Professor Michael Schulte verlässt das Rotenburger Diakonieklinikum

„Ihr Mut hat mich beeindruckt“

Professor Michael Schulte
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Ende März verlässt Professor Michael Schulte, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie sowie ehemaliger Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer, das Rotenburger Diakonieklinikum und verabschiedet sich in den Ruhestand.

Rotenburg – Fast 20 Jahre lang prägte Professor Michael Schulte das Rotenburger Diakonieklinikum: Er leitete es als Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer, als Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie stärkte er dazu die medizinische Versorgung über die Grenzen der Kreisstadt hinaus. Doch nicht nur beruflich engagierte sich Schulte, dank dessen Initiative beispielsweise Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten im Klinikum versorgt werden konnten. Auch privat war er sehr aktiv, zum Beispiel bei der Verlegung von Stolpersteinen oder indem er dafür sorgte, dass es im Klinikfoyer eine Informationstafel mit Hintergründen zu Zwangssterilisationsmaßnahmen während der NS-Diktatur gibt. Die Aufarbeitung der Vergangenheit sowie die Erinnerung und Mahnung daran seien ihm immer wichtig gewesen. Ein paar Einblicke in seinen Alltag und sein Engagement gibt er im Interview.

Ende März verlassen Sie das Diakonieklinikum als Geschäftsführer und Chefarzt. Sie haben es in vielen Bereichen geprägt. Fällt Ihnen der Abschied schwer?

Es ist ja nicht nur ein Abschied nach fast 20 Jahren vom Diakonieklinikum, sondern gleichzeitig vom Berufsleben nach fast vier Jahrzehnten. Da ich meinen Beruf sehr gern ausgeübt habe und die Arbeit am Diakonieklinikum besonders Spaß gemacht hat, fällt so ein Abschied naturgemäß nicht leicht. Darüber hinaus haben mir die Mitarbeiter den Abschied keinesfalls leicht gemacht! Das Nebenamt des Geschäftsführers konnte ich bereits im vergangenen Jahr meinem Nachfolger in der Position des Ärztlichen Direktors übertragen, was mir außerordentlich leichtgefallen ist.

In Ihrer Zeit als Chefarzt und später auch als Ärztlicher Direktor haben Sie jede Menge Entwicklungsschritte miterlebt und zum Teil mitverantwortet. Welche waren die wichtigsten?

In diese Zeit gehören die Betriebsstättenzusammenführung mit Umzug der Lungenklinik, die Schaffung neuer Kliniken und Abteilungen, darunter die Gefäßchirurgie, Onkologie, Psychosomatik, Nephrologie, Geriatrie und Palliativmedizin, die Etablierung medizinischer Zentren, aber auch der Verlust der Selbstständigkeit des Diako im Rahmen der Fusion mit Agaplesion.

Wachstum ist das eine, Krankenhäuser an der Belastungsgrenze das andere – ein Dauerthema in der Pandemie. Welche Lehren müssen die Krankenhäuser grundsätzlich und das hier in Rotenburg im Speziellen aus dieser Krise ziehen?

Auch ohne die Pandemie war der Krankenhausalltag für Mitarbeiter und Patienten bereits durch Zeitdruck und Personalmangel geprägt. Die Pandemie bedeutet für die Mehrzahl der Krankenhäuser eine zusätzliche Belastungsspitze. Ursache für dieses Dilemma ist eine Ökonomisierung der gesamten Medizin, durch die Engpässe erzeugt worden sind, die unter Pandemiebedingungen besonders deutlich werden, wenn beispielsweise nicht ausreichend Intensivbetten zur Verfügung stehen oder dringliche Behandlungen verschoben werden müssen.

Vor mehreren Jahren haben Sie ein neunjähriges Mädchen aus Afghanistan, Wahida, wegen einer Lepraerkrankung behandelt. In ihrer Heimat wurden ihr Jahre später aus Unwissenheit der dortigen Ärzte der linke Unterschenkel und die Zehen des rechten Fußes amputiert. Wie geht man mit solchen Schicksalen um?

Das Schicksal von Wahida führt das Problem einer völlig inadäquaten medizinischen Versorgung in den meisten Entwicklungsländern vor Augen, aber auch den Umstand, dass wirksame Medikamente nur dort verfügbar sind, wo man mit ihnen Geld verdienen kann. Diese Situation sollten wir in den reichen Industrieländern keinesfalls akzeptieren.

