23-Jährige leitet Haus in der Jugendhilfe

Mona Mamerow: „Jeder hat sein Päckchen zu tragen“

+
Mona Mamerow kümmert sich in der Jugendhilfeeinrichtung um Kinder, die eine Betreuung im Alltag benötigen.

Mona Mamerow hat ein duales Studium in sozialer Arbeit absolviert. Heute arbeitet die 23-jährige als Haus- und Teamleitung in der Jugendhilfeeinrichtung Wümmetal in Westeresch.

Westeresch – Von Lutz Bergmann. Mit ihrem guten Gespür für andere Menschen hat Mona Mamerow schon vielen Kindern und Jugendlichen helfen können – und das manchmal mit außergewöhnlichen Mitteln: Mit einer Jugendlichen, die sich etwas antun wollte, stapfte sie kurzerhand barfuß durch den Schnee. Im Interview mit der Rotenburger Kreiszeitung spricht sie darüber, warum sie den Weg in die soziale Arbeit eingeschlagen hat, was sie an ihrem Job fasziniert und wie sie mit schwierigen Situationen umgeht.

Frau Mamerow, Sie arbeiten heute als Teamleiterin in der Jugendeinrichtung Wümmetal in Westeresch. Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit?

Ich kann Kindern und Jugendlichen helfen und Unterstützung geben. Allgemein kann ich meine Stärken sehr gut einbringen. Ich habe ein gutes Empathievermögen und ich glaube, dass mir Menschen auch gut vertrauen können. Auf dieser Basis kann ich die Jugendlichen dabei unterstützen, selbstständig zu werden und ihre Ziele zu erreichen. Dies mitzuerleben, ist das, was mich fasziniert.

Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit bewirken?

Mein Ziel ist es, die Jugendlichen Schritt für Schritt an die Selbstständigkeit heranzuführen. Dafür bieten wir ihnen hier in der Wohngruppe eine Struktur, damit sie einen Tagesrhythmus erlernen. Dazu zählt das gemeinsame Mittagessen, die tägliche Kaffeerunde sowie das gemeinsame Abendbrot. Für viele der Jugendlichen ist es wichtig, diese Strukturen zu haben, denn einige haben zuvor nie einen geregelten Tagesablauf gehabt. Außerdem ist diese Regelmäßigkeit auch wichtig für den Umgang mit ihrer psychischen Krankheit.

Was machen Sie noch?

Ich bereite einmal in der Woche eine Gruppenrunde vor, in der besprochen wird, was am Wochenende unternommen wird und was für Belange die Jugendlichen haben. Hierbei sollen die Bewohner lernen, für ihre Meinung einzustehen und das Zusammenleben selbst mitzugestalten. Außerdem unterstütze ich die Jugendlichen einen Schulabschluss oder eine Ausbildung zu erreichen. Durch die psychischen Krankheiten fällt es vielen schwer, dies auf dem regulären Weg zu machen. Daher haben wir ein vielfältiges Angebot in der Jugendhilfe Wümmetal.

Ich verstehe, es gibt also eine Reihe fester Tagespunkte, bei denen Sie die Jugendlichen begleiten. Was machen Sie außerhalb dieser Termine?

Ich ermögliche den Kindern, dass sie ihren Hobbys nachgehen und am Therapieangebot teilnehmen können. Wir bieten zum Beispiel Kunst-, Reit-, oder Musiktherapie an, je nachdem was den Jugendlichen zusagt. Dann gehe ich mit den Jugendlichen natürlich auch noch einkaufen, so erlernen sie den Umgang mit Geld und das Einkaufen von Lebensmitteln. Manchmal gibt es aber auch Zwischenfälle und demnach ist natürlich der Alltag oft nicht so, wie ich ihn geplant habe.

Können Sie sich an einen Zwischenfall eines Jugendlichen noch erinnern?

Oh ja, eigentlich habe ich die Regel, dass ich die Arbeit nicht mit nach Hause nehme, aber das war ein Vorfall, an dem ich noch ein paar Tage später geknabbert habe. Das war relativ am Ende meiner Ausbildung. Ich hatte Nachtbereitschaft und habe spät abends ein Poltern oben gehört. Ich bin dann nach oben in das Zimmer des Jugendlichen gegangen und habe gesehen, dass alles von seinem Schreibtisch heruntergerissen war und er daneben lag. Er war völlig neben der Spur und dann habe ich seine Tabletten nachgezählt und bemerkt, dass eine fehlte. Ich hatte mich schon etwas gewundert, dass dieser Zustand von einer Tablette kommt. Später erfuhr ich von einem Kollegen, dass er seine Tabletten gegen Hustenbonbons ausgetauscht hatte und viel zu viele genommen hatte. Wir fuhren dann mit ihm ins Krankenhaus.

