Haupttäter in Spanien / Amtsgericht spricht angeklagte Brüder frei

Handy-Raub beim Hurricane bleibt vorerst unbestraft

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Mediengruppe Kreiszeitung

Rotenburg - Von Michael Krüger. „Es sind nicht immer die schwarzen Schafe, die beißen“, scherzt einer der Angeklagten noch während des Prozesses im Amtsgericht Rotenburg selbstironisch. Wohlwissend schon zu diesem Zeitpunkt, dass ein Schuldspruch unwahrscheinlich ist. Tatsächlich sieht es letztlich auch Strafrichterin Petra Stein-Simon mit den beiden Schöffen so. Denn der Haupttäter, der beim Hurricane Festival im vergangenen Jahr einem damals 18-Jährigen ein Handy geraubt hatte, hat sich aus dem Staub gemacht.

Man kennt seine Klientel. Als die Verhandlung um9 Uhr beginnen soll, sitzt nur einer der drei mutmaßlichen Täter auf der Anklagebank. Stein-Simon ist wenig überrascht: „Ich hatte das befürchtet. Dabei haben wir doch in der letzten gemeinsamen Sitzung diesen Termin vereinbart.“ Ein Telefonat mit der Polizei und eine knappe Stunde später setzt sich der Bruder des pünktlich Erschienenen dazu. Er habe verschlafen, passiere leider, er bitte um Entschuldigung. Das Polizei-Taxi wird der 26-Jährige aus Rotenburg trotzdem bezahlen müssen.

Rund 250 Straftaten zählte die Polizei beim Hurricane Festival am und auf dem Scheeßeler Eichenring im vergangenen Jahr. Bei 135 Diebstählen wurden 75 Zelt- und 60 Taschendiebstähle verzeichnet. Dazu gab es 18 Körperverletzungen. Ein Fall beschäftigte sowohl Polizei als auch Justiz etwas länger – und wegen diesem sitzen nun die Brüder auf der Anklagebank, bekanntermaßen aber ohne ihren Komplizen.

In der Nacht zum Hurricane-Sonntag am 22. Juni konnten Zivilfahnder der Rotenburger Polizei einen Festnahmeerfolg verzeichnen, hieß es damals im Polizeibericht. Drei Männer, die im Verdacht stehen, einen Raub begangen zu haben. Zunächst seien die drei Männer als potentielle Zeltdiebe ins Visier der Polizei geraten. Als sie die Beamten in Zivil bemerkten, nahmen die Verdächtigen Reißaus und flüchteten in ein Waldstück. Dort konnte die Polizei die Männer aufgreifen und festnehmen. Bei ihrer Durchsuchung fanden die Polizisten ein Handy, das zweifelsfrei aus einem Raub stammt – so die Meldung damals. An dieser hat sich wenig verändert, als Staatsanwältin Silvia Lühning in Rotenburg die Anklageschrift verliest: Es geht um schweren Raub, weil die jungen Männer gemeinschaftlich unter Ausübung von Gewalt mit Messern in der Tasche zwei junge Männer überfallen und bestohlen haben. Dass einer der nun Angeklagten Brüder auch Marihuana bei sich hatte, als die Polizei zugriff, wurde bereits in einer ersten Verhandlung mit einer Geldstrafe geahndet.

Jetzt geht es um den Raub, doch da fehlt der eigentliche Täter. In der Vernehmung der Brüder als auch durch die Aussagen des Opfers und seines Freundes wird deutlich, dass der Dritte im Bunde der Ausführende war und zuletzt womöglich sogar vom jüngeren der Brüder, einem 22-Jährigen aus Scheeßel, zurückgedrängt wurde. „Sie schienen mir überrascht von der Tat“, berichtet der 18-jährige Zeuge vor Gericht, der mit ansehen musste, wie der in ein Gespräch verwickelte Kumpel niedergeschlagen und beraubt wurde. Ein kurzer Wortwechsel, drei Schläge ins Gesicht, dann die Flucht des Täters mit dem erbeuteten Handy und den Angeklagten. „Ein Moment der Schockstarre“, sagt Richterin Stein-Simon in der Urteilsbegründung und meint damit vor allem die beiden Brüder. Offensichtlich hätten diese mit dem „Ausraster“, wie sie selbst sagen, ihres bisherigen Freundes auch nicht gerechnet. „Er hat von mir danach auch einen Einlauf bekommen“, beteuert der ältere Bruder. „Warum haut man so einen kleinen Jungen?“ Es gebe doch genug andere Möglichkeiten, an ein Handy zu kommen, fügt er hinzu. Auch der 22-Jährige beteuert, man habe nur „Party machen“ wollen. „Ich hatte keinen Bock auf diesen Stress, sowas will ich nicht mehr.“

Insgesamt ergibt sich ein glaubhaftes Bild der Szene aus dieser Hurricane-Nacht. Die Staatsanwältin fordert selbst den Freispruch. Es gibt keinen juristischen Widerspruch mehr. Richterin Stein-Simon zum Brüderpaar: „Sie waren mit dem falschen Kumpel unterwegs.“ Ob das in absehbarer Zeit nochmal möglich sein wird, ist fraglich. „Er ist weg“, sickert es von den Verteidigern durch. „Irgendwo am Strand in Spanien.“

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