Zweite Ausschreibung: „Mama lernt Deutsch“ soll weitergeführt werden

Hilfen für den Alltag

Die Fäden des Projekts laufen bei Koordinatorin Dörte Erber zusammen.
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Die Fäden des Projekts laufen bei Koordinatorin Dörte Erber zusammen.
  • Ann-Christin Beims
    vonAnn-Christin Beims
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Rotenburg – Wer sich in einem neuen Land integrieren möchte, braucht vor allem eines: die Sprache. „Sie ist das A und O, immens wichtig und die Voraussetzung für alle Lebenssituationen“, sagt Dörte Erber, Koordinatorin Sprachförderung beim Landkreis Rotenburg. Insbesondere im Zuge der großen Flüchtlingswelle sind viele Migranten in den Landkreis gekommen. Während es die Männer einfacher haben, Deutschkurse besuchen und darüber Arbeit bekommen, sind Frauen oft erstmal Zuhause, kümmern sich um die Kinder. Daher hat Erber das Projekt „Mama lernt Deutsch“ nach Rotenburg geholt. In diesem Deutschkurs nur für Frauen bekommen Mütter die M��glichkeit, an der gleichen Grundschule wie ihre Kinder zu lernen.

Damit erhalten die Mütter einen ersten Einstieg, so fällt ihnen das Zurechtfinden im neuen Alltag leichter. Eine Prüfung müssen sie nicht ablegen. Aber Ängste müssen abgebaut werden, damit die Frauen sich trauen, das „Lernen lernen“, wie Erber es nennt. Manche haben in ihrer Heimat keine Schule besucht. Seit anderthalb Jahren ist das Projekt im Landkreis, bundesweit schon länger. Daher hat sich Erber für die Umsetzung Anregungen geholt. Im Februar 2019 ging es im Südkreis los. Durch eine Kooperation mit den Schulen, auch ermöglicht durch die Zusammenarbeit mit Bildungskoordinator Oliver Schütz, kann Kontakt mit den Müttern aufgenommen werden. Die Lehrer können die Informationen streuen. „Es ist wichtig, an so vielen Standorten einen Fuß in der Tür zu haben“, so Erber.

Denn mittlerweile ist das Projekt an acht Standorten mit neun beteiligten Schulen angesiedelt. Noch – aktuell läuft die neue Ausschreibung. Die ist immer ausgelegt auf ein Schulhalbjahr mit zweimaliger Verlängerungsoption. Es liegen bereits Angebote von Bildungsträgern vor. Dazu müssten die Schulen weiterhin die Räume zur Verfügung stellen – besonders jetzt kein leichtes Unterfangen, da Raummangel durch die geteilten Klassen herrschte. Wie es nach den Sommerferien weitergehen wird, weiß noch keiner. Auch die Mütter würden vormittags in die Schule gehen. Und Sottrum habe bereits angemeldet, dass es schwierig wird. Aber die Kurse sind wichtig, weiß Erber. „Wir hoffen noch auf andere Räume.“

Corona sorgt ohnehin für Probleme: Die Frauen konnten vor den Sommerferien nicht in den Unterricht gehen, jetzt sind nochmal sechs Wochen Pause – eine lange Zeit, in der viele vielleicht gar kein Deutsch sprechen. Ein bisschen fange man wahrscheinlich wieder bei Null an, vermutet Erber. Manchmal finden sich aber Lösungen. So haben sich die Gnarrenburger Migrantinnen dafür ausgesprochen, dass ihr Unterricht mit Beginn der Lockerungen weiterläuft. „Der Wunsch war da.“

Also haben sie mit ihrer Dozentin eine Möglichkeit gesucht. Die fand sich mithilfe eines Vereins, der ihnen einen Raum zur Verfügung stellte. Gemeinsam mit Erber wurde ein Hygienekonzept erarbeitet, mit dem der Unterricht fortgesetzt werden konnte.

Finanziert wird das niederschwellige Angebot vom Landkreis, 2019 gab es dafür etwa 60 000 Euro. Und der Bedarf ist da, weiß Erber. In Sittensen musste ein Kurs geteilt werden, da es zu viele Teilnehmerinnen wurden. Ob das machbar ist, stehe und falle mit den Dozentinnen. Um jedem gerecht zu werden, findet der Unterricht in kleinen Gruppen statt. 2019 waren 90 bis 100 Frauen regelmäßig dabei. Dabei gebe es immer mal – meist aus persönlichen Gründen – Fluktuation, auch Abbrecher. Ein Einstieg ist jederzeit möglich, so Erber. „Wichtig ist es, die Frauen gleich zu Anfang mit ins Boot zu holen, dass es gar nicht erst in Vergessenheit gerät.“ Manche kämen auch erst dazu, wenn sie schon lange Zeit in Deutschland sind. Doch sonst würden sich die Frauen ihren eigenen Bereich suchen, bleiben unter sich – und ziehen häufig ihre Kinder als Dolmetscher dazu. Das sieht Erber kritisch. „Sie sollten nicht in diese Rolle gezwungen werden“. Umso wichtiger sei es, den Frauen eigene Deutschkenntnisse mitzugeben. „Und es ist spannend, wenn eine Mutter im Kurs ist und dann Zuhause übt, wenn ihre Kinder das fördern und sie motivieren.“

Mitunter gibt es Hürden zu überwinden. Zum Beispiel, wenn die Männer nicht möchten, dass ihre Frauen den Deutschkurs besuchen. „Das gibt es auch, da herrscht ein anderes Weltbild“, weiß Erber. Dann sei Überzeugungsarbeit wichtig. Daher ist eine Kooperation mit den Schulen von Vorteil, denn die Eltern kennen die Lehrer und die Umgebung. Zudem sind die Dozenten weiblich, das nehme Hemmungen und baue Ängste ab. „Es ist ein geschützter Raum – Männer sind dort nicht erlaubt“, sagt Erber. Mitunter sind aber Kinder dabei. Das habe Vor- und Nachteile. „Sie können hilfreich sein, ein Zweijähriger kann aber auch einiges durcheinanderbringen“, so Erber. Dann könne sich die Mutter nicht konzentrieren, die anderen Teilnehmerinnen auch nicht. Ob das möglich ist, müssen die Dozentinnen selbst entscheiden. Eine feste Kinderbetreuung gibt es nicht – „das ist aufgrund der großen Auflagen fast unmöglich“.

Für die Dozentinnen sind die Kurse oft ein Spagat: Von Analphabetismus bis hin zu ersten Alltags-Kenntnissen sei alles dabei. Und es herrsche ein unterschiedliches Bewusstsein unter den Migrantinnen. „Wenn eine Frau aber merkt, dass sie im Alltag profitiert, schafft das Motivation.“ Viele entdeckten die Vorteile für sich. Auch private Kontakte zwischen den verschiedenen Nationen würden so entstehen. Denn habe man anfangs eher mit Frauen aus Syrien und Afghanistan gerechnet, sind es viele verschiedene Nationen – auch Russinnen und Polinnen zum Beispiel. Und bei Verständnisproblemen können sie einander helfen. „Manchmal gab es schwierige Konstellationen, aber eine Eskalation gab es bisher nicht. Die Frauen eint die Not, wenn sie etwas nicht verstehen.“  acb

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