INTERVIEW AM WOCHENENDE Architekt Joachim Cordes über gemeinschaftliches Wohnen

„Heute werden wir akzeptiert“

Architekt Joachim Cordes vor seinem Büro.
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Mitten in Unterstedt hat der Architekt Joachim Cordes sein Büro.

Unterstedt – „Ich bin kein Star-Architekt, ich bin jemand, der versucht, mit den Gegebenheiten das Beste umzusetzen.“ Entspannt sitzt Architekt Joachim Cordes am Besprechungstisch in seinem Büro, um sich herum an Stellwänden lauter Projekte, an denen er arbeitet oder die er abgeschlossen hat. Er ist mit Herzblut dabei, das merkt man dem Unterstedter beim Erzählen an. Er spricht im Interview über seine Arbeit denn auch vor allem vom gemeinschaftlichen Wohnen.

Eines Ihrer aktuellen Projekte ist das gemeinschaftliche Wohnen am Nagelschmiedsweg in Rotenburg. Ist das für Sie etwas Besonderes?

Da haben wir den Vorentwurf mit den Eigentümern abgestimmt, jetzt geht es um eine weitere Beauftragung nach dem Konzept. Das ist mittlerweile Standard geworden. Nur die Größe oder der Wegfall eines Gemeinschaftshauses spielt häufig eine Rolle.

Finanzieren die Mieter und Käufer das mit?

Wenn nicht, schließen wir Kompromisse, planen einen oder zwei Räume ein, manchmal nur einen äußeren Treffpunkt. Ein Raum, in dem man sich außerhalb der eigenen Wohnung treffen kann, ist wichtig. Wer ein Gemeinschaftsprojekt startet, akzeptiert, dass er mehr Geld ausgibt. Ziel ist es, dass er sich in dem Objekt und der Gemeinschaft wohl fühlt. Ich baue für den Menschen, nicht für mich. Was nicht gefällt, fällt weg. Ich muss die Richtung vorgeben, aber der Kunde entscheidet. Wenn jedoch ein „Andersdenkender“ dazwischen kommt, muss dieser woanders hingehen. Und die Kunden sollten mit ihren finanziellen Mitteln hinkommen.

Also Planung auch unter sozialen Aspekten?

Wir planen das gemeinschaftliche Wohnen so, dass es passt. Vielleicht mit Eigenleistung oder Fördermitteln. Wir möchten auch die mitnehmen, die sich sonst das Bauen nicht erlauben können. Wichtig ist, dass sich erst mal Menschen zusammenfinden. Es braucht meist eine Galionsfigur. Buchholz ist da unser Aushängeschild. Dort lebt die erste Gruppe, die sich gefunden hat. Da wird, wenn möglich, einmal in der Woche zusammen gegessen und es gibt andere Aktivitäten. Die Hälfte wohnt in Eigentum, die anderen sind Mieter. Grundidee war auch, eine Genossenschaft zu bilden, um die mitzunehmen, die sich so etwas sonst nicht erlauben können – das ist ein tolles Modell, das Städte und Kommunen viel mehr fördern sollten. Das scheiterte damals an den hohen Auflagen. Meist findet sich heute eine Gruppe, sucht ein passendes Grundstück und bebaut es – oft sind wir aber zu spät. Bis wir so weit sind, hat es ein anderer schon gekauft. Die Kommunen geben uns meist wenig Spielraum.

Geht der Trend also deutlich Richtung gemeinschaftliches Wohnen?

Ja, aber leider erst ab einem gewissen Alter. Bei jungen Leuten noch nicht. Sie wollen große Grundstücke. Wenn ich in Rotenburg aber Grundstücke bekommen würde für zum Beispiel vier bis sechs Wohneinheiten, hätte ich sofort viele Interessenten, die sich zusammentun würden. In Rotenburg haben wir auch ein Haus gebaut mit sechs Wohneinheiten, aber ohne Gemeinschaftsraum – weil der weitere Aufwand zu teuer wäre. Dafür entstanden schöne Außentreffpunkte. Wir Architekten sollten auch da nicht nur plump gesagt gleiche Karnickelställe bauen.

Wie schafft man denn gemeinschaftliches Wohnen ohne Gemeinschaftshaus oder -raum?

