Ein Interview

Herbert Neumann vom Jugendmigrationsdienst im Diakonischen Werk   geht in den Ruhestand

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Herbert Neumann freut sich auf den Ruhestand, aber so ganz kann und will er nicht darauf verzichten, sich sozial zu engagieren. 28 Jahre lang hat er im Jugendmigrationsdienst beim Diakonischen Werk in Rotenburg gearbeitet. 

Rotenburg - Von Guido Menker. Das Berufsleben von Herbert Neumann ist eng verwoben mit der Zuwanderungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland seit der Wiedervereinigung 1989. Jetzt geht der 65-jährige Sozialarbeiter des Kirchenkreises Rotenburg nach 28 Jahren im Diakonischen Werk in den Ruhestand. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Neumann, Sie waren 28 Jahre im Diakonischen Werk tätig und dort für den sogenannten Jugendmigrationsdienst zuständig. Was ist das eigentlich?

Herbert Neumann: Eine gute Frage, denn das ist eine Namens-Erfindung – seit 2004 für ein bundesgefördertes Programm vor Ort, das es schon seit 60 Jahren gibt. Es hieß vorher Jugendgemeinschaftswerk. Das trifft es besser: junge Neu- und Altbürger zusammen. Förderung für die jungen Leute, die für immer nach Deutschland kommen. Das galt aber nur für die, die die Bundesrepublik haben wollte, also Übersiedler, Aussiedler, Asylberechtigte, Menschen in der Familienzusammenführung und Studenten, also nicht für Flüchtlinge ohne Anerkennung, nicht für Ausländer. Deshalb hatte der Kirchenkreis schon 1988 eine Flüchtlings- und Ausländerberatung eingerichtet. Das passte.

Ihre Aufgabe war daher auch eng mit der Zuwanderungsgeschichte der Bundesrepublik nach 1989 verbunden. Was genau war dabei Ihre wichtigste Aufgabe?

Neumann: Zu Verstehen, was die Zuwanderer brauchen, um hier anzukommen und selbstständig zu werden, sowie zu verstehen, was vor Ort gebraucht wird, damit das gelingen kann. Ich begann am 1. November 1989, acht Tage später fiel die Mauer, das Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion wurden durchlässiger. Um 2000 folgte dann die politische Entwicklung zur Zuwanderung, die Bundesrepublik hatte sich politisch und gesellschaftlich auf den Weg gemacht, zu lernen und zu gestalten. In der Folge dann die Öffnung der Jugendmigrationsdienste 2005 für all die Zuwanderer, die tatsächlich schon hier waren. Das ist die nachholende Integration – sehr sinnvoll.

Worin bestand denn die wesentliche Herausforderung für Sie?

Neumann: Es waren drei Herausforderungen: Wege finden, wie es weitergehen könnte, wenn die Zuwanderer nicht weiter wissen. Und das betrifft auch den Umgang mit der Bürokratie, mit formalen und amtlichen Schreiben. Zu verstehen, was vor Ort gebraucht wird, dass Integration nicht einfach so mit „Bordmitteln“ gemacht werden kann, dass es Förderung, Personal und Ausstattung braucht – und dranbleiben, wenn es Schwierigkeiten gab. Aber ehrlich, die größeren Herausforderungen hatten die Zuwanderer selbst zu bewältigen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis, wenn Sie heute auf die 28 Jahre zurückblicken?

Neumann: Die guten Ergebnisse kommen aus dem Miteinander. Ich bin zufrieden, denn Vieles ist gut gelungen, und aus dem, was nicht gelang, haben wir gelernt. Integration hat in Rotenburg – und nicht nur hier – einen positiven Platz. Es war und ist hier auch politisch Konsens, dass Integration eine Gemeinschaftsaufgabe ist und bleibt – das hilft enorm.

In Ihrer Zeit beim Diakonischen Werk ist ja auch der Arbeitskreis Integration entstanden, den Sie von Anfang an leiteten. Diesen Arbeitskreis gibt es heute noch. Inwiefern wiederholen sich jetzt die Aufgaben mit der großen Zahl an zugewanderten Menschen aus Kriegs- und Krisenregionen?

