Kabarettist Arnulf Rating kommentiert Schlagzeilen im Trommelwirbeltakt

Hämische Salven und Lektionen in PR

Im Höllentempo durch das Weltgeschehen: der Kabarettist Arnulf Rating im Rotenburger Kantor-Helmke-Haus. Foto: Bergmann

Rotenburg - Von Lutz Bergmann. Es ist nicht leicht, schreibender Journalist zu sein, wenn man den Auftrag hat, über einen Auftritt von Arnulf Rating zu berichten. Denn so schnell wie der Politikkabarettist redet, kann eine Hand kaum schreiben. Rating stürmt gleich zu Beginn auf die Bühne und erklärt im Tempo einer Maschinengewehrsalve, dass heute nicht sein Tag sei. Die Bahn habe Verspätung gehabt und er sei eben noch seinen Schlüssel vom Hotel holen gewesen. Dann setzt er sich an einen Tisch auf der Bühne, holt ein halbes Hähnchen raus und isst es genüsslich vor den Zuschauern.

„Ich esse kein Fleisch“, sagt er. Das seien nur Stabilisatoren, Hormone und Antibiotika. „Wenn ich das esse, muss ich ein Jahr nicht mehr zum Arzt.“ So viel zum Fleischessen. Und dann knüpft sich Rating noch die Gemüseesser vor, von denen es in Berlin, wo er wohnt, so viele gebe. Da könne man alles in Gemüse kaufen, erzählt er.

So wie über Ernährung spricht Rating am Donnerstagabend im Rotenburger Kantor-Helmke-Haus auch über die Digitalisierung, die Bundeswehr, die Schule und die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Zu all diesen Themen hat der Kabarettist ausgefallene Gedanken. Mal präsentiert er die, indem er Schlagzeilen aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder der Bild vorliest, mal schlüpft er in Kostüme, zum Beispiel in das eines Bundeswehroffiziers. Egal, welcher Gedanke es ist, er wird extrem schnell präsentiert. Für diese Art des politischen Kabaretts hat Rating erst im Jahr 2019 den Bayerischen Kabarettpreis gewonnen.

Zurück auf die Bühne: In einer Zeitung stößt Rating auf das Bild des CDU-Politikers Philipp Amthor. „Das sind die Leute, mit denen früher in der Schule keiner gespielt hat“, sagt er. Die stünden morgens um zwei Uhr auf, um Texte auswendig zu lernen, die sie dann im Morgenfernsehen vortragen. Das Publikum lacht zurückhaltend. Aus einer anderen Zeitung zitiert er Robbie Williams. Der sagt, dass er durch seine Kinder ein besserer Mensch geworden sei. Rating weiß dazu, dass der Papst das von sich nicht behaupten könne. Aber der Papst habe sich entschuldigt, sagt er, zückt eine „taz“, die das seiner Meinung nach gut zusammengefasst hätte. Auf dem Titel steht: „Papst zieht den Schwanz ein“. Erneutes Gelächter.

Dann beschwert sich Rating darüber, dass alle zu viel arbeiten. Und weil alle so viel arbeiten, werde auch so viel Plastik produziert. Jedenfalls gebe es so viel Plastik, dass mittlerweile in dem Magen eines Wals 100 Kilogramm davon gefunden wurden. Wiener Wissenschaftler hätten mittlerweile sogar im Stuhl von Menschen Plastik gefunden, berichtet der Kabarettist. „Demnächst müssen wir in den Gelben Sack kacken“, sagt er. Und dann bittet er die Zuschauer, sich im 20-Minuten-Nichtstun zu üben – und läutet damit die Pause ein.

In der zweiten Hälfte geht es wesentlich ernster zur Sache. Rating gibt eine Einführung in die Propaganda des Österreichers Edward Bernays, Mitbegründer der Propaganda, die später in Public Relations umbenannt wurde. Der habe gesagt, dass man erst einen Bedarf schaffen müsse und dann komme die Nachfrage. Also erst eine Plattform schaffen, wo man sein Gesicht präsentieren muss und dann die Geräte, mit denen man die Gesichter fotografieren kann. Er spielt damit auf Facebook und Smartphones an. Im Saal ist es ganz still.

Eben jener Bernays, erklärt Rating weiter, habe gesagt, dass wir regiert, unser Verstand geformt, unsere Geschmäcker gebildet und unsere Ideen größtenteils von Männern suggeriert werden, von denen wir nie gehört haben. Die bewusste und zielgerichtete Manipulation gehöre zur Demokratie dazu. Dann präsentiert er mit Beispielbildern, wie Bernays der Zigarettenindustrie verholfen hat durch psychologische Tricks ihre Ware an den Mann zu bringen. Das Lachen hat nun ein Ende.

Doch nur kurz. Denn dann folgen wieder Schlagzeilen und dann das Ende. Nein, doch nicht. Es kommt noch eine Zugabe. In der spielt Rating die Krankenschwester Petra. Die berichtet, dass eine Kuh im Supermarkt Milch einkaufen gegangen sei. Die Kassiererin habe dann gefragt, warum sie die Milch nicht selber mache. Woraufhin die Kuh nur geantwortet habe, dass sie das so billig nicht hinkriegen würde.

„Die zweite Hälfte war besser“, fand eine Zuschauerin nach der Aufführung. Ein anderer Zuschauer sagt, dass der Rating gut Bescheid wisse, was in den Medien so abgehe und eine dritte Zuschauerin erklärte, dass sie mehrmals herzhaft hätte lachen können. Insgesamt wirken die Zuschauer sehr zufrieden. Ganz anders sieht es bei dem Autor dieses Textes aus. Der muss sich an diesem Abend um sein lädiertes Handgelenk kümmern. So schnell mitschreiben musste er schon lange nicht mehr.

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