Experte über die Notwendigkeit des „Boosters“

Professor Schaberg appelliert: „Impfen, Impfen, Impfen!“

Seit dem 4. November gilt im Landkreis Rotenburg die „erweiterte 3G-Regel“ mit strengeren Zugangsregeln unter anderem in Restaurants. aber reichen Maßnahmen wie diese aus, um die vierte Welle einzudämmen?
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Seit dem 4. November gilt im Landkreis Rotenburg die „erweiterte 3G-Regel“ mit strengeren Zugangsregeln unter anderem in Restaurants. aber reichen Maßnahmen wie diese aus, um die vierte Welle einzudämmen?

Der Optimismus von Professor Tom Schaberg ist etwas gewichen. Das Schlimmste der Pandemie, sagt er heute, steht auch uns noch bevor.  

Rotenburg – „Jeder Tag zählt.“ Professor Tom Schaberg ist eigentlich Optimist. Erst im Oktober hatte er im Interview mit der Kreiszeitung die Hoffnung verkündet, das Schlimmste der Pandemie in Deutschland sei überstanden. Da hat sich der ehemalige Chefarzt des Zentrums für Pneumologie im Diakoniekrankenhaus Rotenburg und Spezialist für infektiöse Lungenerkrankungen ganz offensichtlich geirrt, wie er heute bekennt. Auch im Landkreis Rotenburg, stets bei den Coronazahlen deutschlandweit meist ganz weit unten rangierend, sind die Zahlen wieder deutlich angestiegen. Schaberg bezeichnet das als „besorgniserregend“. Die vierte Welle, sagt er, werde sich weiter aufbauen. Man befinde sich mitten im exponentiellen Anstieg der Zahlen. Die Folge: „Vor allem wird unser Gesundheitswesen auf eine noch nie da gewesene Weise belastet werden. Das erscheint mir schon jetzt als unausweichlich.“

Bleibt man trotzdem positiv, betont auch Schaberg, könne man sich daran festklammern, dass es die Menschen noch selbst in der Hand haben, dem Virus zu trotzen. Dafür gibt es den Angaben des 67-Jährigen nach nur einen Weg: „Wir müssen impfen, impfen, impfen, und zwar jetzt!“ Schaberg reagiert mit großem Unverständnis darauf, dass die Politik hier noch nicht stringenter handelt. Allein im Landkreis Rotenburg, rechnet er vor, müssten bis Weihnachten rund 25 000 Menschen erneut geimpft werden – also nahezu 1 000 pro Tag. Die drei mobilen Impfteams im Kreis haben aber bislang seit dem 8. Oktober, nachdem das Impfzentrum in Zeven geschlossen wurde, erst 1 529 Impfungen in Schulen und Seniorenheimen oder Einrichtungen der Tagespflege vorgenommen – davon 1 224 Drittimpfungen. Vor allem dieser dritte Piks sei es aber, der die vierte Welle brechen könnte, so Schaberg. „Sie sind unsere stärkste Waffe gegen das Virus.“ Zusätzlich müssten natürlich diejenigen erreicht werden, die bisher noch gar keinen Impfschutz gegen das Virus haben.

„Absolute Notlage“

Schaberg: „Ich bin fassungslos, wenn ich lese, mit welchem Langmut das Sozialministerium in Niedersachsen mit dieser Frage umgeht. Es handelt sich um eine absolute Notlage, die jetzt ein entschlossenes und sehr rasches Handeln unabdingbar macht. Jeder Tag, den wir warten, bis wir mit einer massiven Impfaktion beginnen, sorgt dafür, dass die Situation immer schwerer zu bewältigen sein wird, und kostet am Ende sehr wahrscheinlich leider auch Menschenleben.“ Es brauche mehr Impfteams, vermutlich müsste auch ein Teil der Impfzentren wieder öffnen. Nur die niedergelassenen Ärzte könnten die Zahl der notwendigen Impfungen kaum bewältigen.

„Unser Gesundheitswesen wird auf eine noch nie da gewesene Weise belastet werden. Das erscheint mir schon jetzt als unausweichlich“, sagt Professor Tom Schaberg.

