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Junge Ukrainerin möchte bald wieder nach Hause

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Von: Guido Menker

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Anastasia Fejdina ist 18 Jahre alt und Medizinstudentin aus Lwiw. Sie möchte bald wieder nach Hause.
Anastasia Fejdina ist 18 Jahre alt und Medizinstudentin aus Lwiw. Sie möchte bald wieder nach Hause. © Menker

Rotenburg – Angekommen auf dem Campus Unterstedt. Raum und Zeit, um zur Ruhe zu gelangen. Und doch: Es ist diese Ungewissheit, die der 18-jährigen Ukrainerin Anastasia Fejdina nach ihrer Flucht und der Ankunft in Rotenburg zu schaffen macht. Aber da ist die Hoffnung, die ihr hilft, damit zurechtzukommen: „Ich möchte bald wieder nach Hause. Zurück zu meiner Familie und zu meinen Freunden.“

Zwei Tage, nachdem die russische Armee ihren Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat, macht sich die junge Frau zusammen mit ihrer 43-jährigen Mutter, der zwölfjährigen Schwester sowie dem 17-jährigen Cousin auf den Weg. Mit dem Zug verlassen sie ihre Heimatstadt Lwiw, landen im benachbarten Polen. „Von dort aus sind wir mit dem Bus erst nach Hannover und dann weiter nach Fallingbostel gefahren“, erzählt die junge Medizinstudentin.

Von Fallingbostel aus folgte die letzte Etappe einer Flucht, die alles andere als leicht ist. Ihr Vater ist in Lwiw zurückgeblieben. Er arbeitet in einer Importfirma und muss darauf vorbereitet sein, zur Waffe zu greifen und sein Land zu verteidigen. „Ich hoffe, dass er nicht kämpfen muss. Dafür ist er nicht gemacht“, sagt Anastasia Fejdina. Seit drei Wochen sind sie, ihre Mutter und der Cousin in Sicherheit; sie haben einen Platz auf dem Campus in Unterstedt gefunden.

Auf dem Handy verfolgt die junge Frau den ganzen Tag über die Nachrichten aus ihrer Heimat. Sie sieht die Bilder von zivilen Todesopfern, von schweren Zerstörungen. „Das macht mir Angst, weil ich weiß, dass ich nichts dagegen machen kann.“ Dennoch ist sie bemüht, die Traurigkeit nicht zu groß werden zu lassen. „Es geht uns sehr gut hier, sie helfen uns, und dafür sind wir sehr dankbar.“ Sie weiß zugleich, dass es derzeit auch dem Rest der Familie in Lwiw relativ gut geht. Das hilft zusätzlich. „Wir haben hier alles, was wir brauchen.“ Fejdina finde hier die nötige Ruhe, und ihr gefalle die Natur in Rotenburg.

Das Wetter in dieser Woche lädt allerdings kaum zu Spaziergängen ein. Und so wirkt das Studium wie ein Anker. „Ich kann von hier aus weiter studieren“, sagt sie. Über das Internet sei es ihr möglich, sich mit dem zu befassen, was ihre Zukunft sein soll. Eine Zukunft, die allerdings im Ungewissen liegt.

„Am liebsten würde ich in ein paar Wochen wieder nach Hause fahren.“ Wann sich die Hoffnung erfüllen lässt, bleibt offen. Das weiß die junge Frau. Und so geht sie ihren Weg hier weiter – so gut es eben machbar ist. Eigentlich wäre jetzt ein erstes Praktikum angezeigt – Anastasia Fejdina möchte es hier in Rotenburg machen.

Vielleicht kann dabei ein Flüchtling helfen, der selbst 2015 in Rotenburg und dann zuerst auf dem Campus gelandet ist, heute aber als Arzt eine Stelle im Rotenburger Diakonieklinikum hat: Alaa Kadoura. Cornelia Höck, auf dem Campus als Sozialpädagogin beschäftigt, hat ihn eingeladen, Anastasia zu treffen. Er hat Hilfe signalisiert. Ganz so, wie er sich in den zurückliegenden Jahren schon als Flüchtling für Flüchtlinge engagiert hat.

Die beiden werden sich auf Deutsch unterhalten können. Alaa Kadoura hatte sich unsere Sprache nach seiner Ankunft überwiegend selbst beigebracht, die junge Ukrainerin studiert neben Medizin auch Deutsch an der Universität in Lwiw. Deutsch, sagt sie, habe sie schon in der Schule gehabt. „Ich mag die Sprache“, erklärt sie und stellt ihre sprachlichen Fähigkeiten im Gespräch mit unserer Redaktion eindrucksvoll unter Beweis.

Nur einmal muss sie den Übersetzer in ihrem Handy bemühen. Es geht um die Frage, wie es ihrer Mutter geht seit der Ankunft in Rotenburg. „Es geht ihr recht gut, aber sie hat es sehr schwer. Sie hat ihre Arbeit und auch alles andere in der Ukraine verloren. Sie muss positiv sein und uns helfen, aber sie ist stark und übernimmt die Verantwortung.“

Das gilt auch für das Campus-Team mit Cornelia Höck sowie Dorothee Clüver. Den beiden Frauen ist anzumerken, an wie vielen Stellen sie sich mit einbringen müssen. Viele Fragen der Flüchtlinge beschäftigen sie, aber auch Anfragen von außen, wenn es um Spenden und Hilfsangebote geht. „Wir kommen mit den Papieren und Unterlagen kaum noch hinterher“, schildert Cornelia Höck die derzeitige Lage.

Die Unterlagen, die Höck anspricht, betreffen die offiziellen Schulanmeldungen für die Kinder und Jugendlichen, Formulare für den Bereich „Bildung und Teilhabe“, aber auch die Papiere zur Klärung des Aufenthaltsstatus’. „Außerdem müssen wir den Impfstatus der Flüchtlinge klären“, sagt Höck, während sie ihren Blick auf die Kartons im Wintergarten des Hauptgebäudes am Campus richtet. „Die sind alle noch nicht ausgepackt. Wir haben so viele Sachspenden bekommen, und dafür sind wir sehr dankbar.“

Dankbarkeit – das ist es auch, was Anastasia Fejdina immer wieder zum Ausdruck bringt. Außerdem spricht sie sehr offen über ihren großen Wunsch: „Ich wünsche mir, dass der Krieg bald endet.“ Und damit ist sie ganz sicher nicht allein.

Von Guido Menker

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