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Illustratorin Anja Wunderlich: Mit Stift und Zettel in Rotenburg unterwegs

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Von: Ann-Christin Beims

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Bei jeder Gelegenheit zückt Anja Wunderlich ihren Skizzenblock. Menschen zeichnet sie lieber als Landschaften.
Bei jeder Gelegenheit zückt Anja Wunderlich ihren Skizzenblock. Menschen zeichnet sie lieber als Landschaften. © Beims

Ein Spaziergang mit Illustratorin und Grafikerin Anja Wunderlich bietet Einblicke in ihre Leidenschaft. Ohne Skizzenbuch verlässt sie nicht das Haus. Ihre Illustrationen sind bei Hochzeitspaaren und Buchverlagen gefragt.

Rotenburg – Es ist trüb, die Sonne hat ihre Strahlen schon seit Tagen nicht mehr durch die dicke Wolkendecke geschoben. Doch es ist trocken. Diese Regenpause will Anja Wunderlich nutzen: Sie zieht sich warm an, packt ihre jüngste Tochter in den Kinderwagen, befestigt den Rucksack daran und wir gehen los. Die Rotenburgerin ist Illustratorin und Grafikerin und sagt über sich selber: „Ich gehe nie ohne Skizzenbuch aus dem Haus.“ Das macht neugierig, also haben wir uns zu einem Spaziergang verabredet.

Die Illustratorin gibt einen Einblick in eines ihrer Skizzenbücher.
Die Illustratorin gibt einen Einblick in eines ihrer Skizzenbücher. © Beims

Und sie hat nicht zu viel versprochen: Neben den Dingen, die sie für ihre Tochter brauchen könnte und einem großen Thermobecher mit Blaubeerpunsch enthält der Rucksack ein Skizzenbuch. Und wie sich schnell zeigt, nicht nur eins: „Das kleine ist für meine Kinder“, sagt sie, als sie ein orangefarbenes Heft aus der Seitentasche zieht. Ihre beiden Älteren hat sie mit ihrer Leidenschaft angesteckt. So sind ein kleines Heft und ein Federmäppchen mit Buntstiften ebenfalls immer im Gepäck.

Gemalt hat auch sie schon immer gerne. Bereits im Kindergarten verkündet Wunderlich, Künstlerin werden zu wollen. Die Mutter würde sich zwar auch über eine Ärztin freuen, aber: „Da habe ich mich wohl durchgesetzt“, sagt die Rotenburgerin und lacht. Zwar passiert heute viel Arbeit am Computer, sie bevorzugt aber ganz traditionell Stift, Pinsel und Zettel.

Zeichnen als Meditation

Damit beginnt für gewöhnlich ihr Tag. Sie schnappt sich einen Kaffee, ihren Block „und dann kritzel ich einfach vor mich hin“. Auch beim Telefonieren fängt sie oft an, zu malen. Als Papier fehlte, musste auch schon mal der Schreibtisch herhalten. Den gibt es nicht mehr. Man muss auch wegschmeißen können, lebt sie ihren Kindern vor. Nicht jeder Pinselstrich kann aufgehoben werden. „Dann bräuchten wir ein extra Haus.“

Mit ihrer Tochter ist Anja Wunderlich oft draußen, sammelt Inspiration.
Mit ihrer Tochter ist Anja Wunderlich oft draußen, sammelt Inspiration. © Beims

Momentan ist ihr Start in den Tag oft ein Gang mit ihrer Tochter, erzählt die 38-Jährige, während sie den Kinderwagen eine Brücke hochschiebt. Sport ist gerade nicht notwendig, antwortet sie auf meine Frage danach und lacht. Aber Ruhepausen müssen sein. Die hat sie in ihrem Atelier. „Das ist wie Meditation für mich, ich vergesse die Zeit. Gerade in den Abendstunden – da ist es schnell mal 3 Uhr morgens.“

Selbstständigkeit in der Kleinstadt

Dass sie selbstständig ist, passt aber gut. Sie kann sich ihre Aufträge einteilen. Nach dem Studium hat sie zunächst nur freiberuflich als Illustratorin gearbeitet und war als Mediengestalterin in einer Hamburger Druckerei angestellt. Mit der Familienplanung zieht es Wunderlich und ihren Mann dann in die Wümmestadt. „Damit habe ich den Sprung in die komplette Selbstständigkeit gewagt“, erinnert sie sich.

Die familiäre Art der Kleinstadt schätzt sie. Wenn sie unterwegs ist und sich in ein Café setzt, fängt sie oft an, zu malen. Sie beobachtet und lässt sich von Menschen und anderen Dingen in ihrer Umgebung inspirieren. Für ihren Mann war es am Anfang ungewohnt, dass seine Frau anderen hinterherguckt und sagt, wie toll diese aussehen, erzählt sie und lacht. Mittlerweile weist er sie selber auf interessante Gesichter hin.

Von denen sind heute nicht viele zu sehen. Das schmuddelige Wetter zieht die wenigsten an die frische Luft. Zwar fahren an den Straßen immer mal Autos und Lkws vorbei, auf den Nebenwegen ist es jedoch nahezu menschenleer. Einmal hält ein Spaziergänger mit seinem Hund neben uns an. Neugierig begutachtet der kleine Vierbeiner uns, schnüffelt und zockelt weiter.

