Im Himmel kein Jahrmarkt 

Region fordert Kontrollen bei Abfacklung an Erdgasplätzen

Kritiker befürchten, dass bei Abfackelungen wie hier an der Förderstation Hemsbünde Z5 Schadstoffe freigesetzt werden. - Foto: Krüger
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Kritiker befürchten, dass bei Abfackelungen wie hier an der Förderstation Hemsbünde Z5 Schadstoffe freigesetzt werden.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Abfackelungen an Erdgasförderstationen sollen in den von den erhöhten Krebszahlen betroffenen Regionen flächendeckend überprüft und auf Schadstoffausstöße kontrolliert werden. Das hat am Donnerstag einstimmig die „Arbeitsgruppe Erdgas- und Erdölförderung im Landkreis Rotenburg“ bei ihrer Sitzung im Rotenburger Kreishaus gefordert. Der politische Wille aus der Region stößt beim zuständigen Landesbergamt aber auf wenig Verständnis. Deswegen soll die Kreisverwaltung auch die Möglichkeit eigener Messungen prüfen.

Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) hatte das Thema, an dem eine stundenlange, zum Teil hitzige Debatte unter den teilnehmenden Politikern, Vertretern von Bürgerinitiativen sowie Mitarbeitern aus Verwaltung und Industrie entfachte, auf die Tagesordnung setzen lassen. Er sei verwundert gewesen, als er bei der Informationsveranstaltung der Rotenburger Regionalgruppe der IPPNW (Ärzte in sozialer Verantwortung) im November erfahren habe, dass die Abfackelungen nicht ständig von Luftmessungen begleitet würden.

Weber: „Bislang bin ich davon ausgegangen, dass wir sehr transparent mit Ergebnissen umgehen.“ Daran zweifle er nun, und bei dem immer noch im Raum stehenden Verdacht, dass krebserregende Schadstoffe bei den Arbeiten freigesetzt werden, müsse doch gerade hier in der von der erhöhten Krebszahl bei älteren Männern betroffenen Region alles dafür getan werden, Risiken auszuschließen – sogar im Interesse der Förderunternehmen. Weber erhielt dafür von den Gruppenmitgliedern Zustimmung – allerdings gibt es erhebliche Zweifel, ob die erhofften Kontrollen jemals umgesetzt werden können.

Großer Aufwand

Die Erdgasunternehmen müssen die Abfackelungen, die in der Regel bei der „Ertüchtigung“ beziehungsweise der Reinigung der Förderanlagen notwendig sind, bei den Aufsichtsbehörden anmelden. Wie viele dieser Maßnahmen es in der Region gibt, ist dem zuständigen Landesbergamt allerdings nicht bekannt. Abteilungsleiter Ulrich Windhaus versprach am Donnerstag, die Zahlen ermitteln zu lassen. Er gehe landesweit von „mehreren 100 pro Quartal“ aus. Schon die Schätzung macht laut Windhaus deutlich, wie groß der Aufwand wäre. Auf die Frage des AG-Vorsitzenden Hartmut Leefers (CDU), ob die Kontrollen wenigstens in Rotenburg und Bothel dauerhaft vom Landesbergamt übernehmbar wären, antwortete Windhaus: „Nein.“

Als weiteres Argument gegen die ständigen Kontrollen führte Windhaus bisherige Messergebnisse an. Tatsächliche hatte das Bergamt im Jahr 2012 und von Juli 2015 bis April 2016 am Ortsrand von Söhlingen eine Messstation betrieben, zudem Messungen im näheren Umfeld von Fackelarbeiten im Erdgasfeld Söhlingen vorgenommen. Dabei wurden keine für die Frage nach den Krebsursachen entscheidenden, erhöhten BTEX- und Quecksilber-Belastungen festgestellt. Schadstoffe würden schon vor dem Verbrennen herausgefiltert, so Windhaus. Nur „punktuell, sporadisch“ würden auf Basis der bisherigen Erkenntnisse weitere Luftmessungen vorgenommen. Das sei ausreichend und schon mehr, als das Gesetz verlange.

Das reicht den Verantwortlichen in der Region aber nicht aus. Rotenburgs Bürgermeister Weber betonte bei der Sitzung am Donnerstag, dass das Bergamt personell in die Lage versetzt werden müsse, die Kontrollen durchzuführen. Als Willensbekundung in Richtung der zuständigen Behörden vor allem auf Landesebene stimmten die AG-Mitglieder geschlossen zu. Wie wenig Aussicht auf Erfolg man damit allerdings hat, fasste Leefers pointiert zusammen: „Dann können wir ja auch beschließen, im Himmel ist Jahrmarkt.“

Unklare Aufgabenstellung

Zudem hatte Fracking-Gegner Andreas Rathjens Prüfverfahren eines englischen Unternehmens ins Spiel gebracht, mit dem relativ günstig („5 000 Euro!“) genaue Luft-Messdaten bei Abfackelungen quasi im Vorbeifahren erhoben werden könnten. Die AG gab der Kreisverwaltung als Arbeitsauftrag mit auf den Weg, dieses Angebot zu prüfen – oder andere Anbieter zu finden, die so etwas günstig und kompetent anbieten könnten. Die Begeisterung darüber hielt sich allerdings in Grenzen. Erster Kreisrat Torsten Lühring kritisierte vor allem die unklare Aufgabenstellung.

Die Förderunternehmen – Vertreter von „ExxonMobil“ und DEA sind in der Arbeitsgruppe vertreten – äußerten sich am Donnerstag übrigens nicht zu durchaus möglichen, eigenen Kontrollen bei Fackelarbeiten. Anders als zum Beispiel Hausbesitzer mit privaten Heizungen sind Förderkonzerne nicht verpflichtet, auf eigene Kosten Abgasmessungen vornehmen zu lassen.

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