Dafür haben wir im Außenbereich Flächen geschaffen. Das ist für mich auch schon gemeinschaftliches Wohnen. Man schafft für die Mieter und Eigentümer etwas, wo sie sich zurückziehen können, und Raum, wo sie zusammen sein können. Das Gute ist: Mittlerweile geht das schneller. Früher dauerte es Jahre, bis so etwas umgesetzt worden ist – Architekt und Käufer haben oft resigniert. Manchmal braucht es aber Zeit, alle zusammenzubekommen. In Kirchwalsede hatten wir jetzt Glück, da hat uns der Eigentümer die Zeit gelassen.

Es gibt viele ältere Häuser, die oft aufwendig saniert werden müssten. Viele wollen das nicht auf sich nehmen. Wäre gemeinschaftliches Wohnen da eine Lösung?

In Waffensen haben wir ein altes Bauernhaus in sechs Wohneinheiten umfunktioniert. Wohnungen werden auch auf dem Dorf gebraucht. Ältere Leute haben dort kaum Chancen zu bleiben, wenn ihnen ihre Häuser mit Garten zu viel werden. Sie ziehen dann nach Rotenburg, meist direkt ins Altenheim. Dafür ist das Konzept, alte Häuser umzubauen, perfekt. Denn was wird aus diesen? Da kommt nie wieder Landwirtschaft rein. Und ein Abriss verändert deutlich das Ortsbild. Man müsste die Häuser frei machen von Immissionen und versuchen, jung und alt zusammenzubringen. Auch viele junge Leute wollen alleine wohnen, können sich aber kein Eigenheim leisten. So kann man sich dann gegenseitig helfen. Das fehlt noch überall.

Wie realistisch sind solche Projekte, bedenkt man die explodierten Preise für Baumaterialien?

Es wird schwerer. Wir haben zwar vermehrt Fördermaßnahmen, aber den Vorteil hat nicht unbedingt der Mieter. In Buchholz müssen mindestens zehn Prozent der bebauten Fläche für Sozialwohnungen bereitgestellt werden. Was nicht schlecht ist. Aber oft baut der Investor dann „Kasernen“. Man sollte von vornherein Projekte in einem Wettbewerb vergeben – da ist die Stadt Rotenburg an der Brockeler Straße ein Vorbild. Ich wünsche mir auch für das nächste Baugebiet gemeinschaftliches Wohnen. Es gibt nur einen Nachteil: wenn es in die Höhe geht. Für Barrierefreiheit braucht es einen Aufzug und der lohnt erst ab zehn Wohneinheiten. Sonst wird es zu teuer. Deswegen ist es richtig, was die Stadt macht: Grund und Boden aufkaufen, dass nicht jemand mit viel Geld dazwischen grätscht und es teuer bebaut. Denn wer soll das bezahlen?

Wird die Pandemie die Art und Weise, wie wir wohnen beeinflussen?

Das kann man nur hoffen. Wir auf dem platten Land leben in diesen Zeiten wie Gott in Frankreich, verglichen mit einer Wohnung im siebten Stock in Hamburg, vielleicht mit mehreren Kindern auf engem Raum. Da kommt viel Frust auf. Wir müssen das verändern. Wir müssen auch dafür sorgen, dass Investoren nicht mehr alles vorgeben. Auch ich hinterfrage mich – und lehne mal etwas ab.

Also muss einiges anders gemacht werden?

Auf jeden Fall. Vor 50 Jahren haben wir schon gesagt, so kann es nicht weitergehen. Da ging es um zunehmende Verdichtung. Da haben wir Modelle gebaut: Wie können wir urbanes Bauen besser gestalten? Was ist daraus geworden? Nichts. Es hat sich nichts getan. Teilweise ist das frustrierend. Ich hätte mir gewünscht, die Natur mehr einzubinden. Mehr nachhaltiges Bauen, das habe ich damals schon gelehrt.

Wurde der richtige Zeitpunkt verpasst?

