Auf den Hund gekommen

„Wortfassetten“ hält ungeahntes Niveau und Überraschungen parat

+
Die Poetry-Slammer tragen ihre Texte im „Schmidt’s“ nicht nur vor dem Publikum, sondern auch vor „Sir Pauli“, dem Hund der Moderatoren-Duos, vor.

Rotenburg - Eigentlich versprach der 23. Poetry Slam „Wortfassetten“ eher unspektakulär zu werden: Krumme Auflage, zu viel Sommer, einige Absagen, ein eher regionales Feld mit nur wenigen überregionalen „Slammer-Stars“ und zwei Moderatoren als Urlaubsvertretung.

Doch es sollte alles ganz anders kommen, oder wie Co-Moderator Thorsten Finner es im wieder gut gefüllten Schmidts am Grafeler Damm formulierte: „Ein krasser Abend!“

War es Zufall oder eben genau diese Mischung aus frischen, authentischen Beiträgen einiger begnadeter Neulinge, einer relaxten Atmosphäre und einem charmanten, wiewohl arithmetisch und in den Regeln des Poetry Slam unbewanderten Moderatorenduo? Das war das mit Labrador-Border-Collie-Mix Sir Pauli, dem wenig eloquenten und doch eigentlichen Star auf der Bühne, auf den Hund gekommen.

Die regionalen Wortpoeten boten eine Bandbreite an Beiträgen wie selten. Ein intensiver Text setzte sich mit sexuellem Missbrauch auseinander, und die Bremerin Rabea präsentierte ihren poetischen Premierentext über das Wesen von Freundschaften. Dabei war auch der „Glückstext mit versteckten Botschaften und dem Leben als Achterbahn“ von Poetry-Neuling Ricarda und das urkomisch-schonungslose Plädoyer für gelebte Falten und Bindegewebsdemenz von Conni Fauck, die extra von einer Familienfeier angereist war. 

Ersttäter sofort ins Finale

Das sicherte ihr den Einzug ins Finale. Genau wie Ersttäter „Herrmatom“ alias Steven Wandrey, der von Freunden zur Teilnahme überredet worden war. Die verbale Lanze, die der aktive Musiker für Heavy Metal brach („Eine Musik wie eine Mischung aus Kettensäge, Hundegekläff und Sendersuchlauf“), katapultierte ihn an die Spitze des Feldes.

Wie gut, dass er noch einen zweiten Text für das Finale in petto hatte – seine Vision über das Internet als neue Religion („Einmal Browserverlauf löschen ist wie zehn Ave Maria“) war vielen im Publikum dann aber wohl doch allzu bitterböse. Am Ende fiel die Entscheidung für den Sieger schwer – der Applaus für den spontan eingesprungenen Adrian aus Bremen und Lokalmatadorin Conni Fauck war ähnlich enthusiastisch. 

Über die Beschneidung von Frauen

Letztere hätte – nicht nur anhand des „Applausometers“ – den Sieg verdient: Mutig war ihre Entscheidung, mit einem eindringlichen Beitrag über die Beschneidung von Frauen im Sudan ein ernstes Thema anzureißen. Doch auch der „Glatzen“-Text des Bremers, in denen der Farbige sich klug und differenziert mit den eigenen Ängsten vor Fremdenhass und eigenen Vorurteilen auseinandersetzte, war einen Sieg wert. Als Zugabe zeigte er mit einem Impro-Gedicht noch einmal Slammer-Größe.

Als wäre das noch nicht genug, setzte Moderator Dennis Schmidt noch einen drauf, als er seinen Dank als Rap durchs Mikro rotzte. Da hatte sich die Anfahrt – ob zehn Minuten per Fahrrad wie Laura Fricke aus Rotenburg oder sechs Stunden mit dem Auto wie Conni Fauck – gelohnt. Prädikat: Denkwürdig!

hey

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Hamas ruft Gaza-Waffenruhe mit Israel aus

Hamas ruft Gaza-Waffenruhe mit Israel aus

Horror-Crash auf der A81 am Samstag - die Bilder

Horror-Crash auf der A81 am Samstag - die Bilder

Fotostrecke: Werder beim Blitzturnier in Essen

Fotostrecke: Werder beim Blitzturnier in Essen

Deichbrand 2018: Beste Stimmung auf den Campingplätzen

Deichbrand 2018: Beste Stimmung auf den Campingplätzen

Meistgelesene Artikel

Diakonieklinikum feiert Richtfest der interdisziplinären Komfortstation

Diakonieklinikum feiert Richtfest der interdisziplinären Komfortstation

Mike Lünsmann: Der Mann im Hintergrund

Mike Lünsmann: Der Mann im Hintergrund

Verlosung: Vier Gratis-Tickets fürs Ferdinands Feld Festival

Verlosung: Vier Gratis-Tickets fürs Ferdinands Feld Festival

Wie der fast blinde Scheßeler Artur Lilgert sein Schicksal meistert

Wie der fast blinde Scheßeler Artur Lilgert sein Schicksal meistert

Kommentare