Mechthild Ross-Luttmann verabschiedet sich aus dem Landtag / Sie freut sich nun auf ein Leben ohne Terminkalender

„Ich habe mir einen Hund gekauft“

Mechthild Ross-Luttmann zieht sich aus der großen Politik zurück und freut sich auf ein Leben ohne Terminkalender. - Foto: Menker

Rotenburg - Im Eingangsbereich der Rotenburger CDU-Geschäftsstelle stapeln sich die Kisten mit Chips-Tüten. Den „Wahlmampf“ wird Eike Holsten mit seinem Unterstützer-Team unters Volk bringen, der darauf hofft, am 15. Oktober das Direktmandat im Altkreis Rotenburg zu gewinnen. Gelingt ihm das, tritt er die Nachfolge von Mechthild Ross-Luttmann an. Die Christdemokratin verabschiedet sich nämlich aus der großen Politik. Ganz so, wie sie es bereits vor knapp einem Jahr angekündigt hatte. Feierabend nach 15 Jahren. Wir haben mit ihr darüber gesprochen.

Wie schwer wird es Ihnen fallen, jetzt anderen das Feld zu überlassen?

Mechthild Ross-Luttmann: Ein bisschen schwer schon. Aber auf der anderen Seite weiß ich, dass ich einen sehr guten Nachfolger habe, wenn die Wähler Eike Holsten das Vertrauen schenken. Er ist in der Region verwurzelt, und damit fällt es mir dann auch wieder leicht.

Wie bewerten Sie das Ergebnis der Bundestagswahl mit Blick auf den 15. Oktober?

Ross-Luttmann: Ich war bei Kathrin Rösel sehr zuversichtlich, weil sie einen sehr engagierten Wahlkampf gemacht hat. Natürlich hätte ich mir ein anderes Wahlergebnis gewünscht. Aber ich denke, in Niedersachsen ist das Ergebnis zumindest insofern positiv, weil wir die stärkste Kraft sind. Ich habe es bedauert, dass die SPD so schnell gesagt hat, sie geht in die Opposition. Ich hätte mir gewünscht, dass alle demokratischen Parteien sagen, „wir werten das Wahlergebnis aus und schauen dann, wie es für Deutschland weitergeht“. Aber die Entscheidung ist ja von der SPD getroffen, es wird sicherlich nicht einfach sein, eine Koalition in Berlin zu schmieden. Aber mir ist eines sehr deutlich geworden: Für die Wähler sind die Themen wichtig, die auch landespolitisch von großer Bedeutung sind – die innere Sicherheit, Bildung, Arbeitsplätze. In Bernd Althusmann haben wir einen Ministerpräsident-Kandidaten, der diese Themen repräsentiert und für diese Themen steht. Das stimmt mich für die Landtagswahl ausgesprochen positiv. Auch für Eike Holsten.

Wie viel Wehmut war bei Ihnen während der letzten Sitzung des Landtages in dieser Wahlperiode im Spiel?

Ross-Luttmann: Ja, natürlich war Wehmut im Spiel. In der vergangenen Woche habe ich auch meine letzte Rede im Landtag gehalten und mich persönlich von den Kolleginnen und Kollegen verabschiedet. Das ist mir sehr wichtig. Denn während der Landtagszeit habe ich auch schwierige Zeiten erlebt und gemerkt und mich gefreut, dass ich mich auf meine Fraktion verlassen konnte. Ich habe auch über die Parteigrenzen hinweg viele Kollegen kennengelernt, mit denen ich mich gut verstanden habe und mit denen wir viele Dinge gemeinsam diskutiert haben und zu Kompromissen gekommen sind. Das war sehr gut. Und 15 Jahre Landtag ist eine lange Zeit. Da ist dann natürlich Wehmut im Spiel.

Warum wollten Sie eigentlich nicht noch einmal antreten?

Ross-Luttmann: Letztendlich waren es gesundheitliche Gründe, die mich dazu bewogen haben, „Nein“ zu sagen. Es ist ein sehr anspruchsvoller und stressiger Job. Man lebt sehr nach Terminkalender. Ich habe mehrere schwere Krankheiten durchlebt in den letzten Jahren. Deshalb war es die richtige Entscheidung.

