Experte für Venezuela

Rotenburger Heinz Dieterich ist in Lateinamerika ein berühmter Mann

+
Der Soziologe Heinz Dieterich salutiert in seiner Wohnung in Mexiko-Stadt mit einem Barett, das ihm vor 20 Jahren der venezolanische Präsident Chavez geschenkt hat.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Wenn es um die Einschätzung der politischen Lage in Venezuela geht, ist Heinz Dieterich derzeit ein gefragter Mann. Der 75-jährige Soziologie-Professor, der in Mexiko lehrt, gilt als Ideologe des sogenannten Sozialismus des 21. Jahrhunderts. In Lateinamerika ist er ein berühmter Mann. In seiner Heimat weniger: Dieterich stammt aus Rotenburg.

Denkt er an die alte Heimat, läuft Heinz Dieterich zuallererst das Wasser im Mund zusammen: Meiers Bratkartoffeln mit Sauerfleisch - eine Erinnerung, die auch nach Jahrzehnten fern der alten Heimat nicht verblasst. „Universal die besten“, sagt Dieterich. „Sie machen meiner kulinarischen Vorliebe für chinesisches und mexikanisches Essen harte Konkurrenz.“

In Interviews mit der internationalen Presse muss sich Dieterich derzeit allerdings in aller Regel weniger zu norddeutscher Hausmannskost als zur politischen Gemengelage in Venezuela äußern. Einst beriet er den ehemaligen venezolanischen Staatschef Hugo Chavez, den Vater der sogenannten bolivarischen Revolution - benannt nach dem im heutigen Venezuela geborenen Unabhängigkeitskämpfer Simon Bolivar (1783-1830). 

Auch wenn sich Dieterich später von Chavez distanzierte, erinnert er sich dennoch an den aus seiner Sicht „außergewöhnlichen“ Menschen. Dessen Nachfolger Nicolas Maduro hält er dagegen für einen „gescheiterten Mann ohne Zukunft“. Dieterich: „Der Sturz Maduros wird vom Militär ausgehen.“

„Sehr schwere Kindheit und Jugend“

Von der großen Politik mit weltweiter Beachtung konnte Dieterich in jungen Jahren kaum weiter entfernt sein. Von einer „sehr schweren Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit, die gekennzeichnet war durch Armut und der entsprechenden sozialen Diskriminierung, die mit Armut einhergeht“, spricht er rückblickend. Prägend sei für seinen späteren Werdegang und die Überzeugungen die Mutter gewesen, die „Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Solidarität“ gepredigt habe.

Nach dem frühen Tod des Vaters - Dieterich ist erst vier Jahre alt –, muss er weitgehend alleine seinen Weg finden. Nach der Mittelschule folgt eine Lehre bei einem Scheeßeler Baustoffhändler. „Mein Leben war typisch für das der Arbeiterjugendlichen dieser Zeit“, so Dieterich. 

60 Wochenstunden Maloche, am Wochenende der Versuch, auszubrechen. Am Sonntag wurde Fußball gespielt mit der „Dritten“, erinnert sich Dieterich, die dritte Halbzeit war entscheidender: „Stiefel Bier“ in Eddys Kneipe an der Großen Straße. Und zur Vorbereitung hatte man bereits am Samstagabend in Eddys Diskothek „auf der Suche nach Liebe und Glück Fehlschläge und Frustrationen“ einstecken müssen, so Dieterich.

So fiel für den jungen Mann der Abschied aus Rotenburg im Jahr 1962 nicht allzu schwer. Beim Hessen-Kolleg bewirbt sich der „Arbeiter aus der Provinz“ für den zweiten Bildungsweg, verdient sich als Rangierarbeiter bei der Bundesbahn seinen Lebensunterhalt, studiert in Frankfurt bei Theodor Adorno und Max Horkheimer. Im Häuserkampf lernt er Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit kennen. 

Nach seiner Promotion in Bremen kommt er über ein akademisches Austauschprogramm nach Mexiko, erhält einen Lehrauftrag und bleibt. Er ist in der Region bestens vernetzt und gilt als Einflüsterer von linken Politikern und Militärs, leitet ein Institut an der Universidad Autonoma Metropolitana in Mexiko-Stadt. Der Weg aus der Kleinstadt nach Mexiko ist für ihn „eine Odyssee durch die bürgerliche Gesellschaft mit Kant und Kafka als Co-Piloten“.

Nächster Besuch im April

Drei seiner noch in Rotenburg lebenden Geschwister verbinden Dieterich noch mit der Heimat, zumindest einmal im Jahr versucht er, mit seiner mexikanischen Ehefrau Mirna die Kreisstadt zu besuchen. Für April ist der nächste Besuch anvisiert, die Organisation eines Kongresses mit der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau möchte er als Anlass für einen Abstecher nutzen, Klassenkameraden der Grundschule hatten ein Wiedersehen angeregt.

Grundsätzlich sei das Leben in Lateinamerika ein völlig anderes, die Unterschiede „sehr gravierend“, in allen Bereichen. Aber selbst aus der Distanz hat der Soziologe seinen Blick auf Rotenburg nicht verloren. Auch wenn es um Banaleres geht als die bolivarische Revolution, wird er deutlich und spart nicht mit Kritik: „Die Identität der Stadt hängt nur noch, sehr prekär, an zwei wesentlichen Elementen: an Supermärkten und dem Komplex Kirche-Krankenhaus. Beide können natürlich ein geistig-integratives Zentrum des Systems nicht gewährleisten. Die Stadtidentität, die etwa in Verden noch existiert, ist im Wesentlichen verloren gegangen.“ 

Kleine, aber feine Uni für Rotenburg?

Den Weg für Rotenburg ins 21. Jahrhundert könnte die Gründung einer „kleinen, aber zukunftsorientierten“ Universität ebnen, sagt Dieterich. Er denke dabei zum Beispiel an die Branchen Software, Mechatronik, Künstliche Intelligenz, Medizin oder Sprache. Hiermit ließen sich die „verlorenen Töchter und Söhne der Stadt“ zurückgewinnen, und man könnte die „wunderschöne Umgebung“ als weiteren Pluspunkt ausspielen. 

Dass diese Idee, die kürzlich auch das Rotenburger Wirtschaftsforum zur Debatte eingebracht hat, wie viele große Projekte nicht einfach umzusetzen ist, weiß auch der Soziologe: „Hoffen wir, dass es einige kreative stadtverbundene Denker im Wümmetal gibt, die die Idee aufgreifen und umsetzen, ohne in technokratische Modelle zu verfallen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Pizarro schenkt der alten Dame ein – die Netzreaktionen

Pizarro schenkt der alten Dame ein – die Netzreaktionen

Hochzeitsmesse „Braut im Glück“ in Bassum

Hochzeitsmesse „Braut im Glück“ in Bassum

Pizarro und Co.: Die ältesten Torschützen der Bundesliga-Geschichte

Pizarro und Co.: Die ältesten Torschützen der Bundesliga-Geschichte

Pool-Party im Krandelbad

Pool-Party im Krandelbad

Meistgelesene Artikel

Rotenburger Heinz Dieterich ist in Lateinamerika ein berühmter Mann

Rotenburger Heinz Dieterich ist in Lateinamerika ein berühmter Mann

Campus-Fahrplan steht

Campus-Fahrplan steht

Dringende Suche nach Fachkräften

Dringende Suche nach Fachkräften

Zevens neuer Samtgemeindebürgermeister Henning Fricke im Gespräch

Zevens neuer Samtgemeindebürgermeister Henning Fricke im Gespräch

Kommentare