Rotenburger Familie und „Vogelflüsterin“ retten ein Eulenbaby

Eine zweite Chance für Waldohreule Zeon

Die kleine Waldohreule Zeon hat eine zweite Chance bekommen. Dank der Hilfe von Familie Holtermann aus Rotenburg hat er sich prächtig entwickelt.
+
Die kleine Waldohreule Zeon hat eine zweite Chance bekommen. Dank der Hilfe von Familie Holtermann aus Rotenburg hat er sich prächtig entwickelt.
  • Ann-Christin Beims
    vonAnn-Christin Beims
    schließen

Rotenburg – Es ist Sonntagabend gegen 20 Uhr: Silke Holtermann und ihre Familie fahren von Verden nach Rotenburg zurück, als sie mitten auf der Bundesstraße, auf der anderen Fahrbahn, plötzlich ein weißes Fellbündel sehen. Die Kinder rufen sofort: „Anhalten! Da ist ein Vogel.“

In dem Moment sind sie schon an dem Tier vorbei, drehen aber schnell um. Erst sehen sie es nicht mehr, fahren dann aber kurz hinter der Abfahrt nach Völkersen auf einen kleinen Parkplatz – und da sitzt es: ein kleines Waldohreulenbaby mit weit aufgerissenen Augen.

„Wir wussten erst gar nicht, was es ist oder was wir machen sollten“, erinnert sich Holtermann. Wie das Baby dort hingekommen ist, weiß sie nicht, wahrscheinlich gehüpft. Denn wie sie später von der „Vogelflüsterin“ Nadine Vogel-Gerloff erfahren, können Waldohreulenbabys nicht fliegen. „Wahrscheinlich ist es aus dem Nest gefallen“, meint Silke Holtermann. Sie beobachten den Vogel zunächst, der sich nicht mehr rührt, aber ängstlich faucht. „Wir wollten ihn nicht anfassen, das hätte er auch nicht toleriert. Er wirkte gestresst.“ Also googelt Holtermann nach Wildtierhilfe und landet bei Vogel-Gerloff. Deren Name ist Programm, wie sie selbst sagt, denn sie kümmert sich um kranke und verletzte Vögel. „Das war unsere Rettung, wir hätten nicht gewusst, was wir mit dem Vogel machen sollen“, sagt Holtermann.

Schnell ist klar: Die Familie kann das Eulenkind nicht zu Vogel-Gerloff bringen, sie haben nichts zum Transportieren dabei. Also macht sie sich von Ottersberg aus auf den Weg. „Ich bin rund um die Uhr erreichbar, das ist mir wichtig – oft wäre es zu spät, wenn sie bis zum nächsten Morgen warten müssten“, erzählt die Expertin. „Es gibt keinen Feierabend, nachts Einsätze – aber das Schicksal der Tiere macht auch keinen Feierabend.“ Auch für die kleine Waldohreule wäre sonst jede Hilfe zu spät gekommen. Sie hatte bereits Hungerkot, das heißt, schon länger nichts zu fressen bekommen. Die Organe fahren sich dann herunter, Vögel haben einen sehr schnellen Stoffwechsel – damit die Leistung aufrechterhalten bleibt, brauchen sie Nachschub.

Vogel-Gerloff hat eine private Pflegestelle, in der sie ihre Patienten aufpäppelt, auf Anfrage auch andere Wildtiere. Aktuell habe sie vor, sich zu vergrößern. Wie so oft ist auch der Klimawandel mit ein Grund dafür. „Die Winter sind nicht mehr so kalt, viele Parasiten überleben. Es werden immer mehr in Not geratene Tiere.“ Aktuell seien es mehr als 100 Vögel in ihrer Station, auch ein großer Taubenschwarm. Die Vogelflüsterin hat das Ziel, ihre Schützlinge zu entlassen, wenn sie wissen, wie sie sich selbst versorgen können. Das sei aber nicht immer möglich. Daher hat sie unter anderem behindertengerechte Volieren eingerichtet, „das haben nicht alle Auffangstationen“.

