Hans Veller hat einen Berg an Wissen über Heimatgeschichte weiterzugeben

Der Hüter der Historie

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In stillen Stunden liest der 87-Jährige in seinen historischen Aufzeichnungen.

Rotenburg - Hans Veller, Landwirt und Zimmermann aus Hassel, lebte mit seiner Frau Anneliese („Amsel“) mehr als 50 Jahre auf dem alten Hanschenhof, mit 670 Morgen der größte Hof im Kirchspiel Rotenburg. Inzwischen ist er allein in eine kleine Wohnung nach Rotenburg gezogen – mit einem Berg an Wissen über die Heimatgeschichte und die große Historie. Einer der Wenigen, die diesen zerbröckelnden Schatz noch hüten.

Der heute 87-Jährige aus dem Kreis Greifenhagen (Pommern) war nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Gefangenschaft an den Rand der Lüneburger Heide „gespült“ worden.

Veller kann im Lintel noch die Tongruben zeigen, wo die Rotenburger einst ihr Material für ihre Ziegelsteine zum Bau der Häuser holten. Er hat Unterlagen über die Franzosenzeit von 1806 bis 1814, als Soldaten der Grande Armée Napoleon Bonapartes auch im Bereich der Wasserdörfer als Vorbereitung des Russlandfeldzuges ein riesiges Straßennetz bauten. Die heutigen Bundesstraßen erinnern daran. Nicht alle wissen, dass sie es dem alten Bürgermeister Wattenberg zu verdanken haben, dass die B 75 nicht über Zeven, sondern Rotenburg weiter nach Bremen führt. Wattenberg hatte den französischen Straßenbauer mit einem Säckchen voller Golddukaten bestochen, und die Rotenburger hatten ihre jetzige Bundesstraße.

Vier Bauernsöhne rekrutierten die Franzosen damals aus den Wasserdörfern. Die jungen Männer fielen wie unzählige andere Soldaten des Russlandfeldzuges 1812, eine der größten militärischen Katastrophen der Geschichte. Es gibt noch heute in Rotenburg Nachfahren einer Kosacken-Familie, die damals vor den Russen desertiert waren. Der Hauch von Geschichte ist noch heute spürbar: In Düsternheide an der B440 leben Nachfahren der ersten Hofbesitzer. Auch das ist in Vellers Unterlagen zu finden.

Der Altkreis Rotenburg war fast ein reiner Heidekreis, Wald gab es so gut wie gar nicht. „Dass wir inzwischen relativ viel Wald haben, haben wir dem ehemaligen Oberforstmeister Düring zu verdanken. Er war es, der mit dem Aufforsten begonnen hat.“ Der 87-Jährige weist stolz auf eine kostbare Truhe hin, die er selbst gebaut hat: „Es ist aus sogenanntem Notholz. Eichenholz, das in der Vergangenheit auf jedem Dachboden für Särge lagerte.“

Hans Veller hat in seinem langen Leben viele Ehrenämter bekleidet: vom Bürgermeister vom kleinen, etwa 100 Einwohner zählenden Hassel über das Amt des Schiedsmannes für die Samtgemeinde Bothel und als Aufsichtsratsvorsitzender der ehemaligen Molkerei Rotenburg bis hin zum Vorstandsmitglied der „Heidesand“. Veller war außerdem 18 Jahre lang Vorsitzender des Schützenvereins „Wasserdörfer“ und wirkte bei den vorbereitenden Arbeiten für den deutsch-polnischen Nationalpark „Unteres Odertal“ mit.

Seine Eltern waren Wolga-Deutsche, geholt von Katharina der Großen, um die russische Landwirtschaft „in Schwung“ zu bringen. Veller: „Mein Vater Friedrich war von 1901 bis 1903 Soldat bei den Russen. Nach dem Ende seiner Dienstzeit ist er nicht in die Wolgarepublik zurückgekehrt, sondern nach Völklingen, um in dem dortigen Edelstahlwerk zu lernen. Gerade einmal zwei Tage im Saarland erhielt er ein Schreiben der russischen Militärregierung aus Moskau mit der Benachrichtigung, sofort nach Moskau zu kommen.“

Irrtümlich hieß es, sei er ein halbes Jahr zu früh entlassen worden. In Wirklichkeit war Veller als einer derjenigen ausgewählt worden, die zum Begleitpersonal der russischen Zarenfamilie gehören sollte. „Mein Vater begleitete die Zarenfamilie mit den vier Kindern ein halbes Jahr mit Kutsche und Bahn auf der Rundreise durch das Riesenreich. Er musste mit den Kindern Deutsch sprechen. Das war das größte Erlebnis meines Vaters – er erzählte immer wieder davon.“

Hans Veller – ein alter Mann, bei dem sich kleine und große Geschichten die Hand reichen und der diese Erinnerungen wie einen Schatz hütet.

bn

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