deshalb lassen sich im Raum stehende Zusammenhänge zwischen der Gasförderung in der Region mit all ihren Methoden und den möglichen gesundheitlichen Folgen nicht nachweisen. 

Gegner sicher: Es gibt Zusammenhänge

Die Fracking-Gegner sind sich aber sicher: Es muss es einen Zusammenhang zwischen der Erdgasförderung und den erhöhten Blutkrebsraten bei älteren Männern geben, die zunächst Bothel und dann auch Rotenburg aufhorchen ließen. Und so sind sie dankbar, wenn es Initiativen gibt, die alles versuchen, um für Aufklärung zu sorgen. Selbst dann, wenn weder das Landesbergamt noch die Erdgas-Unternehmen es für nötig halten, an einer Veranstaltung wie am Mittwochabend im Buhrfeindsaal teilzunehmen, lassen die kritischen Bürger nicht locker. Schließlich wollen die Unternehmen schon bald wieder fracken – nicht nur, aber auch an der Bohrstelle Bötersen Z 11, also mitten auf der Rotenburger Rinne, aus der jährlich knapp fünf Millionen Kubikmeter Trinkwasser gezogen werden. 

Als Hausherr und engagierter Mediziner begrüßt Professor Michael Schulte vom Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg die Gäste, die sich schon 20 Minuten vor Beginn dieser Veranstaltung ihre Plätze sicherten. Dr. Christiane Qualmann leitet den Abend inhaltlich ein, blickt auf die erhöhten Krebsraten und weist auf die Neuerkrankungsquoten hin, die auch nach 2012 gleich geblieben seien. Die niedergelassene Ärztin sorgt für die Grundlage, indem sie schildert, wie die Experten darauf gekommen sind, dass am deutlichsten eine Nähe der Erkrankten zu den sogenannten Borschlammgruben, aber auch zu den Erdgasförderanlagen im Verdacht steht, Auslöser der Krebsfälle zu sein. Um welche schädigenden Substanzen handelt es sich? Was bedeutet das für die Gesundheit der Bevölkerung? Welche Folgen ergeben sich für die Umwelt und insbesondere für das Trinkwasser? 

„Risiken sorgfältig im Blick behalten“

 Fragen, auf die Hermann Kruse Antworten geben sollte. Er erklärt die Standard-Methoden und Möglichkeiten, um Pfade nachzuvollziehen, auf denen sich Gifte bewegen. Um Rückschlüsse ziehen zu können, „sollte man die Gesundheitsrisiken sorgfältig im Blick behalten, für statistische Erhebungen sorgen und auch die Beobachtungen der Arztpraxen sehr ernst nehmen sowie die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen berücksichtigen“, sagt er. Emissionen und Immissionen seien gleichermaßen zu betrachten, wie auch die Stoffvielfalt sowie die Sekundärprodukte. Schließlich gebe es in Rotenburg „deutliche Hinweise auf Schäden in Richtung Blutkrebs“. Dem sei nachzugehen. Es gehe um das Abfackeln, um Erdgaskomponenten, um beim Fracking freigesetzte Stoffe. 

Unter den zahlreichen Gästen im Buhrfeindsaal ist auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil. Bei der Abschlussdiskussion wird er allerdings vermisst.

Und was genau ist zu tun? „Alle Messdaten sind zusammenzutragen und freizugeben, Betriebsgeheimnisse darf es nicht geben, wenn es um die Gesundheit der Bevölkerung geht.“ Er selbst habe gebettelt – aber das Material nicht bekommen. Er empfiehlt ein Bio-Monitoring und regelmäßige Immissionsmessungen und sagt: „Die Bevölkerung muss bei allen Entscheidungen eingeschaltet werden, damit auch jeder die Messungen nachvollziehen kann.“ Er plädiert für Messungen an den Fackeln. Die genaue Zusammensetzung dessen, was da herauskommt, kenne man nicht. Kruse: „Aber die würde ich gerne mal kennen.“ 

Volker Meyer, Geschäftsführer des Wasserversorgungsverbandes Rotenburg-Land, stößt ins gleiche Horn. Er fordert: „Keine Bohrungen und kein Fracking in und auch nicht in der Nähe von Wasserschutzgebieten, eine Beweislastumkehr bei der Schadenshaftung, ein Verbot der Verpressung von Lagerstättenwasser in Wasserschutz- und Trinkwassergewinnungsgebieten.“ Meyer weiter: „Die Industrie muss Gewinne machen, wir wollen sauberes Trinkwasser. Wasser ist genug da, aber wir müssen damit ordentlich umgehen.“ Immerhin seien bislang noch keine negativen Auswirkungen festgestellt worden. Es bleibt noch Zeit für Fragen. 

Doch es sind meist Wortbeiträge, die Forderungen beinhalten und damit auch einen Teil jener Ohnmacht und Verzweiflung zum Ausdruck bringen, die die Menschen umtreiben. Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) und Bothels Samtgemeindebürgermeister Dirk Eberle weisen jedoch geäußerte Pauschalkritik an der Politik zurück. Weber: „Es hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan.“ Er erinnert an Resolutionen im Stadtrat und an den Arbeitskreis Erdgas und Erdöl auf Landkreisebene. Der Abend hat mögliche Wege aufgezeigt, was im Sinne der Aufklärung getan werden kann. Für Dr. Christoph Dembowski kann es nach diesem Abend nur zwei Forderungen geben: „Es sollte an den Abfackelungen gemessen und die Ergebnisse offen gelegt werden. Außerdem sollten wir alles daran setzen, einen Frack an der Bohrstelle Bötersen Z 11 zu verhinden und entsprechend Druck machen.“

Kommentar von Redakteur Guido Menker

Lasst es doch einfach sein!

Das Bohren nach Erdgas in der Region und das Fracking, mit dem auch die letzten Gasreserven aus der Erde herausgepresst werden sollen wie der letzte Tropfen Saft aus einer Zitrone, bereiten den Menschen in der Region Sorgen und Ängste. Vor allem die Ärzte in Rotenburg sorgen immer wieder für wichtige Initialzündungen, um die Flamme des Protests nicht ausgehen zu lassen. Vor dieser Initiative müssen eigentlich alle Rotenburger den Hut ziehen. 

Guido Menker

Nicht, weil alles richtig sein muss, was die Ärzte sagen. Nein, weil sie nicht zuletzt vor dem Hintergrund der unerklärlich gestiegenen Blutkrebsfälle bei Männern in Bothel und in Rotenburg Vorsorge einfordern, die so lange ein Stopp des Frackings nach sich ziehen muss, bis nicht zweifelsfrei geklärt ist, welche Auswirkungen die intensive Erdgas-Förderung auf die menschliche Gesundheit hat – direkt oder indirekt. Welche giftigen Injektionen verpassen die Erdgas-Bohrer der Umwelt? Darauf wollen sie Antworten haben – stellvertretend für alle Menschen in der Region. Es ist unser gutes Recht, dass alle Fakten auf den Tisch kommen und alles erforderliche Geld bereitgestellt wird, um aus den Ergebnissen entsprechende Schritte ableiten zu können. Es gibt Verdachtsmomente, dass das Fracken gesundheitsschädlich ist, keine Beweise. Im Zweifel für den Angeklagten? Nein! Im Zweifel für die zurecht beunruhigte Bevölkerung. Vorsorge ist besser als Nachsorge. Also: Lasst es sein mit dem Fracken! 

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