Wie verarbeiten Sie solche Vorfälle?

Ich habe mit meinen Kollegen und auch mit den Bewohnern noch mal über den Vorfall gesprochen. Das war eine gute Aufarbeitung, auch wenn ich noch ein paar Tage länger diese Bilder im Kopf hatte.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, Soziale Arbeit zu studieren?

Ich habe recht früh gemerkt, dass ich gut mit Menschen kann und dies zu meinem Beruf machen möchte. Nach der Schule habe ich dann ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht und danach war klar: Okay, Soziale Arbeit – das willst du machen. Dann war die Frage: Vollzeitstudium oder Ausbildung? Ich bin auf das Konzept des dualen Studiums gestoßen und habe mich dafür entschieden. Schließlich kann ich hier Theorie und Praxis super verknüpfen und die Bereiche sind viel weiter gefächert.

Wie sah Ihr duales Studium aus?

Ich habe an der Berufsakademie Lüneburg studiert und parallel in der Jugendhilfeeinrichtung Wümmetal an unterschiedlichen Standorten meine Ausbildung gemacht.

Wie kann man sich Ihr Studium vorstellen?

Es gab verschiedene Module, in denen wir theoretische Inhalte der Sozialen Arbeit erlernt haben. Es war aber nicht nur Frontalunterricht, wie man ihn aus einer Uni kennt. Wir waren auch nicht so viele Studenten, sodass auch die Lehrer einen beim Namen kannten – das war schon ganz angenehm. Viele Aufgaben haben wir dann auch gemeinsam in Gruppen bearbeitet, sodass die Inhalte später auch hängen blieben. In jedem Modul gab es dann eine Prüfungsleistung, die auch mit der praktischen Arbeit in der Einrichtung verknüpft wurde. Das war dann entweder ein Referat, eine Klausur oder eine Hausarbeit. Und am Ende des Studiums gab es natürlich noch die Bachelorarbeit.

Welche Schwerpunkte hatte Ihr Studium?

Es wurden viele Bereiche der Sozialen Arbeit abgedeckt, wie zum Beispiel die Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe oder der Öffentlichkeitsarbeit. Justiz und Migration gehörten da auch mit rein, aber der Schwerpunkt lag schon auf der Kinder- und Jugendhilfe. Und dann gab es noch Module zu Psychologie, Rechtsfragen, Handlungsmethoden und Elternarbeit.

Parallel haben Sie in der Jugendeinrichtung Wümmetal in Rehr gearbeitet. Was waren da Ihre Aufgaben?

Also am Anfang habe ich hauptsächlich das Tagesgeschehen begleitet, um die Arbeit kennenzulernen – Mittagessen mit den Jugendlichen, zu Terminen fahren und die Jugendlichen mehr und mehr kennenlernen. Dann habe ich Stück für Stück mehr Verantwortung übernommen. Es ging dann los, dass ich auch mal Projekte selber machen konnte, Kontakte empfangen habe, also sprich das Jugendamt, die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Polizei oder das Familiengericht. Das hat sich dann immer mehr gestapelt und so konnte ich dann irgendwann selbstständig in eigener Verantwortung arbeiten.

Gibt es eine Sache, die Sie besonders gerne mit den Kindern und Jugendlichen machen?

Also ich mag es, Unternehmungen in der Gemeinschaft zu machen, dass man eben gemeinsam ein Ziel hat und das Gruppengefühl gestärkt wird. Für die meisten ist die Jugendeinrichtung ja ihr Zuhause und daher versuche ich ihnen die Zeit hier so angenehm wie möglich zu machen. Die Jugendlichen sollen sich ja wohlfühlen, also versuche ich sie auch einzubinden, und mit ihnen das zu machen, worauf sie Lust haben. Einmal jährlich gibt es dann eine Ferienfahrt, wo sie auch mal andere Gegenden, wie zum Beispiel Bayern, kennenlernen. An den Wochenenden machen wir dann Ausflüge zum Heidepark, spielen Schwarzlicht Minigolf, gehen zum Dialog im Dunkeln oder fahren auf eine Kanu-Tour.

Was ist Ihre besondere Stärke?

Ich habe es schon des Öfteren geschafft, einzugreifen, bevor sich Kinder und Jugendliche verletzen. Sie spüren dann einen besonderen Druck und ihnen fehlt oft die Fähigkeit über ihre Gedanken zu sprechen.

