Erinnerungen an Rotenburg

Interview zum Wochenende: Hans Joachim Irmler und seine Band „Faust“

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Hans Joachim Irmler mit seinem neuen Album „Die Gesänge des Maldoror“.

Wümme - Von Ralf G. Poppe. Das Hurricane-Festival in Scheeßel ist weit über deutsche Landesgrenzen bekannt. Die wirkliche musikalische Revolution der Region begann jedoch eher. Von 1971 bis 1973 lebten die Musiker der Band „Faust“ in einer WG in einem ehemaligen Schulgebäude in der kleinen Ortschaft Wümme bei Lauenbrück.

Anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Albums „Die Gesänge des Maldoror“ diskutiert Gründungsmitglied Hans Joachim Irmler mit der Rotenburger Kreiszeitung nicht nur über Dadaistische Klänge, sondern er erinnert sich im Gespräch auch an die Aufbruchsstimmung im Rotenburg der frühen 70er Jahre.

Herr Irmler, Sie haben gerade „Die Gesänge des Maldoror“ veröffentlicht. Maldoror gilt als Inkarnation des Bösen. Dabei liegen ihre musikalischen Wurzeln in dem idyllischen Ort Wümme begründet, der in unmittelbarer Nähe zu Rotenburg in der Gemeinde Wistedt liegt. Wie kam eins zum anderen? 

Hans Joachim Irmler: Von mittelalterlichen Musikstücken bis hin zum Dadaismus hat die Gruppe „Faust“ eigentlich nichts auslassen wollen. Dr. Schwitters aus dem Einzugsgebiet Hannover hat uns sehr beeindruckt, daher haben wir auch ein Lied nach ihm benannt. Wir haben einen Weg gesucht, die Eindrücke, die der Nationalsozialismus hinterlassen hatte und in der Folge die Nachkriegsjahre mit der überbetonten Fröhlichkeit, aufzuarbeiten. Nicht nur für uns, auch für unser Umfeld. Wir dachten, dass wir richtiggehend dazu aufgefordert seien, dass niemand anderes das in dieser grundlegend nötigen Weise betreibt. Im Gegensatz dazu haben Produzent Carl Oesterhelt und ich versucht, die kammerorchestrale Komposition „Die Gesänge des Maldoror“ in einen zeitgemäßen Rahmen zu setzen. Wir sind mit dem Modern String Quartett München und der Stadtkapelle Scheer eine außergewöhnliche Kombination eingegangen, die am ehesten mit „Neuer Musik“ zu beschreiben ist. 

In diesem Haus in Wümme richtete die Band „Faust“ 1971 ihr Studio ein und lebte dort drei Jahre, ehe sie ihre Karriere in England fortsetzte.

Wie kam es zur Bandgründung von „Faust“, beziehungsweise zur WG in Wümme? Durch sie wurde quasi eine bis heute währende musikalische Tradition in der Region begründet. 

Irmler: Zwei Bands taten sich in Hamburg zusammen. Aus dieser Formation wurde „Faust“. Unser Ziel war es, eine neue Musikrichtung zu begründen, die sich in Wort und Musik mit Dadaismus am ehesten vergleichen lässt. Um das umzusetzen, beschlossen wir, der Stadt mit ihren vielen Ablenkungen den Rücken zu kehren. Wir fanden in Wümme in der alten Schule die passende Bleibe für alle. Die Räumlichkeiten in dem ehemaligen Schulgebäude dort ermöglichten uns, ein Studio einzurichten. Was der Ausgangspunkt für die neue Musik wurde. Mein persönliches Bestreben war es, mithilfe dieses Studios Musikversatzstücke so zu kombinieren, dass sich durch die Summe der einzelnen Teile ein neues Musikstück ergibt. In der Tat haben wir in Wümme und anderswo auch viele Außenaufnahmen gemacht. Zum Beispiel haben wir eine Demonstration am Dammtor in Hamburg aufgenommen. Unsere hallenden Rufe beim Durchlaufen eines leeren Parkhauses, eine Dampframme am Hafen sowie eine Mikrofonstrecke entlang eines Teilstücks der B 75 sollte das Nachklingen von Lkw-Reifen in Richtung Rotenburg aufzeichnen. 

