Fleischer geht in Ruhestand

Herbert Wünsch schließt Ende dieser Woche ab – für immer

+
Immer wieder tüftelt Herbert Wünsch an eigenen Rezepten. Auch seine Pinkelwurst gehört zu den beliebtesten Produkten.

Rotenburg - Von Guido Menker. Versuche hat es gegeben. Immer wieder. Doch in den vergangenen Jahren war niemand zu finden. „Fast aussichtslos“, sagt Herbert Wünsch. Seit mehreren Jahren schon hat er keine Auszubildenden mehr. Und wenn der Nachwuchs fehlt, ist es eben schwer, ein Geschäft zu übergeben.

„Dieser Beruf ist wohl nicht mehr modern genug“, vermutet der Fleischermeister. Die jungen Leute hätten womöglich falsche Vorstellungen. Vielleicht liege es auch am Image. Herbert Wünsch ist jetzt 65 Jahre alt. Er geht in den Ruhestand und schließt Ende dieser Woche seinen Laden ab – für immer. Er ist der letzte in Rotenburg produzierende Fleischer. „Alles hat ein Ende“, sagt er.

In seinem Gesicht ist ein Hauch von Erleichterung zu erkennen. Und doch sei auch Wehmut im Spiel. „Das ist doch normal, wenn man seinen Beruf liebt“, findet er. Und er liebt seinen Beruf, der ihm einst in die Wiege gelegt worden ist. Die Fleischerei Wünsch ist ein Geschäft mit großer Rotenburger Tradition. Herbert Wünsch hat den Betrieb von seinem Vater übernommen, sein Großvater hatte ihn einst gegründet.

Blick zurück: Nach der Schule macht sich Herbert Wünsch 1969 auf den Weg nach Kirchweyhe, um dort seine Lehre zu beginnen. „In der Woche habe ich beim Meister gewohnt, am Wochenende bin ich nach Hause gekommen. Zu Anfang war das wirklich hartes Brot“, erinnert er sich an seine Anfänge. Eine schwierige Zeit, aber sie habe sich gelohnt. „Ich habe viel gelernt.“ 

Der Fleischer leistet echte Handarbeit. Herbert Wünsch hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt.

1972 kommt der junge Mann wieder ganz zurück nach Rotenburg, steigt bei seinem Vater ein – und bleibt bis heute in dem Geschäft. 1991 übernimmt er die Chefrolle. Heute weiß er: „Mit der Schließung der Fachgeschäfte geht die Vielfalt verloren.“ Doch es gibt keinen anderen Weg. Das Personal ist das große Problem. Nicht so sehr im Verkauf, aber umso mehr in der Wurstküche. Kaum noch junge Leute wollen Fleischer werden oder gar einen eigenen Laden betreiben.

Herbert Wünsch nimmt es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Er freut sich darauf, künftig etwas mehr Ruhe zu finden. Schließlich hatte bei ihm ein Arbeitstag mindestens zwölf Stunden. Zwar schlachtet er schon seit vielen Jahren nicht mehr selbst, aber er legt großen Wert darauf, Fleisch von guter Qualität einzukaufen, um damit eigene Produkte zu erstellen. Pinkel und Wiener Würstchen sowie die Steinbeißer sind seine Spezialitäten. 

Auch die hauseigene Mettwurst ist bei den Kunden äußerst beliebt. Acht Stück davon hat er gerade fertig. „Die muss jetzt noch drei Wochen liegen“, sagt Wünsch. Es seien Vorbestellungen von Kunden, die auch nach der Schließung des Geschäftes noch etwas davon zu Hause haben möchten. Zwei Mal in der Woche bietet das Geschäft einen Mittagstisch an. „Den bereite ich selbst zu“, erklärt Wünsch. Und mittwochs ist Suppentag.

Karin und Herbert Wünsch arbeiten seit vielen Jahren im Team zusammen. Jetzt schließen sie ihren Laden. Ende der Woche ist Feierabend. Die beiden Töchter wollten nicht in die Fußstapfen der Eltern treten. „Sie gehen andere Wege“, sagt der Chef.

Allein könnte der 65-Jährige die ganze Arbeit kaum stemmen. Bis zu zehn Mitarbeiterinnen beschäftigt der gebürtige Rotenburger am Tresen. Und im Hintergrund ist seine Frau Karin mit von der Partie. Sie war eigentlich gelernte Rechtsanwaltsgehilfin. Nachdem die beiden sich kennengelernt hatten und Karin zu ihm nach Rotenburg gezogen war, schulte sie um. „Darauf hat mein Schwiegervater großen Wert gelegt.“ Vom Schreibtisch in die Fleischerei. 

Karin Wünsch und ihr Mann Herbert wuchsen zu einem guten Team zusammen. Er produzierte, sie zog im Hintergrund die organisatorischen Fäden, kümmerte sich ums Büro. Auch ihre Arbeit wuchs nach und nach an. „Wir haben ja auch einen Party-Service.“ Einkauf, Planung und Organisation – es gab und gibt viel zu tun.

Seit 40 Jahren sind sie verheiratet. Im Urlaub sind sie gerne „irgendwo am Wasser“. Künftig haben sie mehr Zeit dafür, doch jetzt geht es erst einmal darum, alles zum Abschluss zu bringen. Herbert Wünsch sitzt ein wenig wie auf Kohlen, eigentlich muss er dringend wieder in die Wurstküche. Da liegt noch reichlich Arbeit für ihn. Dort, an den Töpfen und Maschinen, fühlt er sich immer noch wohl. „Es ist einfach schön, eine gute Wurst aus dem Rauch zu holen. Das macht stolz, und es ist ähnlich wie bei einem Künstler, der ein Werk fertigstellt.“ Die Kunden danken es ihm. 

Am schönsten sei es, wenn am Abend die Regale leer sind. Viele Stammkunden seien es, die bei ihm kaufen. „Viele von ihnen haben selbst als Kinder schon eine Scheibe Wurst bei uns bekommen.“ Die Augen von Herbert Wünsch leuchten wie die der Kinder, die darauf nur warten. Doch nun ist Schluss. Wünsch nimmt es mit Humor: „Alles hat ein Ende – nur die Wurst hat zwei.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Nach Anschlägen: Islamisten aus Sri Lanka unter Verdacht

Nach Anschlägen: Islamisten aus Sri Lanka unter Verdacht

Feuer im Goldenstedter Moor

Feuer im Goldenstedter Moor

Osterräderlauf in Leeste

Osterräderlauf in Leeste

Streetfood-Festival in Bassum

Streetfood-Festival in Bassum

Meistgelesene Artikel

Ein Traum mit roten Blüten

Ein Traum mit roten Blüten

Brand in Visselhövede: Bewohner retten sich aus Mehrfamilienhaus

Brand in Visselhövede: Bewohner retten sich aus Mehrfamilienhaus

Nur noch wenige Restbestände

Nur noch wenige Restbestände

Verkehrsunfall auf der A1: Dreiköpfige Familie schwer verletzt 

Verkehrsunfall auf der A1: Dreiköpfige Familie schwer verletzt 

Kommentare