Können Sie sich an einen konkreten Fall erinnern, wo Sie eingegriffen haben?

Einmal ist ein Mädchen weinend an meinem Büro vorbei gelaufen. Sie wollte sich ein Messer aus der Küche holen, um sich damit zu schneiden. Man hat richtig gesehen, dass sie nichts mehr um sich herum mitbekommt. Oft ist es so, dass sich die Jugendlichen dann etwas antun, damit sie sich selbst wieder spüren können. Zu der Zeit lag Schnee draußen. Ich bin dann mit ihr raus gegangen, wir haben die Schuhe ausgezogen und sind durch den Schnee gelaufen. Das hat geholfen.

Welche anderen Möglichkeiten gibt es, einzugreifen?

Wichtig ist Ablenkung. Wir haben einen sogenannten Skillkoffer, in dem verschiedene Utensilien sind, mit denen man sich vom Druck ablenken kann. Darin ist zum Beispiel ein Igelball, mit dem man sich über die Haut fahren kann oder wir haben Chilischoten und Ammoniakstäbchen, die man sich unter die Nase halten kann, wenn man neben sich steht und um sich herum nichts mehr mitbekommt. Der stark beißende Geruch holt einen dann wieder zurück ins „Hier und Jetzt“. Den kriegt man so schnell auch nicht wieder aus der Nase heraus. Oft gilt es aber einfach kreativ zu sein und sich was Gutes einfallen zu lassen. So wie mit dem Schnee.

Kann man solchen Situationen vorbeugen?

Gut ist natürlich, wenn die Kinder und Jugendlichen lernen, uns ihre Probleme mitzuteilen, bevor so ein großer Druck entsteht. Da das vielen schwerfällt, muss man auch hier kreativ werden. So habe ich zum Beispiel mit einer Bewohnerin auch schon einmal Karteikarten angefertigt, mit denen sie uns mitteilen konnte, was sie bedrückt. So musste sie nicht sprechen und wir wussten trotzdem, was los ist.

Was stand denn zum Beispiel auf den Karteikarten?

Das Mädchen hat Familie, Freundin, Vergangenheit und Jugendamt auf die Karteikarten geschrieben. In Gesprächen hat sich dann herausgestellt, dass sich ihre Freundin umgebracht und dass sie Probleme mit ihrem Vormund beim Jugendamt hat. Mit den Eltern haben wir dann Gespräche vereinbart. Wir hatten aber auch schon mal den Fall, dass ein anderes Mädchen erzählt hat, dass sie von Gott ernannt wurde und sieben Jahre im Himmel war – in solchen Fällen mache ich einen Gesprächstermin bei einem internen Psychologen aus.

Was ist Ihre Einstellung gegenüber den Jugendlichen?

Ich versuche jede Persönlichkeit so anzunehmen, wie sie ist. Jeder der Jugendlichen hat sein Päckchen zu tragen und sicherlich gute Gründe für sein Verhalten. Das versuche ich auch den anderen Bewohnern immer nahe zu bringen.

Wie geht es für Sie nun weiter?

Ich habe mit 23 Jahren schon alles erreicht, was ich mir gewünscht habe. Ich bin Haus- und Teamleitung und möchte das so jetzt auf jeden Fall weitermachen. In Zukunft möchte ich noch mehr meine eigenen Hobbys einbringen. Zum Beispiel möchte ich kreative Projekte mit den Jugendlichen machen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Hunderte Polizisten im Einsatz gegen irakische Rocker

Hunderte Polizisten im Einsatz gegen irakische Rocker

Jetzt wird das ganze Jahr rumgegurkt

Jetzt wird das ganze Jahr rumgegurkt

Genesis G70 im ersten Test: Außenseiter im feinen Zwirn

Genesis G70 im ersten Test: Außenseiter im feinen Zwirn

David Garrett in der Bremer Stadthalle

David Garrett in der Bremer Stadthalle

Meistgelesene Artikel

Unfall auf der B71 zwischen Rotenburg und Hemsbünde: Mann in Lebensgefahr

Unfall auf der B71 zwischen Rotenburg und Hemsbünde: Mann in Lebensgefahr

Unbekannter bewirft Zug mit Stein

Unbekannter bewirft Zug mit Stein

Unternehmer legt 50.000 Euro für Backofenhaus  auf den Tisch

Unternehmer legt 50.000 Euro für Backofenhaus  auf den Tisch

Akademie für Diakonie, Gesundheit und Soziales geht an den Start

Akademie für Diakonie, Gesundheit und Soziales geht an den Start

Kommentare