Was ist aus den damaligen Kollegen geworden? 

Irmler: Zwei von ihnen machen unter dem Bandnamen „Faust“ weiter, gewissermaßen Faust Nord. 

Sie kochen heutzutage sehr gern sehr gut. Wie sahen die kulinarischen Freuden in Wümme aus? 

Irmler: Mit den kulinarischen Freuden war es nicht sehr weit her. Wir haben vornehmlich einfach gekocht, wenn wir nicht gerade von unserem Mentor Uwe Nettelbeck eingeladen wurden, der sehr gut gekocht hat. Einen großen Zuspruch fand der Bäcker in Stemmen, der fantastische Makronen herstellte. 

Wie nahmen die Nachbarn die „Faust“-WG auf? Der Bandmanager, Uwe Nettelback, war eigentlich Journalist, der unter anderem für die Zeitschrift „konkret“ gearbeitet hat (die vom Ehemann der späteren Terroristin Ulrike Meinhof, von Klaus Rainer Röhl, herausgegeben wurde). Da Sie und ihre Musikerkollegen sicherlich als „die Langhaarigen“ tituliert wurden, gab es doch bestimmt Vorbehalte in der Nachbarschaft?

Irmler: Am Anfang erschien es wohl den Nachbarn so, als ob Bewohner vom Mars gelandet wären. Doch das Gefühl legte sich schnell. Wir versuchten, uns in die Dorfgemeinschaft einzugliedern, indem wir in die umliegenden Kneipen gingen und unsere Einkäufe in der Gegend erledigten. Unser Bekanntenkreis wurde langsam immer größer. 

Wie wurde die WG von der Hamburger Szene aufgenommen? Gab es oft Besuche? 

Irmler: Wir hatten uns vorgenommen, wenigstens während des ersten halben Jahres keinerlei Besuche aus der Szene zuzulassen, um uns ganz auf unsere Arbeit zu konzentrieren. Eine der wenigen Ausnahmen war der Fotograf Günter Zint (unter anderem Hausfotograf des Star Clubs in Hamburg; Begleiter der Beatles und von The Doors auf deren Deutschland-Touren; Gastgeber von Jimi Hendrix, als jener aus einem Hamburger Hotel hinausgeworfen wurde – Anm. d. Verf.) 

Hans Joachim Irmler (r.) im Gespräch mit Ralf G. Poppe.

Nettelbeck hatte mit der Polydor einen sehr guten Vertrag für „Faust“ ausgehandelt. Wäre ihre Karriere ohne diesen fulminanten Start möglich gewesen? 

Irmler: Das ist richtig, es war ein guter Vertrag. Allerdings war das von Anfang an unsere Bedingung, um überhaupt Musik zu machen.

Im Anschluss an den Polydor-Deal gab es einen Vertrag mit dem damals jungen Unternehmer Richard Branson und dessen Firma Virgin Records. Dafür mussten sie nach England ziehen, wo sie quasi zu Superstars wurden. Und ganz nebenher Mike Oldfield entdeckten. 

Irmler: Ja, wir suchten nach Ablauf des Polydor-Deals eine ähnliche Möglichkeit, weiterzuarbeiten. Eben so, wie es vorher in Wümme der Fall war. Richard Branson, der gerade im Begriff war, Virgin Records zu gründen, bot uns die gleichen Bedingen, die wir in Wümme hatten. Also eine Wohnung auf dem Lande und ein Studio in der Nähe von Oxford. Da der größte Zuspruch für unsere Musik aus England kam, fiel die Wahl nicht schwer, dorthin auf die Insel zu ziehen. In dieser Zeit tourten wir zweimal durch England, lernten dadurch viele Kollegen kennen. Eines der schönsten Ereignisse für mich war unser Konzert im „Rainbow“ in London. Mike Oldfield war damals der Freund einer Bekannten. So lag es nahe, ihm auf Nachfrage das Studio in Shipton-on-Cherwell in freien Zeiten zu überlassen. 

