Hüseyin Sarigül, Integrationsbeauftragter des Landkreises, erzählt von den alltäglichen Problemen bei seiner Arbeit

„Die Integration kommt voran“

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Hüseyin Sarigül ist auch als Übersetzer unterwegs – dabei darf das Wörterbuch nicht fehlen.

Rotenburg - Von Jessica Tisemann. Seit mehr als 40 Jahren lebt Hüseyin Sarigül in Deutschland. Der gebürtige Türke ist angekommen und mittlerweile als Integrationsbeauftragter im Landkreis Rotenburg unterwegs. Was genau da seine Aufgabe ist und wie alltäglich manchmal die Probleme sind, erzählt der 62-Jährige im Interview mit der Kreiszeitung.

Herr Sarigül, was ist Ihre Aufgabe als Integrationsbeauftragter?

Hüseyin Sarigül: Ich mache Hausbesuche, Übersetzungen und begleite Eltern in die Schule zu Elternabenden oder -konferenzen. Zu Anfang waren es noch viele Übersetzungstätigkeiten, das ist aber seltener geworden, weil viele, die in Deutschland geboren worden sind, die Sprache können. Außerdem arbeite ich mit den Behörden zusammen – Amtsgericht, Jugendamt, Polizei. Nach Bedarf auch mit dem Notar. Wenn Zuwanderer ein Haus kaufen wollen, wissen sie, dass ich Fachmann bin. Dann fragen sie mich nicht nur als Übersetzer, sondern auch als Baufachmann. Dann gibt es auch oftmals Konflikte bei der Finanzierung, dass die Käufer dabei Dinge nicht verstehen. Da bin ich immer dabei.

Arbeiten Sie auch mit Jugendlichen zusammen?

Sarigül: Ja, ich gebe zum Beispiel Hilfestellungen bei Klassenfahrten. Wenn ausländische Jugendliche dabei beispielsweise nicht mitfahren wollen, helfe ich, herauszufinden, warum nicht. Ich vermittle ihnen aber auch, wie wichtig Klassenfahrten sind. Auch in der Berufsschule bin ich häufig. Ich gehe zum Beispiel persönlich mit den Jugendlichen zum Ausbildungsbetrieb, sage, dass sie meine Schüler waren und erzähle den Ausbildern etwas über sie. Natürlich hoffe ich, dass ich ihnen dadurch helfen kann. Bis jetzt habe ich 32 Jugendliche in eine Ausbildung gebracht, auch dadurch, dass ich ihnen noch Nachhilfe gegeben habe.

Was ist mit dem Zusammenleben untereinander?

Sarigül: Ich bemühe mich, Konflikte mit deutschen Nachbarn zu lösen, zum Beispiel, wenn die zugezogenen Familien abends zu laut sind. Dann gehe ich hin und erkläre ihnen, dass es in Deutschland eine Nachtruhe gibt. Bei Einbürgerungen gebe ich manchmal auch Hilfestellungen – da brauchen die ausländischen Mitbürger viele Hinweise, was sie machen und welche Formulare sie ausfüllen müssen. Seit einiger Zeit bilden wir auch Integrationslotsen aus, mit denen ich mich häufiger treffe. Außerdem versuche ich, die Isolation der Zuwanderer zu verhindern. Außerdem versuche ich, mit den Vermietern zu klären, dass sie auch einige deutsche Familien in den Häusern mit unterbringen, damit das Verhältnis ausgeglichen ist.

Da kommt ja einiges zusammen...

Sarigül: Es ist eigentlich viel zu viel. Zusätzlich gehe ich bei den Hausbesuchen teilweise auf die unterschiedlichen Feiertage ein – Fastenzeit und Weihnachten zum Beispiel. Vor zwei Jahren habe ich mich sogar als Nikolaus verkleidet, die Familien besucht und den Kindern Geschenke mitgebracht. Außerdem arbeite ich viel mit jungen Frauen und den Töchtern der ausländischen Mitbürger zusammen, weil diese immer noch benachteiligt werden.

Was für Probleme haben diese Mädchen denn?

Sarigül: Sie rufen mich an und bitten um Hilfe, wenn sie zum Beispiel jemanden heiraten sollen und das nicht wollen. Dann reagiere ich sofort. Dabei habe ich vielen Familien im Landkreis schon geholfen. Viele von den Mädchen studieren oder machen eine Ausbildung. Sonst hätten sie mit 15 oder 16 heiraten müssen. Ich erkläre den Eltern, wie wichtig eine Ausbildung ist und versuche, diese alten Muster abzubauen. Ein Vater, der in Deutschland lebt und noch in diesen alten Mustern denkt, hat sich noch nicht integriert.