Ruhestand oder nur eine längere Pause: Wie geht es mit Ihnen weiter, was haben Sie als Nächstes vor?

Ross-Luttmann: Also, ich bin dankbar für das, was war. Und ich freue mich auf das, was kommt. Zunächst möchte ich einmal durchatmen und ohne Terminkalender leben, mich daher auch politisch zurückziehen – auch, um anderen die Möglichkeit zu geben, etwas zu gestalten. Ich freue mich sehr auf meine Ehrenämter im Deutschen Roten Kreuz als Vize-Präsidentin im Landesverband, in der katholischen Kirche und – für mich ganz wichtig – im Aufsichtsrat der Rotenburger Werke. Das sind viele Ehrenämter, die auch Zeit kosten, die einem aber auch unendlich viel geben. Darauf freue ich mich auch. Und: Ich habe mir gestern einen Hund gekauft!

Lassen Sie uns ein wenig zurückblicken: Sie waren 15 Jahre lang im Niedersächsischen Landtag, zwischenzeitlich außerdem fünf Jahre Sozialministerin. Was nehmen Sie mit aus dieser Zeit?

Ross-Luttmann: Den Kontakt mit vielen Menschen. Ich hatte viel Kontakt mit Menschen mit Behinderung – das waren wunderbare Erlebnisse, weil sie trotz ihrer schweren Behinderung außerordentlich freundlich und agil sind. Dann das Nichtraucherschutzgesetz, das fiel in meine Ministerzeit, und es war nicht einfach durchzusetzen. Aber ich glaube, es ist heute jeder froh, in einer Kneipe zu sitzen, ohne dass neben ihm jemand raucht. Im Nachhinein hat sich gezeigt, dass es genau richtig war. Es gab auch schwierige Debatten im Landtag. Zum Beispiel zum Landesblindengeld. CDU und FDP haben es in einer äußerst schwierigen finanziellen Haushaltslage des Landes abgeschafft. Es war für mich eine enorm schwierige Entscheidung. Daher war ich sehr dankbar, dass ich es als Ministerin in Einverständnis mit dem Landesblindenverband und mit Unterstützung von CDU und FDP wieder einführen konnte. Ich hatte immer eine hohe Unterstützung hier im Wahlkreis. Es gab ein enges Netzwerk, getragen von meiner Partei und den vielen Mitgliedern. Ich bin von vielen Menschen mit der Bitte um Unterstützung angesprochen worden, auch von Verbänden und der Wirtschaft. Das sind sicherlich Dinge, die einen prägen und helfen, die Bodenhaftung zu behalten.

Und Sie haben jedes Mal den Wahlkreis direkt gewonnen.

Ross-Luttmann: Ja, ich habe ihn jedes Mal direkt gewonnen. Und ich habe beim ersten Mal auch die Nominierung gegen zwei Männer und danach auch die Wahl gegen Bodo Räke (Kandidat der SPD, Anm. d. Red.) gewonnen, den ich persönlich sehr geschätzt habe. Es war damals ein schwieriger Wahlkampf gegen eine Institution, die Bodo Räke ja nun einmal war.

Was haben Sie in diesen vielen Jahren alles richtig gemacht?

Ross-Luttmann: Auf alle Fälle das Nichtraucherschutzgesetz und die Wiedereinführung des Landesblindengeldes. Außerdem habe ich die Vorsorgeuntersuchung für Kinder verbindlicher gestaltet, weil durch sie rechtzeitig erkannt wird, wo nachgesteuert werden muss. In meine Zeit als Ministerin fiel auch die Vogelgrippe mit der Diskussion darüber, wie viel Impfmittel angeschafft werden müssen. Gottseidank ist es in Deutschland nicht zu einem vermehrten Ausbruch der Krankheit und damit nicht zu einer Epidemie gekommen. Ich war außerdem auch Bauministerin und Vorsitzende der Bauministerkonferenz. In dieser Zeit ist im Süden Deutschlands ein Sporthallendach eingebrochen. Da wurde von mir als Vorsitzende ein Vorschlag erwartet, wie damit umzugehen ist. Es gab also viele schwierige und komplizierte Diskussionen, aber ich habe gemerkt: ich habe ein tolles Ministerium, tolle Mitarbeiter, die wirklich sehr engagiert mitgearbeitet haben. Und: eine tolle Fraktion. Wir waren zu Beginn meiner Landtagstätigkeit 2003 91 direkt gewählte Abgeordnete der CDU. Wir wollten viel gestalten. Und ich glaube, wir haben eine ganze Menge bewegt.

