Über Gülle philosophiert

Der Kuhflüsterer - Landwirt Heiner Junck unterhält Facebook-Fans mit Videos

Wenn Bauer Heiner Junck zu Führstrick und Ukulele greift, weiß Bulle Karl: Es ist Showtime.
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Wenn Bauer Heiner Junck zu Führstrick und Ukulele greift, weiß Bulle Karl: Es ist Showtime.

Mit seinen Videos unterhält Bauer Heiner Junck aus Borchel seine kleine, aber treue Fangemeinde bei Facebook – als er über Gülle philosophiert, geht das viral. Mehr als 330.000 mal wird der Beitrag aufgerufen und etliche Male geteilt und kommentiert.

Borchel – Im Langenhörn in Borchel, einem Weg, der so idyllisch klingt, wie er sich durch eine Allee zieht, liegt etwas versteckt ein Bauernhof, der sich sehr gut in einem Bilderbuch für Kinder machen würde. Dort gibt es 463 Rinder, die auf einer riesigen Weide grasen, zwei Ponys, ein Dutzend Schweine, 80 Hühner und einen Hofhund, der zufrieden im Schatten schlummert. Doch der Hof bietet dazu noch zwei Besonderheiten – Landwirt Heiner Junck und seinen Bullen Karl.

Die beiden verbindet eine besondere Beziehung, seit Karl von seiner Mutterkuh verstoßen und danach von Pony-Stute Elfi groß gezogen worden ist. Heiner Junck traute seinen Augen nicht, als er sah, dass die Stute Karl an ihre Zitzen ließ. „Inzwischen ist der Bulle zwei Jahre alt und deutlich schwerer und größer als seine Ziehmutter. Die beiden sind immer noch unzertrennlich“, sagt Heiner Junck und betont: „Ich werde meinen Karl niemals verkaufen, der bleibt für immer hier auf dem Hof.“

Hin und wieder greift der Landwirt zum Führstrick. Dann weiß Karl: Es ist Showtime. Denn Heiner Junck singt leidenschaftlich gerne. Am liebsten reitet er dabei auf Karl. Und dem Tier scheint es zu gefallen. „Mein Gesang ist ziemlich gut“, findet Junck, der auch während der Arbeit im Stall gut gelaunt das ein oder andere Lied anstimmt.

Er unterhält damit nicht nur seine Rinder, sondern auch eine kleine, aber treue Fangemeinde auf Facebook. Junck veröffentlicht im Internet regelmäßig kurze Videos. „Es geht mir dabei nicht darum, viele Klicks und Likes zu bekommen – wenn die Menschen Freude daran haben, was ich mache, dann passt das so für mich“, sagt der 55-Jährige, der Vater von fünf Kindern ist: Torge, 8 Jahre, Lina, 11, Fenja, 14, Julian, 24, und Tobias, 25. „Alle mit meiner Frau Ivonne“, sagt Junck und lacht.

Zwischen mehreren hundert und wenigen tausend Zuschauern erreicht Junck, der fast alle Videos mit einem lang gezogenen „Mooooinn“ startet. Die Ideen kommen ihm spontan. Mal zitiert er nach Lust und Laune Bauernregeln auf seinem Trecker, dann dichtet er etwas zu Corona, spricht über aktuelle Themen oder singt „O sole mio“, während er auf Karl sitzt und dabei Ukulele spielt. Eines seiner Videos, in dem er über Gülle philosophiert, geht sogar viral und wird im April 2017 mehr als 330 000 mal angeklickt.

Es ist mir eine Ehre, meinen Hof eines Tages an einen von ihnen weiterzugeben.

Landwirt Heiner Junck

Junck genießt es, andere zu unterhalten. Das war schon in seiner Kindheit so: „Ich war immer der Klassenclown, zur Freude meiner Mitschüler und mitunter zum Ärgernis der Lehrer – deshalb saß ich oft vor dem Klassenzimmer“, erinnert sich Junck, der den Hof bereits in sechster Generation führt. Um 1800 hatten sich seine Vorfahren dort angesiedelt. Und die nächste Generation steht schon bereit, denn drei seiner Kinder interessieren sich für die Landwirtschaft. „Es ist mir eine Ehre, meinen Hof eines Tages an einen von ihnen weiterzugeben“, erklärt Junck, während er auf seinem selbst konstruierten Kaffeeturm sitzt und von dort aus in drei Metern Höhe den Blick über den Hof und die Weide schweifen lässt.