Die Familie wartet indes auf dem Parkplatz. Die drei Kinder, Silke Holtermann und ihr Mann verfolgen aufmerksam, wie es dem Vogel geht. „Wir haben Wache gehalten, damit nicht einer aus Versehen das Eulenbaby überrollt“, erklärt die Mutter. Da Vogel-Gerloff eine Weile brauchen würde, gibt es das geplante Abendessen auf dem Rastplatz. „Wir hatten nur eine Gabel für fünf Leute, das war ja nicht geplant“, so Holtermann schmunzelnd. Von ihrem Einsatz ist die Expertin beeindruckt, freut sich über so viel Empathie – viele, sagt sie, würden in solchen Situationen einfach weiterfahren. „Die Familie hat sofort erkannt, dass es noch ein sehr kleines Tier ist, sie hat sich sehr vorbildlich verhalten“, lobt die Ottersbergerin. „Es ist wichtig, nicht wegzusehen, einen gewissen Grad Verantwortlichkeit zu fühlen und zu erkennen, wenn ein Tier in Not ist.“ Dazu hält sie Vorträge an Schulen. „Das ist eine Herzenssache.“

Unterdessen entspannt sich der Vogel, der etwa drei bis vier Wochen alt ist, scheint zu merken, dass ihm die fünf Menschen nichts Böses wollen. Als Vogel-Gerloff ankommt, ist er ruhiger, faucht nicht mehr. So können sie ihn vorsichtig ins Auto setzen. „Für die Kinder war das sehr aufregend, sie haben viele Fragen gestellt“, sagt ihre Mutter. Die Vogelexpertin stellt noch einmal heraus, dass sich die Familie genau richtig verhalten habe. Denn oftmals wollen Menschen helfen, schaden dem Vogel aber unbeabsichtigt nur noch mehr. „Im Internet steht leider viel Mist“, kritisiert Vogel-Gerloff, die ihr Handwerk von Reinhart Brandau gelernt hat. Der Worpsweder galt als absoluter Experte auf seinem Gebiet. „Ich habe seit meiner Kindheit mit Wildtieren zu tun, habe mit ihm die Vögel groß gezogen und gesund gepflegt.“ Sie hat eine Ausbildung als Krankenschwester gemacht, in dem Beruf aber nie gearbeitet. Danach war sie Assistenz eines Tierarztes, heute ist sie voll und ganz Brandaus Nachfolgerin als Vogelflüsterin. „Wir wissen, wen wir von uns haben, sehen anderes als andere Menschen. Vögel verfügen über viel emotionale Intelligenz, das können sich viele nicht vorstellen. Sie trauern auch um Artgenossen.“

Aktuell ist Hochsaison für die Vogelflüsterin. Bei Hitze dehydrieren Vögel. Deren Körper können aber nicht damit umgehen, wenn sie dann sofort Wasser bekommen. „Schon zwei Tropfen kaltes Wasser könnten sie töten“, weiß Vogel-Gerloff. Der Vogel schaffe es nicht, das zu verstoffwechseln. Man müsse vorsichtig mit Elektrolyten das Tier wieder aufpäppeln. Sie nimmt den kleinen Zeon, wie ihn der elfjährige Sohn von Holtermann tauft, mit nach Ottersberg. Zwei Tage später rufen Holtermanns an und fragen, wie es Zeon geht. „Er hat sich erholt und zwei Eulen als Gesellschaft bekommen. Sie kuscheln sich zusammen, brauchen viel Nähe“, erfährt Holtermann. Vogel-Gerloff ist zufrieden mit Zeons Entwicklung: „Er lernt Sozialverhalten und seine Urinstinkte kommen raus, er merkt, wofür seine Krallen sind. Eine wache und kluge Eule, weiter als die anderen Eulenkinder, sie beobachtet sehr genau. Und das Flügelchen, wo es eine Einblutung hatte, ist gut ausgeheilt.“

Hilfe in Notfällen

Wer einen kranken oder verletzten Vogel findet, sollte ihn beobachten und Nadine Vogel-Gerloff anrufen, die bei Bedarf vorbeikommt. Sie ist unter der Nummer 0179/ 7320583 erreichbar. Wer ihre Arbeit unterstützen möchte, kann spenden: Wildvogelhilfe Vogel-Gerloff; IBAN: DE43291623940710256900 oder auch per Paypal an Wildvogelhilfe.Vogel-Gerloff@gmx.de.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

So fährt sich ein E-Klapprad

So fährt sich ein E-Klapprad

Fotostrecke: Werders Wasserschlacht gegen Heidenheim

Fotostrecke: Werders Wasserschlacht gegen Heidenheim

China droht Großbritannien wegen Hongkong-Einmischung

China droht Großbritannien wegen Hongkong-Einmischung

Georgias Filmorten auf der Spur

Georgias Filmorten auf der Spur

Meistgelesene Artikel

Refugien für Naturliebhaber

Refugien für Naturliebhaber

Erntefest auf dem Marktplatz

Erntefest auf dem Marktplatz

Gottesdienst mit Taufe von oben

Gottesdienst mit Taufe von oben

Kommentare