„Holz ist Spekulationsobjekt“

Interview: Heiko Siegmann aus Waffensen ist neuer Obermeister der Tischlerinnung

Der neue Obermeister der Tischlerinnung: Heiko Siegmann aus Waffensen.
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Der neue Obermeister der Tischlerinnung: Heiko Siegmann aus Waffensen.

Waffensen – Der breite schwarze Aktenordner mit der Aufschrift „Obermeister“ ist noch fast leer. Erst ein paar Seiten hat Tischlermeister Heiko Siegmann darin abgelegt, seit er vor Kurzem in das Amt gewählt wurde. Der 42-Jährige löst Vorgänger Hans-Dieter Henke ab und tritt in die Fußstapfen seines Vaters Helmut, der vor Henke selbst 17 Jahre lang Obermeister war. Im Gespräch mit der Kreiszeitung erklärt Heiko Siegmann, vor welchen Herausforderungen das Tischlerhandwerk steht.

Der Tischlerinnung gehören 27 Betriebe an. Andere Tischler haben sich bisher gegen eine Mitgliedschaft entschieden. Wie möchten Sie diese überzeugen, beizutreten?

Ich würde mir natürlich wünschen, dass alle Tischlereien der Innung angehören. Besonders neu gegründete Betriebe gehen diesen Schritt aber zunächst oft nicht mit, weil sie die Vorteile nicht sehen und sicher auch die Kosten sparen wollen. Der Austausch mit Kollegen ist mir sehr wichtig, dieses Miteinander. Wir sprechen über aktuelle Themen und versuchen, gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden. Außerdem finden regelmäßig gegenseitige Besuche und Versammlungen statt. Davon profitieren alle Seiten.

Welche Aufgaben übernimmt die Innung?

Wir organisieren die Ausbildung und nehmen die Gesellenprüfung ab. Das ist elementar wichtig, denn es geht für uns dabei um die Zukunft des Handwerks. Selbstverständlich bewerten wir auch die Arbeitsproben von Lehrlingen, wenn die Betriebe nicht zur Innung gehören. Eine qualifizierte Ausbildung ist also in jedem Fall gewährleistet.

Gibt es denn überhaupt genügend Bewerber für die freien Ausbildungsstellen?

Leider nicht, das könnten zweifellos mehr sein. Früher waren wir da in einer besseren Position. Heute fällt es uns schwer, qualifiziertes Personal zu finden. Wir erwarten mindestens einen Hauptschulabschluss, idealerweise mit einer guten Mathenote, aber genauso wichtig ist es uns, dass der Lehrling Lust auf den Beruf hat. Ihn erwartet eine sehr abwechslungsreiche Arbeit.

Und eine Ausbildung mit Zukunft?

Auf jeden Fall. Die Aussichten, einen Arbeitsplatz zu finden, sind sehr gut. Viele langjährige Mitarbeiter gehen in den kommenden Jahren in Rente. Die Ausbildung ist auch deshalb für uns sehr wichtig – und alternativlos. Ohne junge Tischler können wir eines Tages nicht mehr alle Kundenaufträge ausführen.

Was spricht außerdem für eine Ausbildung im Tischlerhandwerk?

Tischler erfüllen die Wohnwünsche der Menschen. Aber die Lehrlinge lernen auch alles, was sie wissen müssen, um sich ihr eigenes Haus schön einzurichten. Sie arbeiten an modernen Maschinen und können sich im Betrieb voll einbringen. Sie haben die Wahl, ob sie sich für eine Bau- oder Möbeltischlerei entscheiden. Es gibt heute nur noch wenige Betriebe, die beide Bereiche abdecken.

Das war früher anders. Warum hat sich die Situation verändert?

Der größte Teil der Tischlereien hat sich inzwischen spezialisiert. Anders geht es kaum noch, denn das Aufgabenspektrum wird immer umfangreicher. Wer da nicht aufpasst, gerät in Gefahr, sich zu verzetteln. Die Entwicklung schreitet immer schneller voran und wir wollen dabei auf dem neuesten Stand bleiben.

Einige Tischlereien bieten heute noch zusätzlich Bestattungen an. Warum ist das eigentlich so?

