Helfer im Regelwust

Interview: Wilfried Völz und Wilhelm Tödter über den Sozialverband VdK

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Zwei, die sich gut verstehen: Wilhelm Tödter (l.) und Wilfried Völz haben im VdK beide leitende Ämter. Sie sind überzeugt: Der Sozialverband trägt heute eine wichtigere Rolle denn je.

Rotenburg - Die Bezeichnung „Verband der Kriegsbeschädigten“ wird nicht mehr verwendet – die einprägsamen Buchstaben „VdK“ sind für Deutschlands größten Sozialverband mit fast zwei Millionen Mitgliedern aber geblieben. Innerhalb von 70 Jahren hat sich der VdK vom ehemaligen Kriegsopferverband zum großen, modernen Sozialverband entwickelt, der für soziale Gerechtigkeit und Gleichstellung kämpft und sich gegen Sozialabbau starkmacht. Anlässlich des Gründungsjubiläums haben wir uns mit Wilfried Völz (66), dem Vorsitzenden des Rotenburger Ortsverbands, und Wilhelm Tödter (68), Chef der Ortsverbände Lauenbrück und Fintel, über neue Aufgaben, Imageprobleme sowie eine anstehende Geburtstagsfeier unterhalten.

Was der ADAC für Autofahrer, ist der VdK für all jene, die Ärger mit dem Sozialstaat haben. Würden Sie diesem Vergleich zustimmen?

Wilfried Völz: Grundsätzlich ja. Nur haben wir es mit Menschen zu tun – und zwar mit denen, die mit gewissen Dingen, mit denen sie sonst nichts zu tun haben, nicht so genau umzugehen wissen. Da kommen wir dann als VdK ins Spiel. Wenn der Brief von der Rentenstelle kommt, vom Sozialamt, von der Krankenkasse, von der Pflegekasse oder von der Berufsgenossenschaft, können wir beratend zur Seite stehen.

Wilhelm Tödter: Nehmen wir doch mal ein konkretes Beispiel: Jemand benötigt einen Rollstuhl, der wird aber abgelehnt, wie es ohnehin allgemeinhin erst mal der Fall ist. Nun wird ein Gutachter von der Rentenversicherung beauftragt – und von wem wird der bezahlt? Richtig, von seinem Arbeitgeber, der Rentenversicherung. Der Gutachter kann natürlich nicht hundertprozentig hinter der Versicherung stehen, aber er tendiert dorthin. Also gibt es ein Gegengutachten, und das kostet Geld, was manch einer nicht bezahalen kann. Und dazu ist der VdK da, der kämpft dann.

Also hat Ihr Sozialverband durchaus heute, 70 Jahre nach seiner Gründung, noch Berechtigung?

Völz: Ich denke mehr denn je. Und das wird auch noch zunehmen.

Warum?

Völz: Weil die Situation in unserem Sozialstaat sich immer mehr verändert, sie wird immer undurchsichtiger. Wie soll bitteschön der normale Bürger noch durch diese Vielzahl von Verordnungen, Gesetze und Regelungen durchsteigen? Die Gefahr besteht dann doch darin, dass sich solche Menschen, die sich nicht an einen Juristen wenden können, weil sie seinen Stundenlohn nicht bezahlen können, dass die sich zurückziehen und nicht zu ihrem Recht kommen.

Tödter: Und das, obwohl sie das Recht durchaus hätten. Aber ich stimme Wilfried zu: Als Normalsterblicher kann man das ganze Regelwust nicht mehr durchschauen.

Völz: Schauen wir uns doch mal die politische Pause im Sommer an: Jeden Tag hat da irgendein Bundespolitiker zu irgendeinem Thema ein neues Gesetz gefordert. Wie wollen wir das denn noch durchschauen? Darum brauchen wir ja gerade die Fachleute. Und deshalb sage ich: Umso mehr wird der VdK als Sozialverband gebraucht.

Das erzählen Sie aber mal jungen Leuten. Für viele von denen ist der VdK recht unbekannt, wissen gar nicht, wofür das Kürzel überhaupt steht.

Tödter: Mit dem eigentlichen Namen hat der VdK, wie er heute aufgestellt ist, also mit Beratung, Begleitung, Unterstützung im Sozialrecht sowie der Mitgliederbetreuung, auch nichts mehr zu tun. Und das führt oft zu Verwirrung. Ich habe ein paar Mal schon in Lauenbrück einen Infostand betrieben – mit dem Ergebnis, dass ich immer wieder gefragt worden bin, was der VdK denn für eine Partei sei.

