Rotenburgs Landrat Luttmann blickt zurück und voraus auf die letzten Dienstmonate

Gute Zahlen und das Virus

Hermann Luttmann blickt auf sein letztes Jahr als Landrat voraus – und zurück auf ein durch die Pandemie geprägtes Jahr 2020.
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Hermann Luttmann blickt auf sein letztes Jahr als Landrat voraus – und zurück auf ein durch die Pandemie geprägtes Jahr 2020.

Rotenburg – Hermann Luttmann wollte noch einmal ganz weit ausholen. Knapp 15 Jahre Landratsarbeit hatte der 63-jährige Chef der Kreisverwaltung in seine Haushaltsrede gepackt, doch dann fiel sie aus – coronabedingt, wie so vieles in diesem seltsamen Jahr. Man hatte sich am Donnerstag für die Kreistagssitzung darauf geeinigt, Redebeiträge kompakt zu halten. Fast 100 Millionen Euro Schulden waren es zu Beginn seiner Amtszeit, die Kreisumlage lag bei weit über 50 Prozentpunkten. „Von einem Schulprojekt wie in Bremervörde konnten wir damals nur träumen“, sagt Luttmann ein paar Tage später an diesem Montagmittag im Kreishaus, in das so langsam die Festtagspause einzieht. Über Geld wurde zuletzt in der Kreispolitik viel geredet, es ist aktuell ja auch noch viel da. Der Landrat blickt zum Ende des Jahres aber auch viel zurück auf seine gesamte Amtszeit, die im Oktober endet: „Ich hätte eigentlich gerne noch viel mehr Schulden gehabt, wenn ich daran denke, was in Schulen und Verwaltungsgebäuden nicht gemacht werden konnte.“

Investitionsstau, fehlende Kapazitäten: Bei aller Freude über die Millionenüberschüsse im Kreishaushalt und die Entlastungspakete für die Kommunen betont Luttmann gerade im Pandemiejahr, wie hoch die Belastung für die gut 1 000 Mitarbeiter der Verwaltung war. Dafür gebe es zwar oft Lob von der Politik, aber leider ändere das nicht immer was. Auch in den jüngsten Haushaltsdebatten tauchten verschiedene „Prüfaufträge“ für die Verwaltung auf, politische Wünsche, vielleicht schon dem nahenden Wahlkampf geschuldet, für die sein Personal gar keine Kapazitäten habe. „Die Rücksichtnahme tendiert bei manchem Kreispolitiker gegen Null“, kritisiert Luttmann. Dass er dann in der Öffentlichkeit durchaus mal ruppig oder genervt erscheine, wisse er selbst. „Da bin ich dann kein guter Politiker, weil man mir schnell ansieht, wie meine Gemütsverfassung ist“, sagt er mit einem leichten Grinsen. Klar sei auch ihm: „Wenn sie der Politik einen Haushalt mit sieben Millionen Euro Überschuss vorlegen, muss man ein Jahr vor der Wahl aber damit rechnen, dass Wünsche auf den Tisch kommen.“

Corona war und ist das große Thema, mit der Ausweisung der Naturschutzgebiete an Wümme und Oste sowie dem Beginn der Schulbaumaßnahmen in Bremervörde habe man aber auch andere wichtige Dinge abgearbeitet, die er in seiner Amtszeit „vom Tisch“ haben wollte. Die Coronakrise sei „die Stunde der Exekutive“ gewesen, in der sich die Kreisverwaltung als Krisenmanagerin bewährt habe, aber die Politik sei eben nicht außen vor geblieben. Keine einzige Sitzung habe man abgesagt, die Entscheidungen konnten getroffen werden. Die Pandemie werde auch 2021 bestimmen und damit seine letzten zehn Monate im Amt. „Diese zusätzliche Aufgabe hätte ich mir gerne erspart“, sagt Luttmann. Man sei darüber hinaus als Landrat gut beraten, in einem Wahljahr nicht vorzuhaben, allzu umstrittene Entscheidungen treffen zu wollen. Ziel sei es, seinem Nachfolger „ein geordnetes Haus“ übergeben zu können.

„In Etappen“, sagt Luttmann, werde er mit seiner Familie coronabedingt nun die Feiertage verbringen. Die drei Kinder im Alter zwischen 25 und 28 reisen aus Hannover, Dortmund und Süderwalsede nach und nach an, es bleibe viel Zeit, um auch mal durch sein Jagdrevier am Bullensee zu streifen und dieses verrückte Jahr Revue passieren zu lassen. Dass er mit dem, was im Frühjahrs-Lockdown in Berlin oder Hannover entschieden wurde, oft gehadert hat, konnte man ihm schon damals nicht nur ansehen, er hat es auch offen gesagt und sagt es noch immer: „Das, was wir im Frühjahr getan haben, war für unsere Region zu viel.“ Es habe sich dadurch über den Sommer auch die gedankliche Tendenz durchgesetzt: „Alles, was nicht verboten ist, ist erlaubt.“ Luttmanns Hoffnung war und ist es, mehr auf Eigenverantwortung zu setzen. Diese Einsicht sei wohl aber nicht zu allen durchgedrungen. Und so seien die jetzigen Maßnahmen „im Großen und Ganzen richtig“ – selbst wenn die Zahlen vor Ort vergleichsweise niedrig seien. Nur müsse man mit den eigenen Krankenhäusern wohl bald auch anderen helfen. Luttmann: „Aus diesem Jahr bleibt die Gewissheit, dass die Wirklichkeit häufig ungemein komplex ist. Gerade der Verlauf der Pandemie hat gezeigt, dass die häufig gewünschten einfachen Antworten nicht die richtigen sind.“

Luttmann ist aber nicht nur Landrat und damit Chef der Kreisverwaltung, sondern er ist auch Politiker. Und als langjähriges Mitglied der CDU weiß er auch mit Blick aufs kommende Jahr, wen er an der Spitze seiner Partei und schließlich auch im Kanzleramt als Nachfolger von Angela Merkel sehen möchte: „Ich würde Merz wählen.“ Tatsächlich hat die Kreis-CDU ihre rund 1 700 Mitglieder dazu aufgefordert, in diesen Tagen ihren Favoriten auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur mitzuteilen. Armin Laschet, Norbert Röttgen oder Friedrich Merz: Anfang Januar soll das Ergebnis aus der Region vorliegen. Beim Online-Bundesparteitag Mitte Januar wollen sich die Kreis-Delegierten Svenja Frerichs, Marco Mohrmann, Eike Holsten und Marco Prietz an dieses Meinungsbild halten. „Die Unterschiede zwischen den Parteien müssen wieder deutlicher werden“, fordert Luttmann eine klarere Kante der CDU, und das traue er Merz eben am besten zu. Dabei gehe es auch darum, der AfD weniger Raum zu geben. Aber: „Wahlen werden in der Mitte gewonnen“, so Luttmann zum Profil seiner Partei.

Bei der Frage nach seinem möglichen Nachfolger im Amt, Parteifreund Marco Prietz, ist er ebenso deutlich. Im Wahlkampf werde er sich als Landrat neutral verhalten, aber gefragt als Politiker antworte er: „Er ist auf jeden Fall ein guter Kandidat.“ Das habe zuletzt Prietz‘ Haushaltsrede im Kreistag bewiesen. Für die habe der 32-Jährige kräftigen Applaus erhalten, selbst von der SPD – die noch keinen Kandidaten hat.

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