Hausbesuch bei der Thermomix-Party

Auf Tuchfühlung mit dem Küchen-Wunderding

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Wenn Marie Orlöf in den Küchen ihrer Kundinnen unterwegs ist, wird aus einer schnöden Verkaufsveranstaltung ein Koch-Happening. Dass dabei fast immer ein Thermomix an die Frau gebracht wird, steht außer Frage.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Als Mann zur Thermomix-Party. Der Widerspruch ist spürbar. Auch wenn es nur Recherchegründe sind, die den Redakteur an diesem Donnerstagmorgen in die Küche eines Rotenburger Einfamilienhauses treiben: Am Ende ist auch er weitgehend überzeugt – wie die anderen fünf Teilnehmerinnen. Ein paar Tage nach dem Ortstermin haben auch die letzten, die noch nicht gekrönt waren mit der Wunder-Küchenmaschine, den TM5 daheim.

Wie könnte man sich denn auch der Argumentation von Marie Orlöf entziehen? „Männer legen den Baum im Garten doch auch nicht mit dem Fuchsschwanz um!“, nimmt die smarte 44-jährige Vorwerk-Vertreterin gleich mal den Wind aus den mit Geschlechterklischees prall gefüllten Denksegeln. „Hast du eine Spülmaschine? Oder eine Waschmaschine? Einen Rasenmäher? Warum hast du dann keinen Thermomix?“

Orlöf fegt in dieser Großfamilienküche alle Bedenken im Eiltempo beiseite. Es wird geduzt, Marie redet laut und viel und lacht, skeptisch ist nach ein paar Minuten niemand mehr. Mit tiefer Überzeugung erzählt die gebürtige Schwedin, die jetzt in Hanstedt im Kreis Harburg lebt, aus ihrem Leben, von ihren beiden Kindern, und wie sie im Laufe des vergangenen Jahres 15 Kilo abgenommen hat. Natürlich auch dank des Thermomix’. Gesünder kochen, gesünder essen, gesünder leben, abnehmen. So einfach sei das. Und das gerade mal für 1 100 Euro, finanzierbar über die eigene Vorwerk-Bank. „Er ist nur teuer, wenn du ihn im Schrank stehen hast, nicht, wenn du ihn benutzt.“ Die „Billigdinger“ vom Discounter stünden eh nur in der Ecke, seien also teuer. Und jetzt ran ans Gerät!

Von oben sieht’s aus wie eine banale Küchenmaschine – aber es ist ein Thermomix!

Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise, zwischendurch ein bisschen Brot backen und in einer guten Stunde müsse die erste Teilnehmerin auch schon los. „Das schaffen wir“, frohlockt Marie und verteilt Kärtchen und Fragebogen. Wer kocht und ernährt sich wie? Bitte ausfüllen, dazu die Anweisung, was gleich zu tun ist. Einfach nur zugucken ist nicht. Der TM5 der Hausherrin ist voll im Einsatz. Dafür gibt’s später ein Jahresabo fürs digitale Thermomix-Kochbuch. Wert: 36 Euro. „Ich kann nicht kochen, deswegen interessiere ich mich für den Thermomix“, sagt Susanne, als einzige Anwesende nur einfache Mutter. Bei allen anderen ist die Familienplanung fortgeschrittener. „Beim dritten Kind gibt’s einen Thermomix“, sagt die 36-jährige Helena. Bald ist es soweit, doch die Küchenwundermaschine kommt vor dem Baby. Sie kauft eines der drei Geräte, die an diesem Vormittag bestellt werden.

Das Prinzip der Vertreterpartys ist erfolgreich: Der Thermomix-Boom hält an.

Orlöf ist seit sechs Jahren Thermomix-Repräsentantin, eine von geschätzt 16 .000 Vorwerk-Vertreterinnen in Deutschland. Wie Marie, Nummer „DT 557200“, sind diese fast ausnahmslos weiblich. Zumindest hier passt die Geschlechterrolle, denn auch wenn sich der Redakteur an diesem Morgen in dieser Küche ein bisschen wie ein Eindringling fühlt, der Thermomix kann auch männlich, beteuert Marie. Meistens aber im Sommer. Dann wird zur Verkaufsparty der Grill angeschmissen und es geht vorwiegend um Dips. Der aus Datteln, der heute zum frischen Kürbisbrot gereicht wird, taugt allerdings nicht als Verkaufsschlager. „Macht nicht’s, gleich gibt’s Eis“, freut sich Marie. Schön wäre es aber auch, wenn mehr Männer dabei wären, „weil es ja eine gemeinsame Entscheidung ist“. Bei der vierstelligen Summe schluckt der Hausmann erstmal.

Wo muss ich unterschreiben?

Ist das gleiche Geld nicht in einen PS-starken Benzinrasenmäher besser angelegt? Kann sein, sagt auch Marie, aber wenn sie so mixt und püriert mit dem TM5, wenn sie erhitzt, kocht und gart, hier und da nach Anweisung auf dem Thermomix-Display zubereitet, mit einfachen Zutaten und ohne künstliche Zusätze, da staunt selbst der überzeugteste Hobbygärtner im Publikum. Irgendwas muss dran sein am Nutzen dieser sagenumwobenen Küchenmaschine, und spätestens als nach nur ein paar flinken Handgriffen aus den Tiefen des Trichters leckerstes Fruchteis auftaucht, stellt sich bei jedem die Frage: Wo muss ich unterschreiben?

Unschlagbares Verkaufsargument: leckeres Fruchteis.

Gut 40 Geräte hat Marie Orlöf zuletzt jährlich verkauft, mindestens einen Thermomix pro Küchenparty, sagt sie stolz. „Ich gehöre damit zu den besten in Deutschland.“ Und selbst das nimmt man der sympathischen Verkäuferin sofort ab. Zum Abschied werden Visitenkarten ausgetauscht, der Anruf dann am nächsten Tag: „Hast du mit deiner Frau schon einen Termin ausgesucht?“

Hintergrund: Der Thermomix

Wiegen, mixen, vermischen, zerkleinern, mahlen, kneten, schlagen, rühren, kochen oder erhitzen – es gibt kaum etwas, was der Thermomix nicht kann. Das verspricht zumindest der Hersteller, die Wuppertaler Vorwerk-Gruppe. 1961 hatte Vorwerk das erste Universalküchengerät auf den Markt gebracht, zehn Jahre später folgte mit dem Heizmixer „VM 2000“ der „Ur-Thermomix“.

1980 wurde die Bezeichnung erstmals offiziell eingeführt, mit einer Küchenmaschine, die auch kochen konnte. Die Geräte werden ausschließlich im Direktvertrieb angeboten und sind im freien Handel nicht zu erwerben. Das 1883 gegründete Unternehmen Vorwerk vertreibt seine Produkte vorwiegend mithilfe eines 637.000 Köpfe zählenden weltweiten Vertreterheers. In Deutschland soll es rund 16.000 Thermomix-Vertreter geben, genaue Zahlen nennt das Unternehmen nicht. 

Die Küchenmaschine wird in mehr als 60 Ländern vertrieben. Die fünfte Generation der Luxus-Küchenmaschine ist auf den Vertreterpartys aktuell für gut 1 100 Euro zu erhalten. Der in mehr als 70 Ländern aktive Konzern erlöste mit seinen unterschiedlichen Produkten für den Haushalt im Jahr 2016 insgesamt 3,1 Milliarden Euro. Umsatzstärkster Geschäftsbereich war der Thermomix. Die Luxus-Küchenmaschine sorgte für 1,3 Milliarden Euro Umsatz, berichtete das Unternehmen.

mk

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