Völz: Da kann ich auch etwas zu beitragen: Ein paar Mal haben mich schon Anrufe erreicht, wo es hieß, für den VDK, also den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, habe man ja schon immer mal spenden wollen. Das wird oft verwechselt.

Tödter: Vielleicht hätte man auch mal längst schon unser Logo verändern müssen. Ich wäre jedenfalls sehr dafür. Kommen wir zurück auf die Jugend zu sprechen.

Völz: Ja, die hat sicher das verstaubte Denken über unseren Sozialverband. Aber in einer gerade sich so rasante verändernden Gesellschaft, wie wir sie erleben, müssen wir denen doch auch sagen: Wenn ihr euch nicht als junge Leute engagiert, habt ihr, wenn ihr 60 oder 70 seid, das Nachsehen. Der VdK hat mit seinen mehr als zwei Millionen Mitgliedern mehr als jede Partei – das birgt ein Potenzial. Die Jugend könnte so ganz einfach ihre Zukunft mitgestalten, wenn sie sich im VdK mitengagiert.

Tödter: Für viele ist das ganze Thema einfach noch zu weit weg, die denken oft noch gar nicht soweit. Mir ging es da nicht anders: Als ich noch im Berufsleben stand, wollte ich von Rente auch noch nichts wissen. Ich konnte ja schließlich noch Bäume ausreißen. Heute höre ich, zu den VdK-Treffen würden ja eh nur die Alten hingehen. Dann sage ich aber denen: „Guck dich doch mal an, du bist doch auch schon über 60!“ Danach wissen die oft nichts mehr zu sagen.

Völz: Ich glaube aber, dass wir in der Tat auch mehr für Jüngere tun müssten, indem wir unsere Angebote wie Reisen oder Vortragsveranstaltungen auf sie mehr zuschneiden. Es geht ja teilweise schon mit 55 los, wenn die ersten körperlichen Beschwerden kommen. Oder nehmen wir das Thema Arbeitsunfälle – da macht man sich von heute auf morgen Gedanken, ob und wie lange man noch in Lohn und Brot stehen kann. Und zack kommt man zu der Erkenntnis, dass man Hilfe in Anspruch nehmen muss.

Die wichtigsten Aufgaben haben Sie ja schon angesprochen. Wie wird das Ganze eigentlich finanziert?

Völz: Über die Mitgliedsbeiträge. Oder aber über Spenden. Aktuell gehören dem Kreisverband 2 250 VdKler an. Ohne sie könnten wir die Leistungen unserer Geschäftsstelle oder die beratenden Institutionen dahinter bei Weitem nicht so kostengünstig finanzieren, dass sich das auch jeder leisten kann. Und um sie bei der Stange zu halten, gibt es ja die Mitgliederbetreuung, worauf Wilhelm und ich uns spezialisiert haben. Also Aktivitäten anzubieten, sodass die Solidarität auch eine gute Grundlage hat.

Tödter: Ja, dieser Aspekt ist enorm wichtig. Sehr viele lassen sich wegen der Rente beraten, weil sie nicht mehr arbeiten können. Dann wird das durchgeboxt, und der Betroffene denkt sich völlig zufriedenen: Eigentlich könnte ich auch wieder aus dem VdK austreten, das Geld kann ich mir sparen. Nur der Haken kommt ja noch erst: Man wird älter, es treten irgendwelche körperlichen Beschwerden auf, es kommen die Gehhilfe oder der Rollstuhl ins Spiel – und am Ende steht man wieder vor dem Problem. Wer sich dann an den Rechtsanwalt wendet, bekommt von ihm als Leistung einen Brief geschrieben – und ganz schnell ist man zwischen 120 und 150 Euro los.

Haben Sie selbst schon mal eine Leistung im VdK in Anspruch nehmen müssen?

Völz: Nein, und trotzdem zahle ich weiterhin meinen Beitrag, obwohl ich noch nichts davon habe. Aber nur so kann das System letztendlich ja auch nur funktionieren. Und da sind wir wieder bei den Jüngeren.

Wer kann oder wer sollte das Beratungsangebot in Anspruch nehmen?

Völz: Im Prinzip jeder, der meint, ihm geschehe dort, wo er Ansprüche vermutet, Unrecht. Die oder der andere macht dann einen Termin mit unserer Geschäftsstelle, bei dem durch unsere Volljuristin schon gleich geklärt werden kann, ob das Anliegen Erfolg haben wird oder nicht. Mitglied muss man da aber noch nicht sein, nur bei weiterer Beratung, Begleitung und Vertretung ist das unbedingt erforderlich, was unter anderem mit dem Rechtsberatungsgesetz zusammenhängt.

