Historiker Wolfgang Benz zu Gast beim Förderverein Cohn-Scheune

„Hoffnung muss ich ja haben“

Professor Wolfgang Benz
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Professor Wolfgang Benz

Rotenburg – Die Rotenburger Cohn-Scheune kennt Professor Wolfgang Benz noch nicht, „aber ich habe viel davon gehört und darüber gelesen“. Am Sonntag wird er um 11.30 Uhr im Rotenburger Heimathaus einen Vortrag zum Thema „Ausgrenzung, Emanzipation, Untergang. Jüdisches Leben vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus“ halten. Hintergrund für diesen Auftritt sind das 15-jährige Bestehen des Fördervereins Cohn-Scheune sowie das elfjährigen Bestehen der Cohn-Scheune selbst.

Soweit er wisse, sei die Cohn-Scheune das einzige noch verbliebene Erinnerungszeichen dafür, dass es ein integriertes, jüdisches Leben in Rotenburg gegeben hat. Es sei unbedingt erhaltungswürdig, denn damit habe Rotenburg „einen Ort der Nachdenklichkeit und der Erkenntnis“, an dem die Menschen etwas erfahren und lernen können über das jüdische Leben und die Katastrophe während der Zeit des Nationalsozialismus.

Seit 1 700 Jahren gibt es jüdisches Leben auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Das wird gefeiert, aber Benz bremst ein wenig die damit verbundene Euphorie. „Auch in der Zeit vor 1933 war es nicht nur ein friedliches Zusammenleben“, sagt der Experte. „Es war immer schwierig, die volle Emanzipation wurde nie erreicht, war aber immer ein hehres Ziel.“ Das Leben der Juden sei stets mühsam und gefährlich gewesen, ehe es in der Zeit von 1933 bis 1945 „mörderisch geendet“ ist. Nach einer „kurzen Schockstarre“ in den Folgejahren habe sich dann allerdings genau das fortgesetzt, was auch in den Jahren vor 1933 schon festzustellen war. Benz: „Nach dem Nationalsozialismus hat sich nicht alles zum Guten gewendet.“

Was aber kann eine kleine Cohn-Scheune in einer verhältnismäßig kleinen Stadt bewirken? „Man sollte nicht auf ein Wunder hoffen, auf eine schnelle Wandlung also“, sagt Benz. Ein Wandel benötige stetige Aufklärung und Information. Das müsse im Elternhaus beginnen, sich im Kindergarten und in der Schule, vor allem aber auch im Alltag fortsetzen. Wenn auch die Cohn-Scheune ein vermeintlich kleiner Tropfen auf dem heißen Stein sei, stellt der 80-jährige Professor aus Berlin fest: „Jeder kleine Tropfen ist willkommen – und notwendig.“ Ein Wandel brauche eben Zeit, viel Zeit, und „unendliche Geduld“.

Viel Zeit ist bereits ins Land gegangen. Und wer daran zweifelt, dass das Bemühen etwas bewirken kann, den fragt Wolfgang Benz: „Wie würde es heute wohl ohne dieses Wirken der Aufklärer aussehen?“ Dann hätte man es nicht mehr nur mit einem „Bodensatz“ zu tun, „sondern mit einer bedrohlichen Zahl von Menschen, die dem Antisemitismus anhängen“.

Die Gefahr sei also nach wie vor groß. „Deshalb gilt es, jeden Tag aufs Neue mit der Arbeit zu beginnen“. Die Arbeit, sich dem Antisemitismus entgegenzustellen – mit Informationen und Aufklärung. Vor diesem Hintergrund werde er oft mit der journalistischen Frage konfrontiert, was die AfD und ihr Verhalten auf der politischen Bühne mit ihm mache. „Im hohen Alter wird man zwar viel gelassener, aber da ist dann auch eine große Verbitterung zu spüren, wenn es von vorne beginnt.“ Vor allem dann, wenn Klischees bemüht werden, die längst widerlegt seien. Benz: „Da kommt man ins Grübeln.“

Dass die Wahl des Vortragenden für Sonntag – Einlass ist ab 10.30 Uhr mit der 3G-Regel, die Zahl der Plätze ist begrenzt – auf Benz gefallen ist, kommt nicht von ungefähr. Der Berliner und die Vorsitzende des Fördervereins Cohn-Scheune, Inge Hansen-Schaberg, kennen sich schon lange. Benz war mehrere Jahre Vorsitzender der Gesellschaft für Exilforschung, Hansen-Schaberg ist es heute. Benz ist Historiker der Zeitgeschichte und gilt als international anerkannter Vertreter der Vorurteilsforschung, der Antisemitismusforschung und der Nationalsozialismus-Forschung. Doch auch mit 80 Jahren lässt der Mann nicht locker. „Ich habe ja nichts anderes gelernt“, sagt er. Nach wie vor hege er die Hoffnung, dass der von ihm angesprochene Wandel einmal Wirklichkeit wird. „Diese Hoffnung muss ich ja haben, sonst war mein Wirken ja vergeblich.“

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