Extrakurse an der Schule

Immer mehr Schulkinder können nicht richtig schwimmen

Schwimmmeister Jörg Cordes (l.) und Sportlehrer Michael Plötz
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Schwimmmeister Jörg Cordes (l.) und Sportlehrer Michael Plötz erleben, dass das Problem größer wird: Immer mehr Kinder können selbst in höherem Alter nicht richtig schwimmen.

Corona hat die Situation noch verschlimmert. Immer mehr Kinder und Jugendliche können nicht richtig schwimmen. Am Ratsgymnasium zum Beispiel hatten zuletzt 15 von rund 100 Fünftklässlern noch keine Schwimmausbildung. Lehrer und Bademeister schlagen Alarm.

Rotenburg – Ein Jahr ist es her, da berührt die Geschichte eines wagemutigen 15-jährigen Lebensretters am Bullensee die Menschen, aber ebenso schockiert die Nachricht, dass eine 25-jährige Frau ertrinkt. Die gebürtige Kamerunerin, Auszubildende am Rotenburger Diakonieklinikum zur Gesundheits- und Krankenpflegerin, konnte zwar schwimmen, aber war unsicher im offenen Gewässer, wie es später hieß.

Junge Menschen, die Gefahren im Wasser unterschätzen oder nicht wissen, wie sie damit umgehen können: „Das Problem ist manifest geworden“, sagt Michael Plötz. Der 61-Jährige aus Ahausen ist Fachleiter Sport am Rotenburger Ratsgymnasium und hat in diesen Tagen einen besonderen Kurs betreut – 15 Fünftklässler, die im Erlebnisbad erst einmal richtig schwimmen lernen mussten, bevor es mit dem Sportunterricht im Wasser losgehen kann.

Eltern wälzen Verantwortung ab

„Früher konntest du in der Grundschule schwimmen“, ist sich Plötz sicher. Das sei kein „Erinnerungsoptimismus“ an „gute alte Zeiten“, sondern einfach ein realistischer Blick auf die Gegenwart, in der nicht nur die Freizeitgestaltung anders sei, sondern auch Eltern sich beim Thema gleichgültiger verhalten. Das weiß auch Schwimmmeister Jörg Cordes, der die Szenen im Erlebnisbad Ronolulu kennt: Mütter oder Väter auf Liegen am Beckenrand, auf dem Handy tippend, während der Nachwuchs ins Wasser springt. Immerhin sei hier der Schritt vollzogen, überhaupt ins Bad zu gehen. Aber, betonen beide, die Gewöhnung ans Wasser müsse eigentlich viel früher zuhause beginnen. Allerlei Vorrichtungen gebe es ja mittlerweile, damit Babys beim Duschen oder Baden gar kein Wasser mehr ins Gesicht bekommen, wundert sich Cordes. Wie soll da die Angst vor dem Nassen überhaupt weichen?

Und dann seien die Erwartungen andere geworden. Für die Aufsicht im Schwimmbad seien die Bademeister verantwortlich, und schwimmen beigebracht werde den Kindern schon in der Schule. „Das können wir aber gar nicht leisten“, sagt Lehrer Plötz. 15 von rund 100 Kindern im fünften Jahrgang des Ratsgymnasiums haben an dem Anfängerkurs teilgenommen, um es bis zum Freischwimmer oder wenigstens einer gewissen Sicherheit im Wasser zu bringen. Das seien pro Klasse ungefähr vier Nichtschwimmer – Sportunterricht im Schwimmbecken sei da selbst mit der Unterstützung eines FSJlers kaum möglich.

Nicht genug Schwimmzeiten für alle

Und die Pandemie hat das Problem verstärkt. Nahezu eineinhalb Jahre gab es keine Schwimmkurse im Ronolulu, sagt Cordes. Auch die Schulen konnten nichts ins Bad. Im Homeschooling lässt sich Schwimmen nicht lernen. Viel von dem, was schon mal da war, sei wieder verloren gegangen, manche waren noch gar nicht soweit. Das Ratsgymnasium hat bereits reagiert und den eigentlich für den fünften Jahrgang vorgesehenen Schwimmunterricht auf den sechsten verschoben. Danach ist erst einmal Schwimmpause im Unterricht, erst in der Oberstufe gibt es wieder entsprechende Kurse.

Ist das nicht zu wenig? „Wir haben gar nicht genug Schwimmzeiten für alle Schulen“, bedauert Cordes. Über die Rotenburger Schulen hinaus besuchen auch andere das Ronolulu, und auch für den normalen Badegast sei man ja immer offen. Dass man insgesamt in der Region mit den Freibädern vor Ort im Vergleich zu anderen noch gut ausgestattet sei, ändere wenig am Grundproblem – und das könnte sich zeigen, „wenn die Kinder nachmittags ohne Aufsicht am See oder in der Wümme spielen“, so Plötz.

Erfolgreicher Kurs

Der Landeselternrat hat sich in diesen Tagen diesbezüglich mit einem Forderungskatalog an das Kultusministerium gewandt. Im Kern geht es um mehr Geld, damit Schwimmunterricht an den Schulen verstärkt werden könne. Mit Partnern wie Sportverbänden, der DLRG und Vereinen müssten Lösungen für mehr Sicherheit des Nachwuchses im Wasser gefunden werden.

Im Ronolulu selbst laufen die Anstrengungen auf Hochtouren, Versäumtes nachholen zu können. Gleich zur Wiedereröffnung im Juni haben acht Anfänger-Schwimmkurse parallel stattgefunden, „so viele wie nie“, so Cordes. Auch in den Sommerferien gebe es Intensivkurse, nach den Ferien, sofern es die Pandemie zulasse, gehe es weiter. Dass sich das Engagement lohnt, zeigt Plötz’ Schülergruppe: „Schwimmen können jetzt alle“, sagt er nach 15 Stunden zusätzlichem Unterricht. Elf haben sogar den Freischwimmer geschafft.

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