Das ist historisch gewachsen und kommt daher, dass die Betriebe damals noch die Särge selbst gebaut haben. Das ist heute kaum noch der Fall. Dennoch bieten einige Tischler traditionell weiter Bestattungen an, auch deshalb, weil die Aufgabe lukrativ ist. Diese Arbeit liegt natürlich nicht jedem. Es ist ein sehr anspruchsvoller Job, dem man auch gewachsen sein muss.

Die Betriebe bestellen große Mengen im Voraus, um nicht mit leeren Händen dazustehen.

Obermeister Heiko Siegmann

Wie steht es um die Auftragslage?

Im Moment sind die Bücher der Tischlereien gut gefüllt. Allerdings entwickelt sich die Versorgung mit Baumaterial zunehmend zu einem Problem. Es erfordert viel Planung, alle Materialen zum richtigen Zeitpunkt da zu haben. Die Lieferzeiten haben sich deutlich verlängert: Fensterscheiben kamen sonst immer innerhalb von eineinhalb Wochen – heute vergehen je nach Hersteller drei bis vier, bei Sicherheitsscheiben auch schnell mal sechs Wochen. Das müssen wir einplanen. Dieses Problem betrifft viele weitere Bereiche, beispielsweise die Beschaffung von Holzplatten und Beschlägen. Die Einkaufspreise sind zum Teil gravierend gestiegen.

Wie macht sich das bemerkbar?

Es kommt vor, dass die Lieferanten von einer Bestellung auf die andere plötzlich 30 Prozent mehr verlangen. Dabei geht es um Angebot und Nachfrage: Wenn Glaswerke zu 120 Prozent ausgelastet sind, erhöhen sie natürlich die Preise. Zusätzlich spielen die Preissteigerungen von Vorlieferanten eine Rolle. Besonders Holz wird heute immer mehr zu einem Spekulationsobjekt. Die Betriebe bestellen große Mengen im Voraus, um am Ende nicht mit leeren Händen dazustehen. Sie tragen dadurch auch selbst dazu bei, da Baumaterial knapp wird und sich die Versorgungslage anspannt und damit die Preise steigen. Das ist dann auch selbst gemachtes Leid.

Haben Sie Verständnis dafür?

Ja, das habe ich. Um Kundenaufträge pünktlich erledigen zu können, geraten Betriebe schnell in eine Situation, in der sie mithalten müssen – es ist ein Windhundprinzip. Die erhöhte Nachfrage aus den USA nach Bauholz verschärft die Lage in diesem Bereich zusätzlich, Frachtraten für Container aus Asien haben sich zudem teilweise vervierfacht. Das gilt für Holz genauso wie für andere Komponenten aus Asien. Ich bin mir aber sicher, dass sich die Preise früher oder später regulieren werden.

Vor welchen weiteren größeren Herausforderungen steht das Tischlerhandwerk?

Der technische Wandel und dessen Folgen haben gravierenden Einfluss auf unsere Arbeit. Die Digitalisierung schreitet voran. In Türen und Fenster werden immer mehr technische Komponenten verbaut, Möbel sollen beleuchtet sein. Die Entwicklung in Richtung Smarthome spüren wir auch im Tischlerhandwerk. In den vergangenen Jahren hat sich dort bereits sehr viel getan – diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen.

Ist das Handwerk dafür bereits gerüstet?

Da gibt es durchaus Handlungsbedarf. Betriebe müssen weiter in moderne Maschinen investieren, zum Beispiel in CNC-Technik. Das ist natürlich eine Kostenfrage, denn eine moderne Maschine wie etwa eine Fensterstraße mit Werkzeug und Absaugung kostet über eine halbe Million Euro. Die gesamte Umstellung und Koordination nimmt zusätzlich viel Arbeit und Zeit in Anspruch, weil dort verschiedene Firmen involviert sind. Und auch wir müssen uns erst einmal darauf einstellen und die Mitarbeiter schulen – nebenbei, denn die Aufträge laufen ja weiter. Darum scheuen sich einige Betriebe noch davor, zu investieren.

Welche weiteren Ziele verfolgen Sie als Obermeister?

Es wird für die Zukunft wichtig sein, junge Tischler für die ehrenamtliche Arbeit in der Innung zu begeistern. Wir sind dort derzeit noch gut aufgestellt. Ich möchte mich persönlich dafür einsetzen, dass das auch in Zukunft so bleibt. Auch dafür habe ich das Amt des Obermeisters übernommen. Es soll auch ein Signal an andere junge Tischler sein.

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