„Internationaler Tag der Patientensicherheit“: Was wird dafür getan?

Hygiene fest im Blick

Über das Thema Patientensicherheit klären Krankenhaushygieniker Joachim Henßel und Qualitätsmanagerin Franziska Boller auf – da sind Abstand und Desinfektionsmittel selbstverständlich.
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Über das Thema Patientensicherheit klären Krankenhaushygieniker Joachim Henßel und Qualitätsmanagerin Franziska Boller auf – da sind Abstand und Desinfektionsmittel selbstverständlich.

Rotenburg – Sicherheit und Hygiene – Themen, die für die Bevölkerung an Bedeutung gewonnen haben. Die Nachfrage nach Desinfektionsmitteln und anderen Schutz- und Vorsorgemaßnahmen ist mit Beginn der Pandemie rasant gestiegen. „Dabei ist das für uns immer eine Thematik“, sagt Joachim Henßel, ärztlicher Leiter der Krankenhaushygiene im Diakonieklinikum. Daher macht er mit seiner Kollegin Franziska Boller aus dem Qualitätsmanagement auf den „Internationalen Tag der Patientensicherheit“ aufmerksam, zu dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den 17. September ernannt hat.

Veranstaltungen dazu gibt es am Donnerstag in Rotenburg nicht, dennoch sei es wichtig, darüber zu sprechen. Sie wollen aufklären, welche Maßnahmen getroffen werden und welche Herausforderungen es gibt. Zum einen seien viele Ängste irrational, erklärt der Leiter. Zum anderen betont er: „Wo Menschen arbeiten, werden Fehler passieren. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nirgends. Unsere Aufgabe ist es, die Rate der vermeidbaren Fehler zu minimieren.“ Daran müsse kontinuierlich geschraubt werden. „Fehler können passieren – aber bestimmte Fehler dürfen nicht passieren.“

Um das Risiko zu verringern, gibt es mehrere Möglichkeiten. Zum einen tragen stationäre Patienten ein Identifikationsarmband, auf dem neben dem Namen das Geburtsdatum, eine Fallnummer und die Station vermerkt sind. „Das soll Verwechslungen vermeiden“, sagt Boller. Außerdem gibt es ein Reportsystem, in das Beinahe-Fehler, die bemerkt werden, eingetragen werden können. Ein Team aus unter anderem Ärzten und Pflegern analysiert anonymisiert und schaut, ob vorbeugende Maßnahmen notwendig sind. Die Offenheit dafür sei noch unterschiedlich. Zudem gibt es normierte Spritzenaufkleber und eine Sicherheitscheckliste, sowohl auf Station als auch im OP. So werde zum Beispiel die Körperseite markiert, die operiert werden soll, um Behandlungsfehler zu vermeiden. Die Bürokratie wächst, biete aber zusätzliche Sicherheit für den Patienten. Dabei geht der Patienten- mit dem Mitarbeiterschutz einher – Krankenhausmitarbeiter erhalten zum Beispiel die Grippeschutzimpfung.

Der Pandemieplan, der bereits 2017 entwickelt worden ist, habe sich als „Gold wert“ erwiesen, ergänzt Henßel. So habe es bislang keinen Corona-Fall direkt im Krankenhaus gegeben. Auch spielt die Digitalisierung eine Rolle. Sie erleichtere die Arbeit. „Wir sehen uns alle Befunde an, können verdächtige aussortieren und mit einem elektronischen Warnkennzeichen versehen und der Station Maßnahmen mitteilen“, erläutert Henßel.

Neben diesen Maßnahmen liegt ein Fokus auf der Krankenhaushygiene – darunter fallen Trinkwasser- oder Raumluftkontrollen. Ein wenig muss Henßel schmunzeln, als er anmerkt: „Die Mehrzahl hat Angst, dass sie sich mit Killerkeimen infiziert.“ Diese sei unbegründet, war aber ein Grund, warum viele Menschen Krankenhausaufenthalte vor sich hergeschoben haben. „Es gibt überlebenswichtige Bakterien, die aber lebensgefährlich werden können, wenn sie dort hingeraten, wo sie nicht hingehören.“ Was am dritten Tag des Krankenhausaufenthalts auftritt, gilt als dort erworben, alles davor als mitgebracht. „80 Prozent der Infektionen sind schicksalhaft, 20 Prozent, die im Krankenhaus auftreten, potenziell vermeidbar – darum dreht sich unsere Arbeit, diese auch zu vermeiden.“ Tritt eine Infektion auf, heißt es, daraus zu lernen: Was ist die Ursache, was kann besser gemacht werden? „Dabei entstehen Krankenhauskeime nicht zwangsläufig im Krankenhaus. Manchmal wird es als Ort gespiegelt, an dem alles voller Keime und Bakterien ist“, so Henßel. „Das halte ich für großen Unsinn, wir achten auf alle Maßnahmen zur Desinfektion.“

Dazu gibt es diverse Instrumente, wie einen Hygieneplan, der stetig angepasst wird. Desinfektion aller Flächen, die berührt werden – Hände sind die größten Krankheitsüberträger – und ein medizinischer Mund-Nasen-Schutz sind Alltag. „Das sind Basismaßnahmen, die auf einmal in Deutschland große Bedeutung erlangen.“ Deswegen sei es bei den Panikkäufen kritisch gewesen. „Im Alltag reicht Hände waschen“, so Henßel, damit Desinfektionsmittel Ärzten und Krankenhäusern zur Verfügung steht – „ohne geht nichts“. Und es solle sparsam eingesetzt werden. „Wir wissen mittlerweile, dass es bei Bakterien Resistenzen gibt.“

Eine der künftigen Herausforderungen werde das Antibiotika-Management sein. Dieses werde oft zu schnell verabreicht – auch auf Patientenwunsch. „Wenn wir nicht aufpassen, bekommen wir es immer mehr mit resistenten Erregern zu tun“, beschreibt Henßel. Dabei spiele der Einsatz in der Tierzucht eine Rolle – wenn zum Beispiel nicht das kranke Huhn, sondern gleich der ganze Stall behandelt wird.

Laut Robert-Koch-Institut gibt es Empfehlungen, nach denen sich Krankenhäuser richten in Bezug auf Hygienepersonal. „Was das angeht, sind wir stark aufgestellt, übererfüllen das“, sagt der Krankenhaushygieniker. „Das zeigt mir, dass es oben im Haus einen hohen Stellenwert hat.“ Das bedeute aber nicht, dass nichts verbessert werden könne. „Es werden immer Baustellen bleiben.“ Es gehe aber nicht darum, bei Fehlern anzuklagen. „Auch, wenn man mal deutlich werden muss“, so Henßel. Wichtig sei es, eine Fehlerkultur zu entwickeln. „Niemand wird etwas absichtlich tun, aber wenn es passiert, müssen wir gucken, wie es künftig vermieden werden kann. Wir müssen weg davon zu sagen, jemand ist schuld.“

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