Lucy van Kuhl gibt im Landhaus Wachtelhof einen musikalischen Einblick in ihre Gedankenwelt

Ein humorvoller Abend zum Abheben

Lucy van Kuhl erzählt im Landhaus Wachtelhof Geschichten aus Bio-Berlin und über ihre Erfahrungen mit öffentlichen Saunen. - Foto: Diercks

Rotenburg - Von Bettina Diercks. Nicht nur Gaumen- sondern auch Ohrenschmaus gab es am Samstag im Landhaus Wachtelhof in Rotenburg. Das Hotel hatte zum Start in den Herbst zu einem Konzert- und Menüabend eingeladen. Serviert wurden Liedermacher-Kabarett von Lucy van Kuhl und drei Gänge Köstlichkeiten. Der Abend wurde zelebriert und bewies wieder einmal, wie gekonnt das Team des Wachtelhofs es versteht, die Komponenten solcher Veranstaltungen miteinander zu verschmelzen.

Energisch sprang Lucy van Kuhl alias Corinna Fuhrmann auf die Bühne und nahm in ihrem Programm „Fliegen mit Dir“ als erstes sich selbst auf die Schippe in ihrem Song „Ich bin groß“. Geschätzte zwei Meter führen bei ihr vor allem zu blöden Kommentaren und Fragen: „Findest Du überhaupt einen Mann?“, „Wie ist die Luft da oben?“ sowie Spitznamen wie Giraffe und lange Latte. Als sportlicher Typ hat ihre Größe aber auch einen Vorteil: Sie wird beim Basketball immer als erstes gewählt, weil alle auf sie stehen. Vor allem die Mädchen, da sie während der Schulzeit kurze, blonde Haare trug. „In High Heels sehe ich aus wie der Eiffelturm, und im Kleid bin ich tatsächlich schon mal für eine Transe gehalten worden“, erklärte die gebürtige Kölnerin, die immer wieder am Abend zum Vorschein kam. Mittlerweile lebt van Kuhl in Berlin-Prenzlauer Berg. „Da ist alles bio. Und die Mütter sehen aus wie ungespritzte Birnen.“

Van Kuhl gab einen musikalischen Einblick in ihre Gedankenwelt. So überlegte sie, die gerne von Viren angefallen wird, wie sie keimfrei die Zugtoilette verlassen oder sich gesund außerhalb Berlins ernähren kann, was im Rheinland ihrer Einschätzung nach schlichtweg nicht geht. Ihre Erfahrung in öffentlichen Saunen konnten einem fast den Appetit verderben, wenn sie von übergewichtigen nackten Menschen erzählt, die die oberen Bänke einnehmen und ihre Schweißausbrüche zwischen den Beinen oder überdimensionalen Brüsten verreiben.

Fast schon Tränen in die Augen trieben ihre melancholischen Stücke. Anrührend besang sie die Erinnerung an einen Schulfreund, den sie in einem Café sitzen sieht, der sie aber nicht erkennt. Grandios ist die Liebessehnsucht eines Koffers, der gerne Casanova wäre, sich gleichzeitig aber sehr wählerisch zeigt.

Voll tiefer Emotion und Zuneigung zeigte van Kuhl in ihrem Titel-Song „Fliegen mit Dir“: „Du fährst mit dem Finger meinen Rücken hinab.“ Und sagte: „Du bist meine Welt. Du malst Dir meine Haut ganz genau ab, weil Dir meine Leberfleckenlandkarte gefällt. Ich will fliegen, fliegen mit Dir, die Welt umkreisen, bis die Gedanken verreisen. Ich will fliegen, fliegen mit Dir, die Zeit soll jetzt stehen, niemals vergehen.“ Gänsehaut pur.

Der Abend mit Pastinakensüppchen, Soltauer Hirschrücken in der Briochekruste und zum Abschluss Schokoladenauflauf mit Canaché, garniert mit den liebevoll, launischen, ironischen und witzigen Werken von Lucy van Kuhl war einfach zum Abheben.

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