Das Landleben um Rotenburg herum ist auch heute noch stark von der Agrarwirtschaft geprägt. Mit der Gruppe „Faust“ brachten Sie 1996 beim Überschall-Festival in Bremen ein Heugebläse zum Einsatz, dessen Inhalt gegen Konzertende ins Publikum entlassen wurde. Natürlich hatten Sie für Allergiker vorab eine Warnung am Eingang der Konzerthalle angebracht – die jedoch niemand ernst genommen hatte. War dieses Handeln noch vom Landleben in Norddeutschland beeinflusst? 

Irmler: Tatsächlich haben wir gute Erinnerungen an das Landleben mit nach England genommen, nicht zuletzt auch die vielfältigen Gerüche. Daraus entstand der Gedanke, innerhalb von kurzer Zeit die Atmosphäre in einem Konzertsaal mithilfe von bewusst eingesetzten Gerüchen zu verändern. Dazu diente das Heugebläse. 

Ihr bisher letzter Besuch in Rotenburg und Umgebung führte sie über Bremervörde ins Gnarrenburger Moor, zu den Kranichen. Wie erleben Sie die Region heute? 

Irmler: Ich nutze nach wie vor gern die Gelegenheit, die Gegend zu besuchen, weil sie mir halt auch am Herzen liegt. Ob das jetzt das Gnarrenburger Moor ist oder das Königsmoor. Tatsächlich hat sich die Infrastruktur teilweise sehr geändert. Es ist viel gebaut worden, andere Häuser wurden aufgegeben, vornehmlich Bauernhöfe. Ich mag die Ruhe und die Weite. Und, dass man von ihnen immer wieder gefordert wird. 

Wann kommen Sie wieder nach Rotenburg? „Die Gesänge des Maldoror“ sind subjektiv geradezu prädestiniert für eine Aufführung in Hamburg auf Kampnagel. Gibt es Pläne? Und anschließend einen erneuten Besuch? 

Irmler: Wir denken ebenfalls, dass das Album „Die Gesänge des Maldoror“ sehr gut für eine Aufführung in der Kampnagel-Fabrik in Hamburg geeignet ist. Wenn es dazu kommen sollte, werde ich sicherlich wieder nach Tostedt, Wümme und Rotenburg kommen. 

Zur Person

Hans Joachim Irmler, Jahrgang 1950, betreibt heute in seiner Heimatstadt Scheer (Baden-Württemberg) erfolgreich das Faust-Musikstudio, zu dem das Label Klangbad gehört. Nebenher etablierte er ebenfalls in Scheer das renommierte Klangbad-Musik-Festival. Bis circa 1994 arbeitete Irmler in Hamburg. Davor lebte der Musiker in England sowie in dem kleinen Örtchen Wümme in der Nähe von Lauenbrück. Damals wie heute gilt Irmler (Orgel, Synthesizer) als Kopf der Krautrocklegende „Faust“. Carl Friedrich Oesterhelt (Schlagwerk, Hammond, Piano) dagegen war Drummer der Pre-NDW-Helden von F.S.K. (Freiwillige Selbstkontrolle). 

Schorsch Kamerun, der dem Maldoror seine Stimme lieh, kennt man als Sänger der Hamburger Punk-Ikonen „Die Goldenen Zitronen“. Zusammen mit der Stadtkapelle Scheer sowie weiteren Violinisten haben sie die berühmt-berüchtigten „Gesänge des Maldoror“ neu interpretiert. Maldoror gilt als die Inkarnation des Bösen schlechthin. Ein schwarzer, zerschmetternder Erzengel. Die hier von Irmler und Oesterhelt realisierte Abfolge von Tönen ist keine Popmusik. Surrealismus. Dadaismus. Inspiriert von der Musique Concrète (eine Kompositionstechnik, bei der mit gespeicherten Klängen komponiert wird). Beeinflusst von Stockhausen. „Erster Gesang“ bis „Sechster Gesang“. Zeitaufwand zum Hören: 43 Minuten.

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