Ehepaar nimmt Flüchtling auf

Adoption nützt nichts: Höflichem Perser droht die Abschiebung

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Werner (l.) und Helene Schütte versuchen, ihrem Adoptivsohn Amin Unterstützung und Halt zu geben.

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Er nennt sie Mutti, für Helene Schütte ist Amin „unser Junge“ – und das sogar ganz offiziell. Denn, wie der Nachname Zalizadek-Schütte verrät: Das Scheeßeler Ehepaar hat den 37-jährigen Perser adoptiert.

Der Iraner, der vor drei Jahren über München, Berlin und Fallingbostel zunächst nach Abbendorf und dann nach Scheeßel kam, erklärt von sich: „Ich bin halber Deutscher!“ Das Problem: Die deutschen Behörden sehen das nicht so – sie wollen ihn abschieben. Die Tatsache, dass der höfliche junge Mann hier Familienanschluss gefunden hat, spiele bei den offiziellen Stellen keine Rolle, so die Auskunft der eingeschalteten Rechtsanwälte.

Dies alles erzählen die drei beim Ortstermin in der gemütlich eingerichteten guten Stube des 83 und 76 Jahre alten Ehepaars. Amin serviert den Kaffee – er kennt sich in der Küche der Schüttes bestens aus. Deren eigene Kinder sind aus dem Haus – die beiden Scheeßeler hatten Zeit, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. Darüber lernten die beiden auch Amin kennen.

Aus der gelegentlichen Hilfe im Garten mit einem Kumpel wurde mehr – schon bald ging der stille junge Mann, der in der Heimat ein eigenes Geschäft führte, fast täglich bei seinen späteren Adoptiveltern ein und aus und Helene Schütte fragte sich: „Was koche ich denen bloß?“ Zum Renner entwickelten sich Rosinensemmeln mit Wurst. Für den Iraner folgte eine typische Eingliederungsgeschichte: einige Praktika, Deutschkurse, ein Integrationskurs. Dort bescheinigte man ihm: „Du schläfst im Unterricht, aber du sprichst am besten von allen!“ Das sei wohl dem engen Kontakt zu „seiner“ Adoptivfamilie zuzuschreiben – sie redeten und motivierten den zwischenzeitlich entmutigten, antriebslosen Gast immer wieder, alle Kurse zu besuchen, „wenn nötig, brachten wir ihn zum Bahnhof“.

Ablehnungsbescheid war ein Schock

Als im vergangenen Juli sein Ablehnungsbescheid kam, war das ein Schock: Alle Freunde, die genau wie er aus religiösen Gründen geflohen waren, waren bereits anerkannt worden. Das Interview sei nicht gut gelaufen, erinnert sich Amin, der immer wieder wegen Depressionen behandelt worden ist. Zweieinhalb Stunden hatte er warten müssen, bevor er mehrere Stunden lang befragt wurde. „Ich kann nicht gut reden“, gibt er zu. Auch heute legt sich das anfängliche Stottern erst, als die Aufregung gewichen ist. Er versteht die Welt nicht mehr: „Ich will doch nur Gerechtigkeit – und Sicherheit.“

In die Heimat kann er nach eigener Aussage nicht zurück – die Kirche des zum Christentum konvertierten Moslems ist verboten. Diejenigen, die sich damals heimlich getroffen haben, um in der Küche ihren Glauben zu leben und ihre Gottesdienste abzuhalten, seien längst inhaftiert. Schon vor dem Bescheid seiner Ablehnung im vergangenen Juli hatte das Ehepaar Schütte, nach dem OK der eigenen Kinder, deren Erbrechte ja betroffen sind, die Adoption eingeleitet.

Keine Einwände vom Amtsgericht

Das Amtsgericht hatte keine Einwände: Am 7. Dezember wurde Amin offiziell ihr Sohn. Warum sie sich zu diesem Schritt entschlossen haben? „Jeder Mensch braucht doch Hilfe und Unterstützung“, fasst Werner Schütte das eigene Engagement und das seiner Frau zusammen. Die ehemalige Gemeindeangestellte kümmert sich seit mehr als 20 Jahren um Zugezogene – aus dem Libanon und Russlanddeutsche. „Damals war es einfacher, zu helfen“, konstatiert sie.

Die Selbstmordgedanken ihres Adoptivsohns kann sie nur schlecht ertragen – man spürt die Hilflosigkeit am sorgsam gedeckten Kaffeetisch. Wie es weitergeht? Schulterzucken. Die Anwälte sind eingeschaltet. Die Schüttes stehen im Kontakt mit den leiblichen Eltern, ja sogar von einem Besuch im Iran ist die Rede. Erstmal geht es zur Abifeier der Enkelin, auch bei einem 80. Geburtstag von Verwandten ist Amin, der inzwischen einen Führerschein und eine Arbeitserlaubnis hat, dabei. „Wir versuchen, ihn abzulenken“, meint Helene Schütte.

Das Gedankenrad wird sie wohl nur schwer stoppen können: Immer wieder wiederholt Amin in den zwei Stunden des gemeinsamen Kaffeetrinkens: „Warum hilft mir denn niemand? Ich will doch nichts als Gerechtigkeit!“

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