Welche Fehler sind Ihnen in dieser Zeit unterlaufen, was würden Sie im Nachhinein betrachtet vielleicht heute anders machen?

Ross-Luttmann: Das ist immer schwierig zu sagen. Fehler macht jeder. Ich habe sicherlich auch welche gemacht. Eigentlich müssten das andere beurteilen. Ich bin mir immer nicht so sicher, ob die Abschaffung des Blindengeldes ein Fehler war. Im Nachhinein würde ich sagen: ja. Aber ich habe es ja auch wieder eingeführt.

Sie haben „auf den letzten Metern“ mit Elke Twesten noch eine neue und doch altbekannte Fraktionskollegin bekommen. Können Sie diesen Schritt von Elke Twesten richtig nachvollziehen?

Ross-Luttmann: Für sie war dieser Schritt sehr schwer, glaube ich. Sie war über 20 Jahre Mitglied der Grünen und hat sich immer für grüne Ideen eingesetzt. Es muss viel vorgefallen sein, bis sie diese Entscheidung getroffen hat. Ich habe Verständnis für diesen Schritt. Ob er zu diesem Zeitpunkt der richtige war, musste sie entscheiden.

Haben Sie Ihrem Nachfolger Eike Holsten schon die Amtsgeschäfte übergeben?

Ross-Luttmann: Nein. Ich bin ja noch Landtagsabgeordnete, und Eike Holsten ist es noch nicht. Aber ich bin zuversichtlich, dass er die Wahl gewinnt. Und dann werde ich mit ihm selbstverständlich auch ein längeres Gespräch führen. Wir werden in Hannover eine recht neue Fraktion bekommen, 19 Kollegen hören ja auf. Ich unterstütze Eike Holsten im Wahlkampf, soweit er das möchte. Das ist überhaupt keine Frage, aber ich halte mich an das Prinzip, niemandem ungefragt einen Ratschlag zu geben.

Wie schaffen wir es, mehr (junge) Frauen in die Politik zu bringen? Die CDU ist da nicht wegweisend, oder?

Ross-Luttmann: Es ist immer schwierig, dass so definitiv zu sagen. Wir haben eine Bundeskanzlerin, eine Bundesverteidigungsministerin. Das ist was ganz Tolles.

Die sind aber nicht mehr die Jüngsten.

Ross-Luttmann: Das ist wohl richtig, aber es sind taffe Frauen. Wir haben hier in unserem Wahlkreis immer Frauen in verantwortungsvoller Position gehabt. Gut, ich war davon ausgegangen, dass Kathrin Rösel den Wahlkreis gewinnt. Das ist ihr leider nicht gelungen. Aber ich bin ja auch 15 Jahre lang Landtagsabgeordnete gewesen. Wir haben eine Bürgermeisterin in Scheeßel. Aber sicherlich müssen wir mehr tun. Das darf nicht erst ein Jahr vor einer Wahl einsetzen, wo man dann überrascht fragt, wo die Kandidatinnen sind. Damit muss man jetzt schon anfangen, also gucken und Frauen einbinden. Wenn ich zum Beispiel in die Stadtratsfraktion der CDU schaue: Da sind gute Frauen – im Kreistag auch. Da gilt es, sie stark zu machen und sie zu motivieren, vielleicht selbst zu kandidieren, dann also auch den letzten Schritt zu gehen. Das müssen wir schaffen und daher am besten jetzt schon damit beginnen.

Können Sie nachvollziehen, dass es für sie schwer ist?

