Bestseller-Autorin nimmt Wachtelhof-Besucher mit auf autobiografische Achterbahnfahrt

Die zwei Leben der Hera Lind

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Hera Lind zeigt im Wachtelhof ganz unterschiedliche Facetten einer hochgelobten und tief gefallenen Bestseller-Autorin. 

Rotenburg - Was erwartet man von der Lesung von Hera Lind, deren Unterhaltungsromane in den 1980-ern millionenfach über den Ladentisch gingen, noch dazu unter dem Titel „Best of Bestsellers“? Die meisten der gut 80 vorwiegend weiblichen Zuhörerinnen (die anwesenden Männer werden als „liebe Mitgebrachte“ angesprochen) am Freitagabend im Landhaus Wachtelhof in Rotenburg kennen das langjährige Zugpferd der Unterhaltungsliteratur vor allem durch ihre Bestseller wie „Ein Mann für jede Tonart“ und „Das Superweib“ oder deren Verfilmungen.

Erste Überraschung: Die 60-Jährige, eine strahlende Erscheinung, augenscheinlich mit sich und der Welt im Reinen, liest keine einzige Zeile – sie erzählt. Und das auch nicht aus ihren Romanen, sondern aus ihrem eigenen Leben. Zugegeben: Das nimmt sich selbst wie einer ihre fiktiven Herzschmerz-Geschichten aus: Karriere als Sängerin, Welttourneen mit Karajan und Bernstein – kurioses Kennenlernen des Gatten, vier Kinder, erste schriftstellerische Erfolge durch Chuzpe und Glück. Sie lässt die Zuhörer an den Höhepunkten ihrer Karriere teilhaben (etwa das Fax von Bernd Eichinger, mit dem er sie nach Hollywood holt, um gemeinsam das Drehbuch für das „Superweib“ zu schreiben), verschweigt jedoch auch die anfänglichen Tiefpunkte nicht: wie die Lesung im Männerknast oder den Moment, als sie eine „Mucke“ als Solosängerin übernimmt, um festzustellen, dass sie sich im Stück geirrt hat…

So weit, so pointiert – und schreiend komisch. Liegt’s am Talent zur Überhöhung, zur Schwarz-Weiß-Zeichnung, oder hat die Salzburgerin mit dem Talent für Dialekte etwas hinzugedichtet? Darüber wird in der Pause spekuliert.

Danach: ein Bruch – genau wie in ihrem Leben, mitten auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs. Bei einem Gastauftritt auf dem „Traumschiff“ gerät sie mit einem anderen Mann ins Visier der Regenbogenpresse. Es folgt ein jahrelanger Shitstorm, der Absturz. Scheinbar schonungslos offen erzählt sie von den Hetzkampagnen der Bildzeitung, der Verunglimpfung als Rabenmutter. Bei ihrem Hinweis darauf, dass männliche Prominente (Becker, Schröder, Beckenbauer) in ähnlichen Fällen nicht abgestraft werden, nicken auch Männer im Publikum. Gleichwohl: Inwieweit auch die Selbstinszenierung als Medienopfer und Opfer falscher Finanzberater und die nachfolgende Pleite Teil der Lindschen Schwarz-Weiß-Malerei entspringen, bleibt ebenfalls Spekulation. Fakt ist: Kein Verlag will Lind mehr drucken, ihr Skript für Udo Jürgens‘ Musical „Ich war noch niemals in New York“ wird für gut befunden, allein: ihr Name darf nirgendwo erscheinen, und zum geplanten „Wetten dass“-Auftritt lädt der Star sie wieder aus – „ein Imageschaden“.

So weit, so intensiv, das Gefühlsbad, das manchmal auch klingt wie eine Rechtfertigung. Doch das soll beileibe noch nicht alles gewesen sein: Mitten im Vortrag betreten fünf Personen den Raum. Sie sind die Protagonisten einer ihrer inzwischen zwölf veröffentlichten „Schicksalsgeschichten“: Zwillinge, deren unerfüllter Kinderwunsch zur Adoption von zehn inzwischen zumeist erwachsenen Kinder geführt hat. Ihre Geschichte hat die Schriftstellerin, die sich inzwischen auf die Dokumentation von Schicksalen spezialisiert hat, niedergeschrieben. Diese Neuerfindung ringt den Gästen Respekt ab: „Eine starke Frau“, so der Tenor. Die Lesungen im Wachtelhof erweisen sich einmal mehr als literarisches Ü-Ei. 

 hey

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