Malblockaden kommen auch vor

Der Winter ist auch nicht Wunderlichs liebste Jahreszeit. „Ich bin eine Frostbeule.“ Wenngleich sie anmerkt, dass jede Jahreszeit ihre schönen Seiten habe – schließlich zieht sie daraus ihre Inspiration. Am liebsten zeichnet die 38-Jährige jedoch Menschen. Viele Bilder entstehen erst beim Malen. „Ich habe ein Bild im Kopf. Manchmal wirkt es aber nicht so wie erhofft auf dem Papier. Dann werfe ich alles noch einmal um oder baue neue Elemente ein. Es entwickelt sich von alleine weiter.“

Ich male gerne und jeden Tag, das ist wie eine Sucht. Aber irgendwas krampfhaft auf Papier zu bringen, bringt gar nichts.

Anja Wunderlich

Dabei kann es auch mal zu einer Malblockade kommen. Die hatte Wunderlich im vergangenen Jahr. „Da setzt man sich hin, hat aber keine Ideen. Es bringt nichts, dann weiterzumachen. Man sieht es den Bildern an, dass man keinen Spaß daran hatte.“ Also Pause – auch, wenn ihr das schwergefallen ist. „Ich male gerne und jeden Tag, das ist wie eine Sucht. Aber irgendwas krampfhaft auf Papier zu bringen, bringt gar nichts.“

Hochzeitspaare und Verlage als Kunden

Wunderlich ist vor allem in den Bereichen Lifestyle, Gesellschaft und Umwelt tätig, nimmt aber auch gerne private Aufträge an. „Wenn mal ein Romanautor anklopft, freue ich mich.“ Gerade coronabedingt seien viele auf die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben. „Da kamen häufiger Anfragen. Aber die haben oft nicht damit gerechnet, was da für ein riesiger Aufwand hintersteckt.“ Aufträge kamen dann nicht immer zustande.

In der Kleinstadt wollte sie ohnehin stärker privat arbeiten. Vor der Pandemie hatten viele Hochzeitspaare ihre Designs über Wunderlich laufen lassen. Eine schöne Aufgabe, bekomme man doch viel aus dem Leben des Paares mit. Außerdem hat sie Workshops im Aquarellmalen gegeben. Wenngleich das am Anfang gar nichts für sie war: „Ich habe erst im Studium meine Liebe dafür entwickelt. Ich konnte es einfach nicht und habe es gehasst“, gibt sie zu. Dann habe ihr eine Freundin ein paar Tipps gegeben – und der Funke sprang über. Heute malt sie zwischendurch auch Porträts für Kunden. „Einer hat mal ein altes Porträt verloren und wollte so eines gerne wiederhaben.“ Aber die Ähnlichkeit zu Menschen in ihren Bildern zu treffen, falle ihr bei denen leichter, die sie persönlich kennt. „Da nimmt man ganz andere Gesichtszüge wahr als bei Fremden.“

Die Illustratorin gibt einen Einblick in eines ihrer Skizzenbücher.
Die Illustratorin gibt einen Einblick in eines ihrer Skizzenbücher. © Beims

Deswegen braucht sie bei Aufträgen für Bücher so viele Informationen wie möglich über die Figuren. Welchen Charakter haben sie? Wie sehen sie aus? Was soll auf den Bildern zu sehen sein? Ein Kennenlerngespräch ist wichtig. „Dann einigen wir uns auf eine Skizzenphase, da kann noch an allem rumgemeckert werden“, sagt sie und grinst, während wir gemütlich um eine Kurve spazieren. Obwohl Wunderlich gerne liest, sind die von ihr bebilderten Werke für sie meist nicht mehr so spannend: „Man weiß viel mehr über die einzelnen Charaktere und warum jemand so agiert, wie er es tut.“ Dann gebe es keine Überraschungen mehr.

Kalender aus Graspapier

Am liebsten mag sie es jedoch, wenn ihr ein Verlag viel freie Hand lässt. So arbeitet sie seit drei Jahren mit Marabooks aus Dresden zusammen. Der Verlag produziert Kalender und Notizbücher aus Graspapier. „Das beziehen sie aus dem Umland und produzieren alles komplett vegan. Ich finde die Idee dahinter toll.“ Für den Verlag hat sie einen Jahreskalender gestaltet. Außerdem malt sie jedes Jahr ein Unikat. Meist im Oktober erhalten sie und andere Illustratoren und Künstler einen Blanko-Kalender. Diese malen das Cover selber, die Kalender werden dann verlost.

Nachhaltiges Graspapier: Von der Idee war Anja Wunderlich schnell begeistert. Einen Jahreskalender aus diesem Material hat sie dann bebildert.
Nachhaltiges Graspapier: Von der Idee war Anja Wunderlich schnell begeistert. Einen Jahreskalender aus diesem Material hat sie dann bebildert. © Beims

Mittlerweile sind wir wieder vor ihrem Haus angekommen. Vom Blaubeerpunsch hat sie noch nichts getrunken – zu vertieft waren wir ins Gespräch. Ein Blick zum Himmel zeigt: Die Wolkendecke ist unverändert dick, wir sind aber trocken geblieben. Und Wunderlich hat nicht zu viel versprochen: Denn eines ihrer Skizzenbücher hält sie schon wieder in der Hand.

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