Hans-Peter Hagenah über Qualität im Kreißsaal und die steigenden Geburtenzahlen im Rotenburger Diakonieklinikum

„Jetzt kommen sie zu uns“

+
Hans-Peter Hagenah

Rotenburg - Von Michael Krüger. Anfang 2016 wird das Rotenburger Agaplesion Diakonieklinikum vermutlich einen weiteren Rekord melden: So viele Geburten wie nie zuvor! Das war auch in den vergangenen Jahre schon so – obwohl die Geburtshilfe in Rotenburg nicht immer den besten Ruf hatte. Wir haben mit Dr. Hans-Peter Hagenah gesprochen, der die Abteilung seit Oktober 2012 leitet. Ein Interview über die Qualität beim Kinderkriegen, Ausbaupläne und die Frage nach ethischen Grenzen der Diagnostik.

Die Geburtenzahlen im Diako steigen: Von 812 im Jahr 2011 auf 1016 im vergangenen Jahr. Dieses Jahr werden sie noch höher liegen – allein am vergangenen Wochenende gab es 30 Geburten. Wie ist das zu erklären?

Hans-Peter Hagenah: Das Ansehen der Klinik in der Geburtshilfe hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Unser Einzugsgebiet hat sich erweitert. Es kommen jetzt auch Frauen aus Bereichen, die wir früher nie hier hatten.

Welche?

Hagenah: Der südliche Bereich von Bremen bis zum westlichen Bereich von Hamburg. Im Prinzip die Speckgürtel der Großstädte. Früher sind diese Frauen in die Städte gegangen, jetzt kommen sie zu uns.

Was machen Sie besser als andere Häuser?

Hagenah: Besser will ich gar nicht sagen. Ein wichtiges Kriterium ist, dass wir eine Pränataldiagnostik anbieten. Teilweise müssen wir da zwar etwas traurige Mitteilungen machen, dass es Babys gibt, die Auffälligkeiten haben. Andererseits ist es für viele Frauen sehr beruhigend, wenn sie wissen, dass sie trotz der Auffälligkeiten bei uns in der Klinik entbinden können. Wir haben schließlich auch gleich eine angeschlossene Kinderklinik. Und die Frauen bekommen nach einer ersten Vorstellung gleich einen Bezug zu den Mitarbeitern, zu unserem Team. Krankenschwestern, Hebammen und Ärzte bemühen sich sehr um diese Frauen. Unser Ziel ist es, attraktiv für werdende Mütter zu sein.

Nun hatte das Diako in der Vergangenheit nicht den besten Ruf, was die Geburtsstation betrifft. Woher rührte das?

Hagenah: Ich kann zur Zeit vor meinem Dienstbeginn im Oktober 2012 nichts sagen. Natürlich habe ich damals gehört, dass es Hinweise von verschiedenen Seiten gab, „Geh lieber hierhin oder dahin“. Ich habe immer darauf gesetzt, dass wir gute Arbeit leisten und freundlich zu den Patienten sind. Wir wollen zeigen, dass wir eine gute Geburtshilfe bieten. Die beste Werbung ist die Mundpropaganda der Frauen, die hier waren. Auch die Frauenärzte und niedergelassenen Hebammen wollen wir ins Boot holen. Jetzt ernten wir womöglich die Früchte dieser Anstrengungen.

Es herrschte zum Beispiel die Meinung, es gibt zu viele Kaiserschnitte. Wie sind da die Zahlen?

Hagenah: Wir liegen jetzt im Niedersachsen-Durchschnitt. Insgesamt steigt die Zahl, wir haben aber unsere Wert gehalten, teilweise sogar gesenkt. Wir liegen derzeit bei etwas über 30 Prozent. Wir achten sehr darauf, die Frauen von der natürlichen Geburt zu überzeugen. Da leisten wir Aufklärungsarbeit.

Ist eine natürliche Geburt denn besser?

Hagenah: Ganz klar. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Kinder nach Kaiserschnitten in den ersten Jahren kränklicher sind. Und die nächste Schwangerschaft nach dem Kaiserschnitt ist immer automatisch eine Risiko-Schwangerschaft.