Ross-Luttmann: Ja, das kann ich – auch wegen meines eigenen Lebenslaufes. Mit 28 Jahren bin ich Dezernentin beim Landkreis Rotenburg geworden. Sehr jung also. Und es gab in Niedersachsen, soweit ich weiß, keine weiblichen Dezernenten. Bei Dezernenten-Treffen war ich zunächst die einzige Frau. Da hat man mich erst ganz groß angeguckt. Das muss sich langsam entwickeln. In den letzten Jahren ist da eine ganze Menge passiert. Wir sind jedoch nicht da, wohin wir wollen. Unser Spitzenkandidat Bernd Althusmann hat gesagt, er möchte 50 Prozent Damen in seinem Kabinett haben.

Sie sind verheiratet und haben drei Kinder. Wie haben Sie das alles geschafft in den vergangenen 15 Jahren?

Ross-Luttmann: Es war schwer. Ohne Zweifel. Diese Frage haben wir uns manchmal selbst auch gestellt. In der Zeit, in der unsere Kinder klein waren, haben wir auf persönliche Freizeit ziemlich verzichtet, mein Mann und ich haben versetzt Urlaub genommen. Wenn wir nicht eine so tolle Tagesmutter gehabt hätten, wäre es auch nicht gegangen. Meine Schwiegereltern haben uns sehr geholfen und waren immer für uns da. Für unsere Kinder war es nicht immer ganz einfach. Das alles hat ein hohes Maß an Disziplin erfordert.

Vor zehn Jahren die Diagnose Krebs. Sie sind operiert worden und nach einer Pause wieder in die Politik zurückgekehrt. Sind Sie eigentlich vollständig geheilt?

Ross-Luttmann: Ja, das war ein Knaller. Geheilt? Ich weiß es nicht. Damals habe ich es sehr öffentlich gemacht, weil ich Ministerin war und als Sozialministerin auch für Gesundheit zuständig war und Frauen, die ein ähnliches Schicksal haben, Kraft geben und Mut machen wollte. Mir selbst hat es auch Mut gemacht, darüber sprechen zu können. Aber man fällt in ein unheimlich tiefes Loch. Ich war ziemlich down. Ich habe mich gefragt: Warum gerade ich? Schaffe ich das? Schafft meine Familie das? Wie gehen wir alle damit um? Das war eine sehr schwierige Zeit, und ich habe mir damals fest vorgenommen, mir mehr freie Minuten zu gönnen. Das hat auch eine kurze Zeit geklappt. Ich würde nicht sagen, ich bin zu 100 Prozent geheilt. Aber im Moment ist alles in Ordnung.

Wer wie Sie selbst einmal an Krebs erkrankt ist, wird einen besonderen Blick auf die erhöhten Krebszahlen in Bothel und Rotenburg haben. Wie sollte man im Landkreis Rotenburg mit diesem Umstand politisch weiter umgehen?

Ross-Luttmann: Das Problem ist, dass noch so viele Fragen offen sind. Daher ist auch die Kommunikation schwierig. Wenn man betroffen ist und eine Ursache vermutet, will man Gewissheit haben. Für sich selbst und für alle, die noch nicht betroffen sind, damit sie Vorkehrungen treffen können. Ich sehe auch die große Gefahr, wenn man das, was Vermutung ist, als wahr betrachtet und vielleicht nicht richtig weiterforscht, weil man glaubt, schon die richtige Ursache gefunden zu haben. A und O ist für mich, dass man alles tut, um die wirkliche Ursache genau herauszufinden und zu erforschen. Was mich persönlich irritiert ist, dass von den erhöhten Krebsraten hauptsächlich Männer betroffen sind. Ich kann mir das nicht erklären. Ich verstehe, dass die Menschen daher entsprechend verzweifelt sind. Sie wollen die Ursache kennen. Jenseits von Zuständigkeitsfragen müssen alle Kräfte zusammenarbeiten, um genau diese Frage zu klären. Ob das gelingt, weiß ich natürlich auch nicht.

Ihr Ehemann Hermann Luttmann ist Landrat im Landkreis Rotenburg. Was meinen Sie – ab wann werden Sie mit ihm gemeinsam den Ruhestand genießen?

Ross-Luttmann: Das weiß ich nicht. Mein Mann ist mit Leib und Seele Landrat und bis Ende 2021 gewählt. Das sind noch vier Jahre. Dann wird er zu gegebener Zeit entscheiden, ob er noch einmal kandidiert.

Von Guido Menker

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