Hanna Tamke aus Wittorf sammelt historische Kleider

Vatermörder und Schinkenbüddel

Das Lieblingskleid von Hanna Tamke ist ein Petticoat aus den 1950er-Jahren.
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Das Lieblingskleid von Hanna Tamke ist ein Petticoat aus den 1950er-Jahren.

Mehr als 200 historische Kleider aus der Zeit nach 1890 hat Hanna Tamke aus Wittorf gesammelt. Besonders die 1950er-Jahre haben es ihr angetan. Bereits mehrfach hat sie Modenschauen organisiert – doch es wird immer schwer, geeignete Models zu finden. 

Rotenburg/Wittorf – „Und gleich zeige ich Ihnen den Vatermörder“, sagt Hanna Tamke und öffnet einen unscheinbaren Karton, in dem, ordentlich gefaltet, ein Stapel weißer Wäsche liegt. Die Wittorferin hat eine besondere Sammelleidenschaft: historische Kleider. Mehr als 200 nennt sie ihr Eigen, ausgewählte Stücke zeigt sie regelmäßig auf Modenschauen. „Manchmal verleihe ich auch etwas, zum Beispiel an Schüler für eine Projektwoche“, sagt Tamke.

Ihr ältestes Stück ist ein schwarzes Kleid aus der Zeit um 1890. „Es ist sehr aufwendig verarbeitet, mit feinen Stickereien. Es muss einst das Lieblingsstück einer Dame gewesen sein, die es nur zu besonderen Anlässen getragen und ansonsten geschont hatte. Das Kleid hat 120 Jahre überdauert – doch inzwischen nagt leider der Zahn der Zeit daran, der Stoff hat mittlerweile sehr gelitten.“

Tamkes Faszination für alte Kleider wurde geweckt, als ihre Familie vor etwa 30 Jahren den Schrank der Mutter aussortierte. „Da traten so tolle Stücke zutage. Eigentlich sollten sie in die Tonne. Aber das habe ich nicht zugelassen. Ich habe sie behalten, obwohl ich damals noch nicht wusste, was ich damit anfangen sollte“, erinnert sich Tamke, die sich in ihrer Freizeit mit der Geschichte der Region beschäftigt. Sie ist Gästeführerin und Mitglied des Teams der Ehrenamtlichen der Sammlung historischer Güter am Heimathaus in Rotenburg.

Ihre erste Modenschau organisierte sie in der Kirche in Brockel. „Um meine Sammlung dafür zu erweitern, habe ich in der Nachbarschaft herumgefragt. Auf alten, großen Höfen hatte ich oft Glück. Die Bewohner hatten viele Sonntagskleider aufbewahrt. Dass ich mich für historische Modestücke interessiere, sprach sich bis in den Kreis Verden herum.“

Mein ältestes Model war damals 94 Jahre alt und tanzte in seinem Kleid einen Twist – das war für alle ein unvergesslicher Moment.

Hanna Tamke

Viele weitere Modenschauen folgten, auch in Alten- und Pflegeheimen wie dem Curata Haus am Visselpark in Visselhövede und dem Seniorenhaus Hemphöfen in Rotenburg. „Für die Bewohner ist es unglaublich spannend, noch einmal Kleider aus ihrer Jugend zu sehen“, berichtet Tamke, die die Veranstaltungen moderiert und Wissenswertes aus dem jeweiligen Jahrzehnt erzählt.

Sie erinnert sich besonders gerne an eine Modenschau im alten Rotenburger Bürgersaal: „Mein ältestes Model war damals 94 Jahre alt und tanzte in seinem Kleid einen Twist – das war für alle ein unvergesslicher Moment.“

In den vergangenen Jahren hat Hanna Tamke jedoch nur noch wenige Modenschauen organisiert. Denn es sei ein Problem, dafür die passenden Models zu finden. „Der Körperbau der Menschen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Früher mussten die Frauen körperlich sehr hart arbeiten. Sie waren kleiner als heute und hatten weniger Oberweite sowie eine schmalere Taille und dünnere Arme. Die Ernährung war eben damals nicht so ausgewogen und es gab insgesamt weniger zu Essen“, berichtet Tamke.

Wenn sie durch ihre Sammlung läuft und einzelne Stücke von der Stange nimmt, ist das auch für sie eine Zeitreise: „Die Kleider aus den 1960er- und 1970er-Jahren habe ich ja selbst mal getragen. Da kommen sehr viele schöne Erinnerungen hoch.“

Es seien alles original Kleidungsstücke, die auf den Höfen selbst genäht wurden. Einige Menschen konnten sich damals auch Schneider leisten. Die guten Sonntagskleider wurden dann über Generationen weitergereicht und seien deshalb bis heute erhalten geblieben. Alltagskleidung sei dagegen nur noch sehr selten zu finden. „Sie wurde so lange getragen, bis sie völlig verschlissen war. Und dann wurden daraus Putzlappen gemacht“, erklärt Tamke.