Neumann: 1999 richtete die Stadt den Arbeitskreis Integration ein – nach einer Initiative von Kirchenkreis und Stadt in Runden Tischen vorbereitet. Denn eine Gemeinschaftsaufgabe braucht ein Forum, ein sich kennen und miteinander reden von Praxis, Fachleuten, Verwaltung und Politik. Das ist eine Stärke hier. Wir haben so viel Erfahrung gesammelt, wie Integration gelingen kann, dass wir auch die neuen Herausforderungen analysieren und weiter Antworten entwickeln können. Anfang April ist das 58. Arbeitstreffen im Rathaus.

Aber in diesen Jahren ist ja noch viel mehr auf die Beine gestellt worden. Was fällt Ihnen da vor allem ein, wenn Sie Bilanz ziehen?

Neumann: Aus dem Arbeitskreis Integration ist 2003 der Präventionsrat entstanden. Denn alle haben das Interesse, sicher zu leben und dass ihre Kinder und Enkel gut aufwachsen können. Wir, Polizei und Jugendmigrationsdienst, entwickelten mit Stadt und Schulen die Aktion „Tu was“. Dahinter steckt Gewaltprävention mit Polizei und Theater für ganze Klassen, ein Modell, das sich inzwischen konzentriert auf die Frage: Wie wollen wir zusammen leben? Aber ganz besonders die Straßensozialarbeit der Stadt und das offene Sportprojekt sind in dieser Zeit entstanden.

Das offene Sportprojekt ist ja zu einem Vorzeige-Unternehmen geworden. Warum ist es so wertvoll?

Neumann: Weil es so viele junge Leute, freiwillige Betreuerinnen und Betreuer sowie Fachleute auf Augenhöhe zusammenbringt. Alle kommen freiwillig, und es ist kostenfrei. Aber es fordert ein soziales Miteinander, das ist der Mitgliedsbeitrag. Es lebt, weil es nicht für, sondern gemeinsam mit jungen Leuten entsprechend ihrer Interessen erschaffen wurde und beständig weiterentwickelt wird. Nicht Fachleute denken sich was aus, sondern fragen die, die gemeint sind. Das ist die Lebenswelt-Erkenntnis aus der sozialen Arbeit, die sich hier verwirklicht. Und die schlichte Erkenntnis „Hand statt Faust – wenn man sich kennt, geht man anders miteinander um“ bewahrheitet sich.

Inwieweit lassen sich die Erfahrungen, die Sie und Ihre Kollegen mit den Aussiedlern gemacht haben, heute auf die Arbeit mit den Flüchtlingen übertragen, die in den vergangenen zwei Jahren zu uns gekommen sind?

Neumann: Ich habe 28 Jahre mit meinem Flüchtlings- und Ausländerberater-Kollegen Eckhard Lang Tür an Tür gearbeitet, habe so viele Menschen kennengelernt. Die Menschen sind unterschiedlich, also ihre Erfahrungen, Hintergründe, ihre Entscheidungen, nach Deutschland zu kommen. Integrationsangebote und -anforderungen können entsprechend angepasst und weiterentwickelt werden. Dafür braucht es aber Geld und Personal. Unsere Berufsschule ist ein gutes Beispiel, Respekt. Wir brauchen wie bisher „Kulturmittler“, die selbst Fluchtgeschichten haben und Brücken bauen, das ist auf einem guten Weg.

In Rotenburg erscheinen die Fragen von Integration mit denen der Prävention eng miteinander verzahnt zu sein. Ist dieser Eindruck richtig?

Neumann: Ja, das zeichnet Rotenburg auch aus: Wir haben zusammen gelernt. Schulen, Polizei, Verwaltung, Sozialarbeit, Jugendarbeit, Ehrenamt, im Arbeitskreis Integration und in gemeinsamen Projekten. Zwei Fachtage hier hatten den Titel „Integration ist beste Prävention“. Dabei meint Integration nicht allein Zuwanderer, sondern alle, die es schwerer haben, in die Gesellschaft hinein zu kommen oder die Gefahr laufen, sozial aus der Gesellschaft heraus zu fallen.

