Vor dem Super Bowl

Der Rotenburger Hausarzt mit dem Football-Virus

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Was steckt hinter der Faszination Football? In Rotenburg wird diese hierzulande wohl immer noch exotische Sportart seit 30 Jahren gepflegt. Das Spektakel, das die Herrenspieler von Northern United dabei bieten, spricht für sich.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Volkhard Schwinge hat noch Hoffnung. Fußball, Handball, Basketball, vielleicht sogar Kegeln, Bogenschießen und Triathlon: Irgendwie für den Deutschen als Sportarten nachvollziehbar. Schwinge aber mag es härter, und er will mit seiner sportlichen Familie irgendwann kein Exot mehr sein.

Sonntagnacht schauen fast eine Milliarde Menschen beim größten Einzelsportereignis der Welt zu. Amerika feiert den Super Bowl, es geht zum 52. Mal um die Krone des American Football. Schwinge hockt dann auch vor der Glotze, wie jedes Jahr – und wird kommende Woche als Trainer weiter dran arbeiten, Football auf dem Dorf zu verankern.

„Wir etablieren uns, werden jedes Jahr mehr“, sagt Schwinge in seiner Praxis in Kirchwalsede. Der 46-jährige Allgemeinmediziner ist nicht nur Hausarzt, er ist vor allem auch eine der treibenden Kräfte in der „Cyclones Sports Family“. Als Cheftrainer im Jugendbereich des mittlerweile rund 150 Mitglieder zählenden Vereins kümmert er sich darum, dass aus Exoten ernst zu nehmende Sportler werden – in der festen Überzeugung, dass Football mehr ist als nur ein Freizeitvergnügen.

Sport und Jugendprojekt kombiniert

„Es ist zu 50 Prozent Sport und zu 50 Prozent Jugendprojekt“, sagt Schwinge. Beim Football finde jeder seinen Platz, ob klein oder groß, dick oder dünn, schmächtig oder stark. „Wir können super einen Kampfsportler unterkriegen, Kicker, Strategen und jemanden, der viel Kraft hat.“ Dass am Ende jemand übrig bleibt, gebe es im Football nicht. Der Cheftrainer: „Ich freue mich, wenn auch alle, die im Sportunterricht als letzte gewählt werden, bei uns landen.“

Der Hausarzt, der vom Football-Virus infiziert ist.

Dass das klappt, zeigt die in den vergangenen Jahren klar nach oben zeigende Tendenz des Vereins. Wie der Hausarzt, der sich 1988 bei einem Schüler-Austauschjahr in den USA nach eigenen Angaben mit dem „Football-Virus infiziert“ hat, steigt die Begeisterung des Nachwuchses stetig. 

Die Rotenburg Cyclones sind zwar im vergangenen Jahr 30 Jahre alt geworden und damit einer der ältesten noch aktiven Football-Vereine in Deutschland, aber rund um die Jahrtausendwende stand man dennoch vor dem Aus. Der Neustart folgte so richtig im Jahr 2002, eine Kooperation im Jugendbereich mit den Zeven Flames wurde wiederbelebt, im Herrenbereich startet die Mannschaft aus Rotenburg, Zeven und Vechta in der vierthöchsten Klasse, in der Oberliga, als „Northern United“. Football in Rotenburg wächst.

Faszination zu erklären, ist nicht so leicht

Außenstehenden die Faszination für das komplexe Spiel zu erklären, fällt dem kantigen Trainer trotzdem erst einmal schwer. Mit glänzenden Augen und voller Begeisterung fängt er dann an zu erzählen von „Rasenschach“, von einem Mannschaftssport, der „genauso schön wie schwierig“ ist, bei dem der Team-Gedanke im Mittelpunkt stehe, voller taktischer Finessen und vielschichtiger Abläufe. 

Wer bei Volkhard Schwinge in die Praxis kommt, wird dessen Leidenschaft kaum übersehen können.

Dass sich die Deutschen, die an „rund laufende“ Sportarten wie Hand- und Fußball gewöhnt sind, bei denen es relativ einfach darum geht, schneller zu sein als der andere, um ins gegnerische Tor zu treffen, relativ schwer tun, mit American Football warm zu werden, könne er nachvollziehen: „Wir kennen diesen An-Aus-Rhythmus eines Spiels nicht.“

Schwinge hat sich, als er noch selbst aktiv war, als „Runningback“ am wohlsten gefühlt. Das ist beim Football der, der mit dem Ball in der Hand versucht, sich einen Weg durch die gegnerische Abwehr zu schlagen. Und genauso wird er weiter dran arbeiten, sich durch Vorurteile und Desinteressen der deutschen Sportfans zu kämpfen. Um sie endlich alle anzustecken mit seiner Begeisterung.

Mehr als eine Million Bundesbürger dabei

Wer Sonntagnacht wie mittlerweile mehr als eine Million Bundesbürger wach bleibt, um den Super Bowl live zu verfolgen, für den hat Schwinge auch noch ein paar Tipps parat: Entweder solle man sich beim Zuschauen auf den Ball, das Ei, konzentrieren oder jeweils für einen Spielzug einen bestimmten Spieler beobachten. Das Spiel als Ganzes anzuschauen und zu erfassen, werde gerade nicht-geübten Zuschauern kaum gelingen. Zu unübersichtlich sei das, was sich da insgesamt auf dem Spielfeld tut.

Der Cyclones-Coach selbst wird wie an jedem ersten Februar-Wochenende in den vergangenen Jahren nachts vor dem Fernseher hocken und das Mega-Sportereignis live verfolgen – im Kreise der Familie mit den drei Kindern, die er auch „infiziert“ hat. Dazu gibt es dann selbstverständlich Burger und Popcorn. Und dass die Hausarztpraxis am Montag danach geschlossen hat, daran hätten sich die Patienten in Kirchwalsede schon gewöhnt.

Super Bowl gucken – und dann selbst ausprobieren

Wer in der Nacht zum Montag einer von geschätzten 800 Millionen Fernsehzuschauern sein will, der das größte Einzelsportereignis der Welt sehen möchte, muss lange wach bleiben. Ab 22.50 Uhr beginnt Prosieben mit der Übertragung des Super Bowl im frei empfangbaren Fernsehen, der Beginn des Spiels ist um 0.30 Uhr deutscher Zeit. 

Verschiedene Online-Plattformen wie DAZN oder ran.de übertragen das Spiel zwischen den New England Patriots und den Philadelphia Eagles ebenfalls. Authentische USA-Gefühle dürften bei Football-Fans aber wohl am ehesten entstehen, wenn sie sich für 8,99 Euro einen „Game Pass“ über die Homepage der NFL kaufen. 

Dort gibt es dann auch die Halbzeitshow und alle US-Werbeblöcke – für manch einen spannender als das Spiel selbst. Wer durch die Übertragung auf den Geschmack gekommen ist, kann sich in Rotenburg oder Zeven selbst mal beim American Football ausprobieren.

Die Rotenburger Cyclones und die Herrenmannschaft Northern United bieten am 18. Februar in der Rotenburger Adolf-Rinck-Halle und am 25. Februar in der Zevener Sporthalle Kivinan sogenannte Tryouts an – Übungseinheiten. Jeweils für Kinder und Jugendliche von 13.45 bis 15.45 Uhr und Herren von 16 bis 18 Uhr.

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