Wie wirkt sich die neue Flüchtlingssituation auf Ihre Arbeit aus?

Sarigül: Ehrlich gesagt: Die Zahl der Flüchtlinge, die zu uns kommen, ist zu groß. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hat es schon ganz richtig gesagt, und ich unterstütze die Forderung nach einer Obergrenze. Da sollte man wirklich reduzieren. Integration kann nicht beginnen, wenn immer mehr Menschen zu uns kommen. Die, die vor Ort sind, müssen wir aufnehmen und ihnen helfen.

Kommen auch viele Flüchtlinge auf Sie zu?

Sarigül: Indirekt. Wenn zum Beispiel Übersetzungen gebraucht werden, ruft der Landkreis an, und ich informiere Bekannte. Innerhalb von zwei, drei Stunden sind dann ein paar Übersetzer vor Ort. Manchmal sind das auch ehemalige Schüler von mir, die sehr gut Türkisch oder Arabisch können. Wenn diese nicht mobil sind, fahre ich sie auch dorthin. Das ist zwar nicht meine Aufgabe, aber trotzdem mache ich das gerne.

Das kommt also noch zu den eigentlichen Aufgaben dazu.

Sarigül: Ja, das ist wirklich mehr geworden durch die neue Flüchtlingssituation. Die Integrationslotsen nehmen mir aber einen Teil meiner Arbeit ab.

Wie läuft das ab, wenn neue Flüchtlinge ankommen? Müssen Sie dort auch hin?

Sarigül: Ja. Da stecke ich indirekt auch mit drin. Wie gesagt, durch die Übersetzungen zum Beispiel. Ich erkläre den Familien auch, auf welche Schule ihre Kinder gehen müssen. In Rotenburg habe ich zwei, drei Familien schon dabei geholfen.

Sie hatten die Nachbarschaftsstreitigkeiten angesprochen. Also kommen auch Deutsche auf Sie zu, und bitten um Hilfe?

Sarigül: Ja. Durch Zeitungsartikel haben sie von mir gehört. Dann rufen sie mich an und sagen: Wie komme ich mit den Nachbarn klar, die sind immer so laut, was kann ich da tun? Ich gebe entweder Hinweise oder fahre persönlich hin. Danach laden sich die Nachbarn gegenseitig ein, um sich auszutauschen. Und dann geht das wieder.

Was sind das für Probleme?

Sarigül: Die Zuwanderer haben einige Dinge bei uns immer noch nicht so richtig gelernt. Zum Beispiel, dass es ab einer gewissen Uhrzeit absolute Ruhe geben muss und die Kinder nicht mehr auf der Straße spielen sollen. Oder dass die Lautstärke der Musik die Nachbarn stört.

Wie kann Integration denn funktionieren?

Sarigül: Diese Ghetto-Bildung kann ich nicht leiden. Wenn in einem Gebäude nur ausländische Mitbürger wohnen, kann das nicht funktionieren. Das ist giftig. Es muss versucht werden, auch deutsche Familien dort mit unterzubringen. Das passiert zwar jetzt auch schon, das Problem ist, dass es oftmals Deutsche sind, die selbst keinen Job haben.

Also gelingt das Ganze noch nicht ganz?

Sarigül: Wenn ich Vermietern den Tipp gebe, deutsche und eingewanderte Familien zu mischen, hören sie zwar zu und setzen das vielleicht auch kurz um, aber irgendwann fallen sie doch ins alte Muster zurück. Bei Zuwanderern, die arbeitslos sind, bekommt der Vermieter ohne Probleme Miete vom Landkreis. Das ist vielleicht manchmal einfacher, als bei jemandem der arbeitet. Deswegen gibt es dort immer noch Probleme. Es müssen alle Seiten mitspielen.

Was müssen wir selbst denn anders machen?

Sarigül: Wir müssen die Isolation und Nischenbildung vermeiden. Es ist außerdem wichtig, dass wir mit Zuwanderern Kontakt aufnehmen. Nachbarn sollten sich gegenseitig besuchen. Wir müssen den Austausch – auch auf Religionsebene – vorantreiben. Die Zuwanderer selbst sollten sich nicht einigeln, damit sie keine Fremden im neuen Land sind. Auch sie müssen auf die Einheimischen zugehen. Da haben sie immer noch ein bisschen Angst – auch die Menschen, die schon 40 oder 50 Jahre in Deutschland leben. Sprachprobleme haben sie zwar nicht mehr wirklich, aber die Ängste, die in der damaligen Zeit vorgeprägt worden sind. Und genau diese Vorurteile müssen wir vermeiden.

