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Tiertafel unterstützt Rotenburger in prekären Situationen

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Von: Tom Gath

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Ein süßer Hund steht neben einer Tüte mit gespendetem Futter von der Tafel.
Nicht alle Hundebesitzer haben genug Geld, um Futter zu kaufen. Die Tiertafel versucht, allen Bedürftigen zu helfen, auch wenn der Bedarf immer größer wird. © DPA/Albert

Die Tiertafel unterstützt Menschen, wenn sie sich das Futter für ihre Tiere nicht mehr leisten können. Auch in Rotenburg gibt es eine Ausgabestelle. Nächste Woche ist eine besondere Weihnachtsaktion geplant. Dennoch blicken die Ehrenamtlichen pessimistisch in die Zukunft.

Rotenburg – „Not darf alte Freunde nicht trennen.“ Das ist der Leitsatz der Tostedter Tiertafel, die seit dem vergangenen Jahr auch eine Ausgabestelle in Rotenburg betreibt. Denn für viele Menschen sind ihre tierischen Begleiter unverzichtbar und treuer als so mancher menschliche Freund. Damit Tierhalter ihre Vierbeiner aufgrund von schwierigen Lebenslagen nicht abgeben müssen, verteilt der Verein „Besitzerhunde“ einmal monatlich Futter für 14 Tage. „Den Rest müssen die Tierhalter selber stemmen, anders geht es leider nicht“, sagt die Vorsitzende von „Besitzerhunde“, Christine Boll.

Die Dame saß völlig einsam zu Hause und sollte das gemeinsame Tier abgeben. Das hat uns das Herz gebrochen, das konnten wir nicht zulassen.

Christine Boll über die Motivation zur Gründung des Vereins

Denn der Verein ist vollständig auf Spenden angewiesen, von den Kommunen gibt es keine Unterstützung. „Da ist leider kaum was zu machen. Die Tierheime haben Verträge mit den Kommunen, aber wir sind alles ehrenamtliche Einzelkämpfer und verstehen uns mittlerweile als Futterlogistiker. Es sind gravierende Mengen an Futter, die wir bewegen“, so Boll.

Seit der Vereinsgründung vor sechs Jahren sei der Bedarf stetig gestiegen. Schon mit Beginn der Corona-Pandemie habe es einen sprunghaften Anstieg an Kunden gegeben. Die steigenden Energiekosten, eine explodierende Inflationsrate und auch die Lieferprobleme für günstiges Discounterfutter haben die Situation noch einmal verschärft. Und die Spendenbereitschaft gehe ebenfalls merklich zurück.

Tragische Trennungen sollen vermieden werden

Ausschlaggebend für die Gründung des Vereins sei laut Boll ein besonders tragischer Fall gewesen: Der Ehemann einer älteren Frau ist gestorben und sie musste von einer kleinen Witwenrente leben. Als ihr elf Jahre alter Hund krank wurde und auf Tabletten angewiesen war, konnte sie sich den Unterhalt nicht mehr leisten. Die Kinder der Frau wollten den Hund, der einen letzten Bezug zum verstorbenen Ehemann aufrechterhielt, ins Tierheim bringen. Das kam für Boll und ihre Mitstreiter nicht infrage: „Die Dame saß völlig einsam zu Hause und sollte das gemeinsame Tier abgeben. Das hat uns das Herz gebrochen, das konnten wir nicht zulassen.“

Bis heute gibt es immer wieder Fälle, die Boll besonders nahe gehen. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist aber fast immer von großer Bedeutung. Gerade älteren oder alleinstehenden Menschen geben die Tiere Sicherheit und Struktur. Sie helfen auch dabei, Sozialkontakte aufrechtzuerhalten, etwa beim Gassigehen. Für Kinder sind die Haustiere wie Familienmitglieder, ein Verlust wäre für sie sehr schmerzhaft.