Die meisten haben das immer schon gemacht. So zu Bauen ist nicht neu. In Hamburg-Allermöhe habe ich ökonomische Siedlungen mitgebaut. Wir haben Komposttoiletten eingebaut, große Kanister im Keller, und Pflanzenkläranlagen erstellt. Da kamen jedes Jahr Japaner, die sich die Projekte des ökologischen Bauens in Norddeutschland angesehen haben. Die haben sich gewundert, wie sauber und geruchslos alternative Abwassertechniken sind. Das hat Spaß gemacht. Dort wurde auch schon gemeinschaftlich, gebaut. Aber wir haben vieles vernachlässigt. Wir haben früher Regenwasser von vornherein viel mehr genutzt. Wir versuchen wieder vermehrt, nachhaltig zu bauen. Dem Bauinteressenten erscheint vieles ökologisch, was aber bei genauerer Überprüfung nicht nachhaltig ist. Früher sind wir jedes Grundstück mit einer Wünschelrute abgegangen, um schädliche Standorte zu finden. Aber das kommt wieder. Die Leute werden bewusster.

Kommen in dem Zuge alte Techniken wieder mehr zum Einsatz?

Das habe ich gehofft. Es gibt ein großes Klientel dafür, ökologisch und ökonomisch zu bauen, vor allen in den Innenräumen. Das ist meist sehr aufwendig, kostet viel Zeit. Die Industrie hat sich aber darauf eingestellt, beispielsweise mehr Lehm zu nutzen. Ich würde jedem empfehlen, im Wohnzimmer Lehmputz zu nutzen – das schafft eine andere Atmosphäre. Und es trägt zu einem besseren Raumklima bei. Auch auf Boden wird mehr geachtet, zum Beispiel sollten weniger Vinylchloride, also kein PVC-Boden, rein.

Wenn Sie auf Ihr Berufsleben zurückblicken, was hat sich für Architekten am meisten verändert?

Als wir vor zwölf Jahren mit dem Thema gemeinschaftliches Wohnen zu den Banken gegangen sind, wurden wir ausgelacht. Heute werden wir akzeptiert. Das Konzept ist damals vermehrt aus Süddeutschland hier wieder aufgekommen. Es läuft gut. Jedes Objekt und jede Gemeinschaft ist anders. Es lebt von den Menschen. Von den Gemeinschaften, mit denen ich gebaut habe, ist vielleicht eine nicht so gewachsen wie erhofft. Ich habe da versucht, zu vermitteln – das passt, ich wollte eigentlich mal Pastor werden. (lacht) Aber die Bürokratie hat extrem zugenommen. Das Architektonische hat leider nachgelassen – und das ist es, was Spaß macht.

Man ist also bei Bauprojekten als Architekt auch mal der Seelsorger?

Das kommt vor. Es gibt Vor- und Nachteile in Gemeinschaften. Es gibt keine Garantie, dass es funktioniert, man muss sich auch mal zurücknehmen.

Ist das ein Modell für die Zukunft? Die Menschen werden älter, möchten nicht gleich ins Altenheim, sondern in den eigenen vier Wänden bleiben.

Genau. Es gibt mehrere Arten des Wohnens. Das gemeinschaftliche Wohnen und Bauen ermöglicht eine gewisse Eigenständigkeit. Ich habe eine Gruppe mit einem älteren Vermieter, der gesundheitliche Probleme hatte. Alle Nachbarn haben ihm geholfen, manchmal nur mit Kleinigkeiten, und er konnte Zuhause bleiben.

Ist das auch ein gutes Modell für Menschen mit und ohne Behinderung?

Grundsätzlich ja, aber Aufzüge werden nicht gefördert. Das ärgert mich, das wäre für viele sehr wichtig. Es gibt nur wenige Wohnungen mit Aufzügen. Aber fast alle Objekte des gemeinschaftlichen Bauens und Wohnens werden barrierefrei geplant und gebaut.

Man könnte es also wenigstens unter gewissen Umständen besser fördern?

Ja, absolut. Das Ziel ist Selbstständigkeit erhalten und schaffen. Und die Nachfrage allgemein für gemeinschaftliches Wohnen ist riesig.

Was ist Ihr Lieblingsprojekt?

Das in Buchholz. Architektonisch nichts Besonderes, aber es besteht eine persönliche Verbindung. Ich fahre oft hin. Das ist schön.

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