Was haben Sie seit Ihrem Dienstantritt im Oktober 2012 verändert?

Hagenah: Die Motivation des gesamten Personals. Unser gemeinsames Ziel ist es, die Geburtenzahl zu steigern. Ich habe versucht, das Personal abzuholen für einen gemeinsamen Weg. Ich habe das Gefühl, dass das Team das mitträgt. Nur so können wir erfolgreich sein. Wenn die Patienten uns Karten schreiben, mit denen sie sich ausdrücklich bedanken, ist das ein tolles Feedback. Andererseits gibt es immer wieder Verbesserungsvorschläge, die wir versuchen, umzusetzen.

Lässt sich die Gleichung aufstellen, dass mehr Geburten besser sind?

Hagenah: Ja. Wenn ein Krankenhaus wenige Geburten hat, hat es im Management von komplizierteren Geburten weniger Erfahrung. Komplikationen gehören für größere Kliniken zum Routinealltag.

Wie können Sie bei steigenden Zahlen die Qualität halten oder verbessern?

Hagenah: Wir haben Erfassungstools, mit denen wir quartalsweise schauen können, wie unsere Qualität ist. Es gibt bestimmte Indikatoren, die von der Ärztekammer vorgegeben werden. Wenn Tendenzen erkennbar sind, versuchen wir im Team, Verbesserungen umzusetzen.

Wie lässt sich Qualität in der Geburtshilfe messen?

Hagenah: Über Azidose-Raten – ob Kinder Stress bei der Geburt gehabt haben. Einige Dinge kann man nicht beeinflussen, das ist klar. Eine Schwäche des Mutterkuchens kann ich nicht bereinigen. Aber wir können unsere Geburtshilfe so gestalten, dass wir versuchen, die Risiken herauszufischen und die Überwachung anzupassen. Während der Geburt treffen wir die jeweiligen Maßnahmen, um zu schauen, ob die Versorgung des Kindes noch gewährleistet ist oder ob wir handeln müssen.

Können Sie die steigenden Zahlen hier noch auffangen?

Hagenah: Wenn die Zahlen weiter steigen, wäre es wünschenswert, dass wir bauliche Veränderungen vornehmen. Diesbezüglich gibt es Planungen.

Und wie weit sind die?

Hagenah: Wir denken an ein neues Mutter-Kind-Zentrum. Es gibt bereits erste positive Signale aus dem niedersächsischen Sozialministerium. Wir würden dann die Geburtshilfe und die Frühgeborenen-Abteilung Tür an Tür zusammenlegen, um eine optimale Versorgung zu gewährleisten. Das könnte schon in absehbarer Zeit in einem Neubau passieren.

Im Zusammenhang mit der Umstrukturierung der Ostemed-Häuser hat zuletzt auch Landrat Hermann Luttmann eine Schließung der Geburtshilfe in Bremervörde angedeutet. Was würde das für Rotenburg bedeuten?

Hagenah: Ein Teil der Frauen würde sicherlich zu uns kommen. Es verteilt sich allerdings auch auf den Bereich Stade, Bremerhaven und Bremen.

Wieso sind Sie nach Rotenburg gekommen?

Hagenah: Man hat mich gebeten.

Wie lange bleiben Sie?

Hagenah: Ich bleibe, bis ich in Rente gehe.

Sie sind Experte der Pränataldiagnostik. Ein medizinisches Feld, das nicht unumstritten ist und ethische Fragen aufwirft. Wo ziehen Sie die Grenze, wie weit der Mensch eingreifen sollte?

Hagenah: Die Aufgabe der Pränataldiagnostik ist es nicht, zu selektionieren. Wir wollen vielmehr komplizierte Schwangerschaften erkennen und Handlungsstrategien anbieten, um die Neugeborenen adäquat versorgen zu können. Diese einfach Formel „Ich sehe ein krankes Kind, und ich will es nicht haben“ geht nicht auf. Die häufigsten Fehlbildungen bei Kindern sind Herzfehler. Die kann man allesamt gut behandeln, man muss sie nur vorher erkennen. Dafür ist es wichtig, einzuordnen, ob sie eine sofortige postoperative Versorgung bedeuten. Die meisten Fehler sind aber so, dass sie keiner sofortigen Versorgung bedürfen. Für die Versorgung des Kindes ist es einfach besser, vorab zu wissen, was los ist – um dann nicht Hals über Kopf nach der Geburt Maßnahmen treffen zu müssen.

