Wie sich der „Tag der Arbeitsruhe“ im Laufe der Zeit geändert hat

Immer wieder sonntags

Manch einer erinnert sich noch, dass es in Rotenburg einmal drei Kinos gegeben hat. Eines davon war das Gloria-Cinema an der Mühlenstraße.
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Manch einer erinnert sich noch, dass es in Rotenburg einmal drei Kinos gegeben hat. Eines davon war das Gloria-Cinema an der Mühlenstraße.

Rotenburg – Die „Sonntagsruhe“ ist im Artikel 140 des Grundgesetzes fest verankert und bleibt als Tag „der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“. Versuche, das aufzuweichen (gerade auch in Corona-Zeiten), wurden bisher von Kirchen und Gewerkschaften erfolgreich abgewehrt. Ein wöchentlicher Ruhetag soll bleiben! Immerhin: Der Sonntag ist bereits seit fast 1 700 Jahren offizieller Feiertag (Erlass des Kaisers Konstantin 321). Er hat sich allerdings im Laufe der Jahrhunderte, vor allem aber im Laufe der vergangenen Jahrzehnte erheblich verändert.

Franz-Josef Degenhardt, als Liedermacher aus dem Ruhrgebiet in den 1960er-Jahren bekannt, umschrieb seinerzeit das deutsche Sonntagsidyll mit den immer und überall wiederkehrenden Riten: Kirchgang, Frühschoppen, Sonntagsbraten, Sonntagsspaziergang („Hütchen, Schühchen, Täschchen passend“), Fernsehen. Das war offensichtlich nicht nur im Westen der Bundesrepublik so, sondern allüberall – auch in Rotenburg. Natürlich gab es die klassische Sonntagskleidung, die eben nur dann angezogen wurde. Konfirmanden trugen auch nach ihrem großen Tag stolz ihren Konfirmationsanzug mit dazu passender Krawatte.

Beim sonntäglichen Tanztee im „Lüneburger Hof“ (wo heute das „Stadthaus“ steht) ging es selbstverständlich formell zu. Auch Nicola Gennerich aus Rotenburg, erst in den 1960ern geboren, erinnert sich noch an den „blauen Faltenrock, weiße Kniestrümpfe und schwarze Lackschuhe“. Sonntage waren vor allem aber auch – gerade für Kinder und Jugendliche – langweilig. Da half dann der obligatorische Sonntagsspaziergang oder -ausflug in Vaters Auto nur bedingt. Mal ging es an den Bullensee, mal in die Heide ins Café. Verabredungen mit Freunden waren selten. Die „gute Hose“ sollte ja auch nicht schmutzig werden!

Immerhin gab es seinerzeit drei Kinos in der Kreisstadt. Da ritt dann am Sonntagnachmittag Winnetou in schlechtem „Technicolor“ durch die Prärie. Besser dran waren die, die sportlich aktiv waren. Birgit Karkmann-Renner (63), Kauffrau in der Kreisstadt, erinnert sich, dass an fast jedem Wochenende für sie als ambitionierte Reiterin irgendwelche „Turniere oder Jagden“ anstanden. Da wurde der sonst fast obligatorische „Sonntagsbraten“ auch schon mal durch „eine Bratwurst am Turnierplatz“ ersetzt. An den Braten erinnert sich selbst Frank Neumann (41), Rotenburger Immobilienkaufmann, noch gut; zubereitet „für die ganze Familie von Oma“. „Da war sogar die Reihenfolge, wer wann was nehmen durfte, immer gleich.“ Heute haben die Neumanns den Sonntagsbraten gestrichen. Dafür gibt es ein ausführliches Frühstück – wie offensichtlich in etlichen Familien.

Der Café-Besuch von früher hat sich vermutlich verlagert auf den Abend: Man geht „was essen“ oder lässt sich von „Döner, Pizza und Co.“ schnell was kommen. Immerhin: Die US-amerikanische Austauschschülerin Seattle Sweeney, die vor gut zwei Jahren zwölf Monate in Rotenburg und Scheeßel verbrachte, staunte seinerzeit am meisten darüber, dass die Menschen hier tatsächlich noch gemeinsam aßen und auch selbst was kochten. Das war ihr völlig fremd!

Die Amerikanerin kannte bis dahin nur: Kühlschrank auf, Fertiggericht raus, Mikrowelle an, essen vorm Fernseher. Fand sie, kaum ein paar Monate in Deutschland, „furchtbar“ und wollte ihre neuen Eindrücke unbedingt in ihre Heimat exportieren. Vielleicht sind wir gerade dabei, ihre amerikanischen Verhaltensweise zu importieren?

Sonntagsanzug und Krawatte sind längst out. Und stattdessen? Jogginghose! Ungeachtet der Schmähung vom ehemaligen Modezar Karl Lagerfeld („Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“) muss man sich nur am Sonntagmorgen in der Corona-Schlange beim Bäcker anstellen, um festzustellen, dass Lagerfelds Urteil nicht wirklich durchgeschlagen hat. Die Kleidernorm für den Sonntag hat sich, verglichen mit früheren Generationen, nahezu ins Gegenteil verkehrt.

Kirchgang steht auch nicht mehr oben auf der sonntäglichen Prioritätenliste. Fanden sich bis in die 1970er-Jahre durchschnittlich immerhin mehr als zehn Prozent der Kirchenmitglieder unter der Kanzel ein, waren es schon vor Corona mitunter weniger als ein Prozent. Und das Virus lässt diese Zahl noch mal sinken. Dafür, so stellt auch Karkmann-Renner bei ihrem mittlerweile 29-jährigen Sohn fest, ist „Ausschlafen“ angesagt, „Chillen“, auch mal „Treffen mit Freunden, kochen“ oder „essen gehen“ – wenn möglich. Kino ist nicht mehr, Tanztee schon lange nicht, und auch der früher vielerorts übliche Frühschoppen ist weitgehend gestrichen. Gennerich erinnert sich, wie viele aus den letzten Generationen, auch noch gerne an familiäre Spiele-Nachmittage, die vorzugsweise auch am Sonntag stattfinden. Einige sind so etwas wie Dauerbrenner geworden: Scrabble, Mikado, Monopoly – andere sind fast völlig verschwunden wie „Fang den Hut“, „Malefiz“ oder „66“.

Geblieben ist – gesetzesgemäß – der „Tag der Arbeitsruhe“, jedenfalls für die meisten. Vielleicht auch die Langeweile, die mancher schon als Kind empfunden hat. Der zu entgehen, zum Beispiel mit Laub wegblasen oder mit Freunden das neue Carport aufstellen, geht allerdings auch nicht. Das wäre nämlich „die Sonntagsruhe störender Lärm“ und damit ebenfalls verboten.

Von Michael Schwekendiek

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