Der Stellenwert der Tiere wird für Boll auch daran deutlich, dass Tierhalter für ihre Liebsten über ihren Schatten springen: „Viele Menschen sagen: ‚Ich schäme mich so sehr für meine Armut, ich würde nicht mal zur Tafel für Menschen gehen.‘ Aber für ihre Tiere überwinden sie ihre Scham.“

Vorherige Anmeldung notwendig

Um Essen von der Tafel zu beziehen, ist eine vorherige Anmeldung notwendig. Denn das Essen wird für jedes Tier individuell verpackt und dann von der Zentrale in Welle/Tostedt zur Rotenburger Tafel für Menschen gefahren, die dem Verein das Gelände einmal im Monat überlässt.

Die Tiertafel orientiert sich dabei an den gleichen Bedingungen, wie die Menschentafel: Die Bedürftigkeit muss über einen Leistungsbescheid nachgewiesen werden, also etwa der Bezug von Grundsicherung oder Wohngeld. Zudem muss ein Nachweis vorliegen, dass das Tier tatsächlich existiert: ein Haustierausweis, Impfpass oder ein anderes Dokument, das den Besitz an dem Tier belegt. „Denn es wurde auch schon versucht, sich unsere Leistungen zu erschleichen“, sagt Boll. So sei es in der Vergangenheit vorgekommen, dass es gar keine Tiere gab und das Futter der Tafel anschließend bei Ebay verkauft wurde.

Außerdem besteht das Hilfsangebot ausschließlich für „alte Freunde“: Tiere, die vor einer prekären Situation angeschafft wurden und zu denen schon ein intensives Verhältnis besteht. Und: „Während man bei der Tafel ist, kann man sich keine neuen Tiere mehr anschaffen. Wir erwarten von unseren Tierhaltern Verantwortungsbewusstsein und dann helfen wir auch gerne und unkompliziert“, erklärt Boll.

Highlight des Jahres: Die Weihnachtstüten

Nächste Woche steht wieder die alljährliche Weihnachtstütenaktion an. Schon seit Wochen wird für diesen Tag gezielt um zusätzliche Spenden geworben. Die Tierfreunde erwartet eine ganz besondere Überraschung: Zusätzlich zur normalen Verpflegung gibt es Tüten mit speziellem Futter, Leckerlis und Spielzeug. „Sie glauben gar nicht, wie glücklich auch unsere menschlichen Kunden sind, wenn sie dann diese Tüten unter dem Tannenbaum aufmachen und sich mit ihren Tieren freuen“, erzählt Boll.

In die fernere Zukunft blicken Boll und ihre Helfer allerdings eher pessimistisch. Neben der allgemeinen Zunahme von Armut tritt nächstes Jahr eine neue Gebührenordnung für Tierärzte in Kraft. Bei den Tierarztkosten werden teilweise extreme Steigerungen erwartet. Es liege nahe, dass die Tafel dann nicht mehr allen helfen kann und sich Leute von ihren Tieren trennen müssen. Eine sehr traurige Vorstellung für die Ehrenamtlichen der Tiertafel: „Wir befürchten, dass uns ganz ganz schlimme Zeiten bevorstehen.“

Weihnachtsüberraschung in Rotenburg

Am 21. Dezember bringen die Helfer von der Tiertafel neben der normalen Verpflegung besondere Weihnachtstüten zur Außenstelle in Rotenburg. Von 12 bis 13.30 Uhr können die Tierhalter die besondere Überraschung auf dem Gelände der Rotenburger Außenstelle der Tafel, Rathausgasse 9, in Empfang nehmen. Neukunden sollten sich vorab telefonisch unter 04188/ 888924 anmelden und die erforderlichen Unterlagen mitbringen. Auch potenzielle Spender dürfen sich gerne bei dem Verein melden. Weitere Informationen zu den Unterlagen und den Abgabevoraussetzungen unter: www.besitzerhunde.de

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