Gibt es ein Schicksal, das Ihnen in all den Jahren besonders in Erinnerung geblieben ist? Vielleicht auch im Zusammenhang mit dem Freibettfonds?

Mir fallen eine Reihe von überwiegend jugendlichen und kindlichen Patientinnen und Patienten mit Krebserkrankungen ein, die ich teilweise über mehrere Jahre betreuen durfte. Diese Menschen haben mich durch ihren Mut nachhaltig beeindruckt. Ihre Schicksale berühren einen umso mehr, wenn man selbst Kinder hat.

Zur Person

Michael Schulte ist 1955 in Boffzen an der Weser geboren worden. Nach seinem Studium der Humanmedizin in Köln ging es an die Chirurgische Universitätsklinik Ulm und von dort aus später nach Rotenburg. Am Diakonieklinikum sei es mit dem heute 66-Jährigen gelungen, wichtige klinische Ziele festzulegen, zu verfolgen und umzusetzen. Dazu gehört die Einrichtung eines Ethikkomitees. Die Spezialgebiete des Rotenburgers, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, lagen in der Versorgung von Schwerunfallverletzten, in der Behandlung von Knochentumoren, Skelettmetastasen und Weichteiltumoren sowie in der Endoprothetik des Hüft- und Kniegelenkes. Seine Nachfolge in der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie tritt zum 1. April Professor Max Daniel Kauther an. Er war vorher stellvertretender Klinikdirektor der Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Essen. 

An welchem Projekt im Diako haben Sie besonders gerne mitgewirkt?

An der Entwicklung meiner eigenen Klinik zu einem überregionalen Traumazentrum und zu einem Endoprothetikzentrum.

In welcher beruflichen Situation haben Sie sich zuletzt die Haare gerauft – und warum?

In meinem Beruf als Arzt habe ich mir niemals die Haare raufen müssen. In meiner Rolle als Geschäftsführer gab es dagegen mehr als eine Situation, die mir schlaflose Nächte bereitet hat.

Nennen Sie ein Beispiel?

Beispielsweise bei der notwendigen Trennung von einzelnen Ärzten am Klinikum – über die Vorgänge ist ja in den Medien ausführlich berichtet worden.

Sie haben den Ärzte-Appell des Sterns mitunterzeichnet. Er ist ein Zeichen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Medizin?

Das System der Fallpauschalen ist mit derartig vielen Fehlanreizen verbunden, dass es abgeschafft werden müsste. Statt uns zu fragen, was ein Patient uns bringt, sollten wir überlegen, was dem Patienten helfen kann.

An welchen Stellschrauben muss dringend gearbeitet werden?

Die Attraktivität von Pflegeberufen muss dramatisch erhöht werden. Eine weitere Privatisierung von Krankenhäusern muss verhindert werden. Auch für diese Ziele müssen unsere Gesellschaft und die Politik ernsthaft bereit sein, andere Prioritäten bei der Ressourcenverteilung zu setzen, beispielsweise statt Verfolgung einer Zwei-Prozent-Vorgabe bei der Aufrüstung das Gesundheitswesen als elementaren Bestandteil der Daseinsvorsorge zu stärken.

Warum würden Sie Patienten und jungen Nachwuchsmedizinern das Diakonieklinikum empfehlen?

Patienten wegen des Versorgungsspektrums, der Behandlungsqualität und vor allem des Engagements der Mitarbeiter. Nachwuchsmedizinern zusätzlich wegen der hohen Ausbildungsqualität.

Als Rotenburger haben Sie sich auch außerhalb des Krankenhauses engagiert – zum Beispiel in Sachen Cohn-Scheune. Wie haben Sie das zeitlich geschafft?

Das war nur zu schaffen, weil ich mich in der Klinik auf ein hochkompetentes Team verlassen konnte, dass mir stets den Rücken freigehalten hat.

Warum war und ist Ihnen dieses Engagement so wichtig?

Ich habe es immer als Verpflichtung gesehen, das Gedenken an die Opfer der NS-Zeit wach zu halten und die Lehren aus der jüngeren deutschen Geschichte an die nachfolgende Generation weiterzugeben. Aufgrund der politischen Entwicklung in den vergangenen Jahren erscheint mir diese Aufgabe aktueller denn je.

Welche Projekte haben Sie sich jetzt für den Ruhestand vorgenommen?

Ich möchte mich verstärkt um Projekte in der Dritten Welt kümmern, konkret sind Aufgaben in Afghanistan und Kambodscha in der Planung.

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