Steigt die Zahl der Risiko-Schwangerschaften auch in Rotenburg?

Hagenah: Ja. Mit der Zunahme des mütterlichen Alters steigt die Gefahr für Herzfehler und Präklampsie, also Schwangerschaftsvergiftung. Auch Erkrankungen, die nichts mit der Schwangerschaft zu tun haben, erhöhen das Risiko. Momentan liegen wir bei 28,6 Prozent Risikoschwangerschaften. Landesweit liegt die Zahl etwas höher – da spielt wahrscheinlich die ländliche Region eine Rolle. Das wird untersucht.

Also bekommen Frauen immer später Kinder?

Hagenah: Ja. Das beobachten wir auch in Rotenburg. 2010 lag der Anteil von über 35-Jährigen unter den Gebärenden bei 21 Prozent. Aktuell liegen wir bereits bei 31 Prozent. Auch der Anteil unserer Patientinnen, die ihr erstes Kind bekommen, steigt: von 26 Prozent vor fünf Jahren auf mittlerweile 44 Prozent.

Sie waren in Langenhagen auch als Kommunalpolitiker aktiv. Warum?

Hagenah: Weil ich mich vor Ort für die Interesse der Mitbewohner in unserem Neubaugebiet einsetzen wollte. Ich bin für die CDU angetreten, aber ohne Parteimitglied zu sein oder einen Sitz in einem Kommunalparlament zu haben.

Sie sind auch in mehreren Verbänden aktiv, wo politisch gearbeitet wird. Ist Kommunalpolitik vergleichbar damit?

Hagenah: Es ist ein schwieriges Feld, das sehr zeitintensiv ist. Deswegen habe ich mich dort zurückgezogen.

Im kommenden Jahr sind in Niedersachen Kommunalwahlen. Planen Sie ein Comeback?

Hagenah: Nein. Es war eine schöne Erfahrung, ich habe einen Einblick bekommen, wie schwierig Politik ist. Aber das ist vorbei.

Zur Person

Dr. med. Hans-Peter Hagenah ist seit Oktober 2012 Abteilungsleiter der Geburtshilfe am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg. Der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe wechselte damals von der Medizinischen Hochschule Hannover nach Rotenburg. Er war in leitender Funktion in der Frauenklinik des Klinikums in Hannover und als Oberarzt und Abteilungsleiter für Pränatal-Medizin im Klinikum Hildesheim tätig. Hagenah ist Spezialist im Bereich der Ultraschall- und Pränataldiagnostik sowie Perinatalmedizin. Er ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, der Gesellschaft für Perinatalmedizin und der Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin und hat zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen im Bereich der Perinatalmedizin und Ultraschalldiagnostik verfasst. Hagenah ist 56 Jahre alt und lebt in Rotenburg und Winsen/Aller. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Wie werde ich Verkehrsingenieur/in?

Wie werde ich Verkehrsingenieur/in?

Tageslicht und Ausblick – Welches Dachfenster sich eignet

Tageslicht und Ausblick – Welches Dachfenster sich eignet

Chris Froome gewinnt zum vierten Mal die Tour de France

Chris Froome gewinnt zum vierten Mal die Tour de France

US-Golfstar Jordan Spieth gewinnt 146. British Open

US-Golfstar Jordan Spieth gewinnt 146. British Open

Meistgelesene Artikel

Sattelzug hat 17 Tonnen Hühnerkot zu viel geladen

Sattelzug hat 17 Tonnen Hühnerkot zu viel geladen

Das Herz der Stadt ist seit 30 Jahren autofrei

Das Herz der Stadt ist seit 30 Jahren autofrei

Aus Freundschaft wurde er zum Straftäter

Aus Freundschaft wurde er zum Straftäter

Kommentare