Die Mode aus der damaligen Zeit sei zwar schicker gewesen als heute, dafür aber bei Weitem nicht so gemütlich: „Kinder haben die Sonntagskleider, die nur für die Kirche und andere besondere Anlässe aus dem Schrank geholt wurden, meist nicht gerne getragen. Sie durften sich darin nicht schmutzig machen und sollten immer aufpassen, dass ja nichts kaputt geht.“

Jungs mussten zur Konfirmation kurze Hosen tragen. Wenn es im Winter sehr kalt war, trugen sie dazu braune Strickstrümpfe, die an einem Strumpfhalter festgemacht wurden. „Das kam nicht bei allen besonders gut an“, berichtet Tamke.

Aber auch die Erwachsenen hätten es nicht immer leicht gehabt, wenn sie mit der Mode gehen wollten. „Vor der Zeit um 1930 haben die Frauen noch Korsetts getragen, die sehr eng geschnürt wurden“, so Tamke. Damals waren die Kleidungsstücke meist aus Seide, Leinen und Baumwolle.

Später kamen dann Perlonkleider für Damen und Nylonhemden für Herren groß raus. „Der Vorteil dabei war, dass sie leicht waren und schnell zu reinigen – aber dafür haben die Menschen furchtbar darin geschwitzt. Man mochte seinen Tanzpartner gar nicht anfassen, weil er bald darauf klatschnass war“, erzählt Tamke.

Ihre Lieblingszeit sind die 1950er-Jahre: „Denn Petticoat-Kleider finde ich wunderschön. Ich habe auch selbst noch eines, das mir passt. Das trage ich sehr gerne.“ Auch die darauf folgenden Jahrzehnte seien geprägt von einem bestimmten Modestil gewesen: In den 1960ern waren es die Miniröcke, in den 1970er-Jahren folgte die Hippie-Bewegung.

Aus der Zeit danach habe sie keine Stücke mehr in ihrer Sammlung. „In früheren Jahren konnte man die Mode noch dem Jahrzehnt zuordnen. Das geht seit den 1980er-Jahren nicht mehr so leicht, finde ich. Es gibt aus diesen Zeiten nur noch wenig, was ganz typisch ist“, bedauert Tamke. Sie ist als drittes von vier Kindern aufgewachsen. „Für mich bedeutete das, dass ich immer die Kleidung meiner größeren Geschwister auftragen musste. Als dann meine kleine Schwester auf die Welt kam, bekam sie wieder neue Sachen. Sie hatte dann die Lackschuhe, die ich immer haben wollte“, sagt Tamke und lacht.

Ihre Sammlung historischer Kleider umfasst Mode für Mädchen und Frauen, dazu einige Anzüge für Herren und Jungen. Stolz ist sie auch auf die Unter- und Nachtwäsche. „Damals kam dafür extra eine sogenannte Weißnäherin ins Haus. Die Unterwäsche war auch damals schon zum Teil ganz sexy“, sagt Tamke.

„Früher konnte man noch jedes Kleidungsstück einem Jahrzehnt zuordnen“, sagt Hanna Tamke.

Es gab aber auch praktische Unterwäsche wie die Schinkenbüddel, eine längere Unterhose, die bei der Arbeit auf dem Feld getragen wurde, weil sie einen großen Vorteil hatte: „Wenn man musste, konnte man sich damit breitbeinig hinstellen und es einfach laufen lassen“, erklärt Tamke. In der Nacht trugen die Menschen leichte Mützen. Diese dienten nicht nur dazu, um sich gegen die Kälte zu schützen. Es war auch ein Hygieneaspekt: „Die Menschen damals haben sich oft nur alle drei Wochen die Haare gewaschen. Von der Arbeit im Stall trugen sie viel Schmutz in den Haaren. Die Mütze fing den Dreck auf und sorgte dafür, dass das Kissen sauber blieb und nicht gewaschen werden musste.“

Tiefer im Karton findet Tamke den Vatermörder, den sie gesucht hatte: So nannte man früher einen Hemdeinsatz, der unter Gehröcken und Westen getragen wurde. „Er lag sehr stramm am Hals und hatte einen hohen steifen Kragen“, so Tamke. „Deshalb war er sehr unbequem zu tragen.“

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