Er ist Landwirt aus Leidenschaft, ein Kuhflüsterer, wie ihn ein Kollege getauft hat. „Ich weiß, wie es meinen Kühen geht und was sie brauchen. Das zeichnet mich wohl aus. Die Rinder sind für mich das A und O, sind genauso wichtig wie meine Familie“, sagt Junck, der kürzlich prominenten Besuch hatte – von dem ,schwatten Ostfrees Jung“ Keno Veith. „Wir hatten viel Spaß zusammen und bleiben bestimmt in Kontakt“, sagt Heiner Junck.

Er schlüpft gerne in verschiedene Rollen, war Mitglied der Theatergruppe des Ortes, in der er gerne den jungen, lustigen Landwirt gespielt hat, und ist regelmäßig Sargträger. „Dann kann ich auch mal stockernst sein. Der Tod gehört nun einmal zum Leben dazu“, betont Junck, der in der Kirche textsicher den Ton vorgibt: „Dort singe ich laut mit. Einige meiner Freunde sagen: Wenn Heiner da ist, dann brauche ich kein Gesangbuch mehr.“

Die Ideen für seine Videos kommen ihm spontan, und wer auch immer gerade in der Nähe ist, dem drückt er sein Smartphone in die Hand. „Meist trifft es eines meiner Kinder, denn meine Frau ist kritischer und macht sich Sorgen, dass ich von meinem Karl fallen könnte. Ich habe kein Drehbuch, und am liebsten ist es mir, wenn es beim ersten Mal sitzt. Denn es wird meist schlechter anstatt besser“, so Junck, der ein Familienmensch ist und auch dort am liebsten für gute Laune sorgt. „Ich bin niemand, der andere anmault und mag es selbst auch nicht, wenn jemand das mit mir macht.“

Zu meckern hat er aber doch etwas, und darum hat sich der Landwirt an zahlreichen Bauerndemos beteiligt. Denn der Grünlandbetrieb, der auf Milchvieh und Bullenmast setzt, wirft nach Juncks Aussage kaum etwas ab. Vier Cent mehr pro Liter Milch wünscht er sich. „Dann wären es etwa 34 bis 35 Cent. Die 30 Cent, die wir aktuell bekommen, reichen nicht aus. Der Lebensmitteleinzelhandel ist es, der hauptsächlich daran verdient. Wenn die Milch im Laden zehn Cent mehr kostet, kommt bei uns nur ein Bruchteil an, etwa 0,1 Cent pro Liter. Das ist nicht fair“, findet Junck.

Ein Dutzend Angler Sattelschweine leben auf dem Hof von Bauer Heiner Junck.

Die Landwirte seien deshalb oft gezwungen, ihren Hof aufzugeben oder zu vergrößern. „Heute wird nur noch in Tausendern gerechnet, weil die Wertschöpfung nicht mehr gegeben ist. Die Betriebe werden immer größer: 1 000 Kühe, 20 000 Mastschweine und 100 000 Puten – das ist die Entwicklung. Investoren kaufen sich ein, und der Landwirt ist nur noch der Betreiber. Aber das wäre nichts für mich. Meine Kühe sind dafür gesund und glücklich“, sagt Junck.

Im Schnitt geben seine Kühe 8 000 Liter pro Jahr, dafür sorgt laut Junck gutes Futter, viel Auslauf und dazu womöglich die Tatsache, dass regelmäßig Musik von Helene Fischer im Stall läuft.

Der landwirtschaftliche Hof von Heiner Junck liefert nach eigener Aussage Bio-Qualität und erfüllt alle erforderlichen Voraussetzungen – aus Überzeugung, nicht wegen des Profits. Denn mehr Geld bekommt Junck deshalb nicht. „Wir würden uns gerne als Biohof zertifizieren lassen. Aber leider finden wir keine Molkerei, die unsere Milch dann noch abnimmt. Die Nachfrage durch die Kunden ist leider zu gering. Sie greifen oft lieber zur billigen Milch. Genauso ist es beim Fleisch: Der Grill darf teuer sein, aber das Fleisch möglichst wenig kosten“, bedauert Junck.

Als sein Vater den Hof noch führte, versuchte sich Junck für einige Zeit im Tiefbau. „Aber das war nie meine Welt. Ich habe zwar gutes Geld verdient, aber mein Leben ist hier draußen, mit meinem Rindvieh. Ich genieße es, die Tiere zu beobachten, freue mich über Geburten und leide mit, wenn ich eines der Tiere verkaufen muss.“ Es sei ihm ein Graus, wenn er Berichte im Fernsehen über die schwarzen Schafe in der Landwirtschaft sieht. „Dann frage ich mich: Was sind das für Menschen? Hier auf dem Hof wird kein Tier gequält oder geschlagen – so haben es mir mein Vater und mein Großvater vorgelebt. Jedes Tier hat einen Namen, und Kälber behandele ich so, als wären sie kleine Kinder, wie rohe Eier.“

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