Der Landkreis beginnt nun immerhin, zu handeln. Am vergangenen Freitag hat das Land den Impfauftrag für die mobilen Teams erweitert, sodass wieder dezentrale Aktionen für die Allgemeinheit möglich werden. Eine erste soll am kommenden Donnerstag ab 16 Uhr auf dem Autohof in Sittensen stattfinden. Es werden dort Erstimpfungen mit „Johnson & Johnson“ sowie Impfungen mit Biontech angeboten. Der Impftermin sei vorrangig für die Zielgruppe Lkw-Fahrer gedacht, da es für sie aufgrund der langen Fahrzeiten oftmals schwieriger ist, sich impfen zu lassen, heißt es aus dem Kreishaus. Aber auch alle anderen Impfwilligen ab zwölf Jahren könnten erscheinen.

Schaberg ist seit 2006 Mitglied des Expertenbeirats „Pandemische Atemwegsinfektionen“ am Robert-Koch-Institut und damit bestens mit dem aktuellen Szenario vertraut. Für ihn gibt es drei Gründe, warum die Zahlen gegen seine vorherigen Erwartungen doch wieder so massiv steigen: „Erstens sind die Impflücken in der Bevölkerung nahezu unverändert geblieben. Zweitens lässt der Übertragungsschutz der Geimpften offenbar bereits drei bis vier Monate nach der letzten Impfung stark nach. Und drittens praktizierten wir in den vergangenen Wochen praktisch keine Kontaktbeschränkungen mehr, haben Großveranstaltungen innen und außen wieder zugelassen und in vielen Bundesländern die Maskenpflicht in den Schulen eingeschränkt oder aufgehoben.“ Diese Faktoren hätten nun zu einer sehr intensiven Viruszirkulation der hochansteckenden Delta-Variante und zu einem starken Anstieg der Infektionen bei den Ungeimpften geführt. Geimpfte seien zwar zu mehr als 85 Prozent vor einer schweren Erkrankung geschützt, könnten das Virus aber gerade bei abklingendem Impfschutz weitertragen.

Erneuter Lockdown möglich

Massen- und Großveranstaltungen müssten aktuell massiv eingeschränkt werden, appelliert Schaberg an die Politik. Auch sollte jeder einzelne seine Kontakte in den kommenden Wochen deutlich reduzieren. „Ich fürchte mich natürlich besonders davor, dass, wenn dies jetzt nicht geschieht und wir mit dem Impftempo zu langsam sind, wir alle erneut in einen harten Lockdown müssen, weil die Belastung unseres Gesundheitssystems dies erforderlich macht.“

29 neue Fälle am Wochenende – Inzidenz im Kreis bei 93

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen klettert bundes- und landesweit weiter auf Rekordwerte – der Landkreis Rotenburg liegt dagegen wie bislang meistens in der Pandemie darunter. Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen binnen einer Woche je 100 000 Einwohner stieg nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Montag in Niedersachsen auf 132,8, in ganz Deutschland auf 303,0. An der Spitze der Länder stand Sachsen mit 754,3. Im Landkreis Rotenburg sank die Inzidenz leicht auf 93. Seit dem 4. November gilt im Kreis wegen der stabilen Inzidenz über 50 die „erweiterte 3G-Regel“ mit strengeren Zugangsregeln in öffentlichen Bereichen. Als der wichtigste Indikator zur Bewertung der Pandemie-Lage gilt aber die Hospitalisierungsinzidenz, die landesweit den Wert für die Neuaufnahmen von Covid-Patienten in Kliniken pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen angibt. Liegt er über 6,0, kann eine Warnstufe ausgerufen werden. Am Montag betrug der Wert unverändert 4,5. Von den momentan 303 Infizierten im Kreis werden fünf Personen in einem Krankenhaus behandelt. 29 neue Coronafälle hatte das Gesundheitsamt über das Wochenende registriert. Für 179 Kontaktpersonen galt am Montag Quarantäne. Kommunal betrachtet, gibt es momentan mit 54 in Zeven am meisten Fälle. Alle Kommunen sind aber betroffen. In Sottrum sind es 46 Fälle, in Rotenburg 43, in Visselhövede 14, in Scheeßel und Fintel jeweils 12 sowie in Bothel 11. „Schlusslicht“ ist kreisweit die Geestequelle mit 3. Kreisweit sind momentan vier Schulklassen und vier Kitas betroffen. In Pflegeheimen gibt es derzeit keine Fälle.

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