Hinter der Süßigkeitentheke

Dieter Scheunemann verkauft seit 22 Jahren gebrannte Mandeln in der Rotenburger Innenstadt

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Wie ein zweites Zuhause: Dieter Scheunemann betreibt seine Bude an der Großen Straße in Rotenburg schon seit 22 Jahren und denkt noch nicht ans Aufhören.

Rotenburg - Von Joris Ujen. „Es duftet nach gebrannten Mandeln.“ Ein Satz, den jeder schon gehört oder ausgesprochen hat. Für Dieter Scheunemann keine Besonderheit, sondern sein täglich Brot. Denn der 68-jährige gebürtige Celler ist Schausteller. Und in der Rotenburger Innenstadt kein Unbekannter.

Seit 22 Jahren steht er mit seiner Süßigkeitenbude neben der Postbank – jeden Werktag von 15 bis 18 Uhr. Vor allem in der Vorweihnachtszeit lohnt sich das Geschäft, erzählt Scheunemann. Sein Topseller sind und bleiben die gebrannten Mandeln, seine Stammkundschaft schätzt ihn aber nicht nur deswegen.

Es ist 15 Uhr. Dieter Scheunemann öffnet die Luke von seiner Bude, der Duft der frisch gebrannten Mandeln verteilt sich entlang der Großen Straße. Doch es regnet. „Kein gutes Wetter für den Verkauf“, erzählt er. Die meiste Kundschaft komme am liebsten an seinen Stand „kurz vor ,Schmuddelwetter‘“. Den großen Reibach mache er aber nicht. „Vor allem nicht an heißen Sommertagen“, erklärt Scheunemann das Mandelgeschäft während er den Kessel mit neuer Ware umrührt. Die Zubereitung klingt einfach: Wasser, Zimt, Zucker und Mandeln in einen Topf vermengt und erhitzt durch einen Gaskocher. „Ganz so simpel ist es aber nicht. Jeder Schausteller hat da so seine Eigenarten.“ Verraten tue es kaum einer. 

Auch Scheunemann möchte nicht weiter ins Detail gehen, erinnert sich aber noch an den Tag, wo ein Mann ihm sein Mandel-Wissen offenbart hatte. Das passierte auf dem Visselhöveder Jahrmarkt 1978. „Als ich 27 Jahre alt war, wollte ich unbedingt erfahren, wie das geht, klapperte mehrere Buden ab, doch alle wandten mir den Rücken zu – bis auf ein Herr, der mir dann alles genau zeigte.“

Bude als Kummerkasten

Zurück in der Gegenwart: Eine Frau möchte eine Tüte gebrannte Mandeln kaufen. Man merkt sofort, dass sie nicht zum ersten Mal an Scheunemanns Theke steht. Es wird über das regnerische Wetter geplaudert, die Ware überreicht, und dann geht sie auch schon wieder. „Einige meiner Kunden, die ich schon seit Jahren kenne, kommen auch gerne vorbei, um von ihren Sorgen zu erzählen.“ Die Bude dient somit auch vielen als Kummerkasten. Und was hilft gegen Kummer? Genau, Süßigkeiten. Neben dem Topseller bietet Scheunemann auch Lebkuchenherzen, Weingummi und Lollis an. Seine gebrannte Haupteinnahmequelle läuft aber am besten, das habe sich in all den Jahren trotz des Fitness- und Gesundheitswahns auch nicht geändert.

Dieter Scheunemann lebt seinen Kindheitstraum: Schon von klein auf wollte er Schausteller werden. Das kommt auch nicht von ungefähr: Seine Eltern hatten damals eine Schießbude und ein Karussell, mit denen sie und ihre Kinder quer durch Niedersachsen reisten. „Pro Jahr besuchte ich bis zu 40 Schulen. Ich musste ja in Celle nachweisen, dass ich bei der vielen Reiserei auch zur Schule gehe“, sagt er.

Beginn vor 22 Jahren

Zusammen mit seiner Frau Hanna fing er dann vor 22 Jahren an, Süßigkeiten in der Kreisstadt zu verkaufen. „Wir waren wie Pech und Schwefel, haben alles zusammen gemacht.“ Vor drei Jahren starb seine Ehefrau, ein Foto in seinem kleinen Geschäft erinnert ihn an seine große Liebe. Aufhören wollte der Schausteller aber auch nicht. Unvorstellbar für ihn, wie er sagt. „Es ist wie eine Sucht, ich kann nicht ohne.“ Mindestens bis zu seinem 70. Lebensjahr möchte er noch seinen Kindheitstraum weiterführen. Etwas seltsam, aber gut für das Geschäft, ist, dass er selbst gar keine Süßigkeiten isst. „Meine Frau damals aber schon“, schmunzelt er.

Vor ein paar Jahren hat Scheunemann, der seit 1982 in Rotenburg wohnt, auch regelmäßig auf Jahrmärkten verkauft. Rentiert habe sich der Verkauf dort aber aufgrund der hohen Kosten nicht. Zudem sei der Konkurrenz- und Preiskampf mit anderen Schaustellern ein Problem gewesen. Rotenburg reiche ihm. Ab Mai möchte er wie jedes Jahr an den Wochenenden aber auch wieder bei diversen Schützen- und Dorffesten den Besuchern den Tag mit seinen gebrannten Mandeln versüßen.

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