Im Bundestrend ist zu erkennen, dass die Mitgliederzahlen steigen. Nehmen so nicht auch automatisch die Aufgaben zu?

Völz: Sie werden sich verändern, aber nicht steigen. Wir haben uns ja soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben, da wird sich das ein oder andere sicher noch verändern. Die Kriegsopferentschädigungen gibt es quasi gar nicht mehr. Dafür sind andere Arbeitsfelder im Sozialen wie zum Beispiel das Wohngeld dazugekommen.

Tödter: Ich glaube schon, dass sich da noch Kleinigkeiten hinzugesellen werden. Nur das ergibt sich aus der ganzen Masse heraus, wie sich das politische Bild noch entwickeln wird. Aber das wird immer im Rahmen des sozialen Aspekts bleiben.

Demgegenüber stellen sich aber doch sicher immer weniger Mitglieder für Vorstandsposten zur Verfügung.

Völz: Wie es ja in jedem Verband und Verein der Fall ist. Deshalb müssen wir unseren Mitgliedern auch viel mehr klar machen, was der Inhalt ist. Dann kann ich auch jemanden begeistern, in den Vorstand zu gehen.

Tödter: Man muss die Sache halt interessant gestalten. Und ja: Man muss versuchen, Verantwortung innerhalb der Ortsverbände auf viele Schultern zu verteilen. Da darf es nicht nur einen Vorsitzenden und seinen Stellvertreter geben, sondern jeder sollte bestenfalls eine Aufgabe haben. Wir machen ja auch Vorstandssitzungen, auf denen besprochen wird, wer welchen Part übernehmen möchte. Der eine kümmert sich für unsere Veranstaltungen meinetwegen um Torten, der andere kocht Kaffee, und wieder jemand anderes bringt sich in die Planung unserer Ausfahrten ein. Das klappt auch immer ganz gut.

Dann dürfte bei der großen Feier zum 70-jährigen Bestehen des VdK im Kreis Rotenburg ja nicht mehr viel schiefgehen.

Völz: Die wir schon in zwei Wochen im Dorfgemeinschaftshaus in Westerholz unter Beteiligung der Ortsverbände aus Fintel, Lauenbrück, Rotenburg, Scheeßel, Sottrum, Stemmen und Visselhövede mit einem bunten Nachmittag begehen werden. Übrigens entgegen unserer Ankündigung, dass die Gäste etwas bezahlen müssen – unseren Sponsoren sei dank. Nur um Anmeldung möchten wir bitten.

Und jeder darf zum Gratulieren kommen?

Tödter: Natürlich, es sind auch Nichtmitglieder ganz herzlich willkommen.

Was wissen Sie über die Gründung hier im Landkreis?

Völz: Über das genaue Datum leider nicht sehr viel, da entsprechende Dokumente mal bei einem Brand des in Oldenburg beheimateten Vdk-Archivs vernichtet worden sind. In Oldenburg ist der Bundesverband nach dem Zweiten Weltkrieg 1949 auch aus der Taufe gehoben worden, und im selben Jahr folgte Rotenburg als erster von vielen Ortsverbänden, die es im Landkreis gibt. Wir haben das zum Anlass genommen, einfach mal herumzufragen, wer denn Lust habe, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen. Und alle sieben Verbände hatten Lust.

ZUR PERSON

Der Kümmerer:

Wilhelm Tödter, 68, lebt in Vahlde. Der gelernte Elektroinstallateur, mittlerweile im Ruhestand, hat fast sein ganzes Berufsleben bei der DB AG gearbeitet. Den Weg in den VdK hat er selbst über ein Beratungsgesuch gefunden. Tödter leitet den VdK Lauenbrück und kommissarisch momentan auch die Ortsgruppe in Fintel. Außerdem ist er Vorsitzender des Seniorenbeirats der Samtgemeinde Fintel und führte viele Jahre die Geschicke der Feuerwehren als Gemeindebrandmeister. Er ist verwitwet und hat vier Söhne.

Wilfried Völz, 66, ist in Rotenburg wohnhaft, wo er seit drei Jahren den Vorsitz des Vdk-Ortsverbands innehat. Davor war der pensionierte Diplom-Sozialpädagoge zuletzt Geschäftsführer mehrerer Altenhilfeeinrichtungen. Völz ist verheiratet und Vater von fünf Kindern.

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