Bringen dabei Einrichtungen wie das „Internationale Café“ etwas?

Sarigül: Ja, so etwas zum Beispiel hilft. Das finde ich toll. Ich arbeite auch sehr gut mit dem Kirchenkreisamt zusammen, da laden wir immer viele Familien ein. Dort kommt der Austausch dann ebenfalls zustande.

Gab es schon Momente in der Zeit als Integrationsbeauftragter, in denen Sie nicht mehr weiter wussten?

Sarigül: Vor zehn Jahren war es wirklich schwer mit den Zuwanderern. Da hat es auch Konflikte gegeben, weil sie meine Hilfestellungen indirekt blockiert haben. Weil ich immer versucht habe, neutral zu sein, und das gefiel ihnen nicht. Heutzutage kennen sie mich aber alle, respektieren mich und erkennen, dass ich weiß, wovon ich rede. Deswegen kann ich ihnen alles erzählen, und sie haben sich geöffnet.

Hilft es Ihnen bei der Arbeit auch, dass Sie selbst einen Migrationshintergrund haben?

Sarigül: Das spielt eine große Rolle. Ich glaube, ein Deutscher, der auch türkisch spricht, kann nicht so produktiv sein wie ich. Weil ich erstens aus der Region stamme und die Psychologie der Menschen von dort kenne. Zweitens habe ich 30 Jahre lang pädagogisch gearbeitet und weiß, wie ich mit Menschen umgehen muss, sie überzeugen kann.

Wenn Sie jetzt also irgendwann sagen, ich möchte nicht mehr...

Sarigül: Dann müsste ich die Person erstmal richtig einarbeiten (lacht). Das dauert ein paar Jahre. Aber wenn ich in zwei Jahren in Rente gehe, werde ich diese Arbeit ehrenamtlich weiterführen.

Nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln und in Hamburg, sind da Menschen auf sie zugekommen?

Sarigül: In Rotenburg direkt nicht. Aber ich habe in der Schule sofort angefangen, mit meinen Schülern darüber zu sprechen. Einige Familien habe ich dann auch zu Hause besucht und dort mit ihnen darüber gesprochen, warum so etwas nicht passieren darf. Alle fanden diese Vorfälle schrecklich. Wenn ich in einem Land Gast bin, muss ich mich auch als solcher benehmen. In der Flüchtlingsklasse habe ich das Thema ebenfalls besprochen. Alle haben gesagt, wir schämen uns, dass so etwas passiert ist, wie kann ein Mensch so dumm sein? Wir müssen dankbar sein, dass wir in Deutschland sein dürfen, und deswegen geht das gar nicht, war ihre Meinung.

Haben einige dann auch Ängste geäußert?

Sarigül: Ja. Und sie haben gesagt, wenn das so weiter geht, könnten sie verstehen, warum es Übergriffe auf Flüchtlinge gibt.

Was sagen Sie dazu, dass in diesem Zusammenhang immer von „den“ Flüchtlingen im Allgemeinen gesprochen wird?

Sarigül: Diejenigen, die daran beteiligt waren, müsste man sofort ausweisen. Ohne weiteres. Auch die, die tatsächlich einen Flüchtlingsstatus haben. Solche Menschen können wir nicht integrieren. Sie machen das, was wir aufgebaut haben wieder kaputt. Aber, das sind nur ein paar Idioten. Es ist schade, dass dann immer diese Verallgemeinerungen aufkommen.

Zur Person

Hüseyin Sarigül lebt seit 1975 in Deutschland. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Der 62-Jährige ist in der Türkei geboren und hat dort Mathematik und Biologie auf Lehramt studiert. In Deutschland wurde diese Ausbildung allerdings nicht anerkannt, also hat er in Bremen noch einmal Bautechnik studiert und an einer Berufschule als Lehrer gearbeitet. Er spricht fließend Türkisch sowie Deutsch und versteht ein wenig Kurdisch und Arabisch. Seit 1984 ist er ehrenamtlich tätig, seit 2011 arbeitet er als Integrationsbeauftragter für den Landkreis Rotenburg. Durch die neu ausgebildeten Integrationslotsen bekommt Sarigül Unterstützung bei seinen vielseitigen Aufgaben.

jet

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