Was macht denn eigentlich grundsätzlich eine gute Integration aus?

Neumann: Gute Integration hat zwei Seiten, die wir zusammen sehen, verstehen und gestalten können. Im sozialen Leben, in der Bildung, bei der Arbeit und in der Gesellschaft. Es geht darum, teilnehmen zu können und zu wollen und damit auch teilhaben zu können. Und von uns Einheimischen ist wichtig zu signalisieren, teilhaben lassen zu wollen. Es ist menschlich, Fremdheitsgefühle durch ein Vertrautmachen zu ersetzen. Und zwar auf beiden Seiten. Menschen sind unterschiedlich, und man muss ja nicht mit jedem befreundet sein. Es geht, das hat uns auch die enorme ehrenamtliche Hilfe der vergangenen Jahre gezeigt.

Um mit Menschen zusammenzuarbeiten, die sich plötzlich fremd fühlen in einem neuen Land, wäre es ganz sicher von Vorteil, selbst einmal dieses Gefühl erlebt zu haben. Sie waren mal längere Zeit in Indien tätig. Was haben Sie dort gemacht? Und wie war dieses Gefühl, der Fremde zu sein?

Neumann: Als Weißer unter dunkelhäutigen Menschen kann man sich schlecht verstecken, mit einem weißblonden Kleinkind auf dem Arm schon gar nicht. Doch die Inder haben uns sehr freundlich behandelt, und ein weißblondes Kleinkind ist wie ein Glücksbringer! Passt doch. Mehr durch Zufall kam ich nach Auroville und wurde eingeladen, zu bleiben. Ein ökologisches Entwicklungsprojekt auf yoga-spirituellem Hintergrund, gefördert von der indischen Bundesregierung und von der Unesco geschätzt. Die Idee: Es sollte einen Ort auf der Welt geben, wo Menschen unterschiedlichster Herkunft friedlich zusammenleben. Dieser Ort existiert und wird in diesem Jahr 50 Jahre alt. Ermutigend. Ich leitete mehr als zwei Jahre das Land-Service-Büro, wo sich unterschiedliche Interessen trafen. Das schulte meine diplomatischen Fähigkeiten. Rückblickend war es zufällig die entscheidende „Ausbildung“ für die Arbeit, die ich 28 Jahre im Diakonischen Werk zu einer Herzensaufgabe gemacht habe.

Wie sind Sie selbst eigentlich damals zum Diakonischen Werk gekommen?

Neumann: Nach der Beratung arbeitsloser Jugendlicher beim Jugendamt war ich in der Orientierung. Heinz Wagner, der damalige Kirchenkreissozialarbeiter, lud ein, mich zu bewerben. Er meinte, „Du kennst dich doch aus mit Fremden, und der Kirchenkreis will sich engagieren.“ Der Kirchenkreis gab mir dann die Freiheit, die Arbeit zu gestalten. Das passte.

Jetzt gehen Sie in den Ruhestand. Womit beschäftigen Sie sich künftig?

Neumann: Unsere Enkel würden sofort antworten: „Mit uns!“ Versprochen! Aber ohne Engagement kann ich nicht: Ich mache seit über acht Jahren Jugend-Onlineberatung (Anm. d. Red.: jmd4you.de), da sehe ich großes Entwicklungspotenzial auch für unsere ländlichen Räume. Und endlich habe ich mehr Zeit für die Kreativ-Workshops mit jungen Leuten (Anm. d. red.: www.zukunfts-bilder.de). Nächste Woche werde ich auf Vorschlag der Wohlfahrtsverbände als stellvertretendes Mitglied in die niedersächsische Härtefall-Kommission berufen. Es ist sinnvoll, noch einmal genau hinzuschauen, bevor Menschen Deutschland endgültig verlassen müssen. Und mein Herz schlägt weiter für Rotenburg. Meine Enkel werden mich schon erinnern, falls ich zu viel mache.

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