Rosemarie Harms sagt den Stammkunden ihres Kiosks Ende des Jahres Tschüss

Die gute Seele der Goethestraße macht Silvester Schluss

Rosemarie „Rosi“ Harms (r.) öffnet ihren Kiosk an der Goethestraße in Rotenburg, in dem auch Anja Kröger beschäftigt ist, Silvester zum letzten Mal. - Foto: Klein

Rotenburg - Von Manfred Klein. „Sie ist eine Institution“ – „Sie ist die Grand Dame der Goethstraße“ – „Sie ist uns ans Herz gewachsen“ – „Sie ist die gute Seele der Stadt“. Wer anfängt, unter den Kunden nachzufragen, wie sie zu Rosemarie „Rosi“ Harms stehen, der hört ein Loblied auf eine „fleißige, humorvolle Frau“. Rosemarie Harms öffnet ihren Kiosk mit Toto-Lotto-Annahmestelle im Haus der Sparkasse an der Goethestraße in Rotenburg Ende des Jahres zum letzten Mal.

Eigentlich sollte oder wollte „Rosi“, wie alle sie nennen, die sie kennen, schon 2011 in Rente gehen, aber ihre Umsatzzahlen waren so hervorragend, dass Toto-Lotto Niedersachsen die damals 65-Jährige fragte, ob sie nicht noch fünf Jahre dranhängen wolle. Rosemarie wollte. Aber dann soll auch Schluss sein. Mehr als 32 Jahre hat Rosemarie Harms ihren Kiosk im Sparkassenhaus Werktag für Werktag geführt, gemanagt, mit Leben gefüllt. Ihr erfolgreiches Wirken spiegelt sich auch darin wider, dass 98 Prozent ihrer Kunden – „vom Bettler bis zum Professor“, wie sie erzählt – Stammkunden sind.

Im Gespräch mit dieser Zeitung nennt sich Rosi selbst „ein Flüchtlingskind“. Ihre Großeltern waren Vertriebene aus Schlesien. Am 7. Januar 1947 erblickte Rosemarie das Licht der Welt in Dörpe/Bad Pyrmont (Kreis Hameln), eingeschult wurde sie in einem Ort an der Mosel. 

Verkaufen ist ihr Ding

Schließlich verschlug es sie in jungen Jahren nach Rotenburg. Dort war Rosemarie drei Jahre in einem Käseladen am Neuen Markt tätig. Dann arbeitete sie zehn Jahre lang in der Schlachterei Stelling an der Mühlenstraße. Verkäuferin war ihr Ding, „und von ,Mutter Stelling‘ habe ich sehr viel gelernt.“ In Rotenburg lernte Rosi auch ihren Mann Dieter Harms kennen, der zu dieser Zeit bei Ytong Rotenburg arbeitete und nebenher auch als Filmvorführer im Gloria Cinema an der Mühlenstraße aktiv war. Hochzeit feierten Rosemarie und Dieter Harms am 7. Februar 1969.

Die Weichen zum Kiosk wurden 1980 gestellt, als Rosemarie Harms die Anfrage von der Scheeßeler Firma Nielebock erhielt, ob sie nicht den Kiosk im sogenannten Ärztezentrum übernehmen wollte. Rosemarie wollte. Sie führte das Geschäft für Zeitschriften, Tabakwaren, Süßigkeiten, Toto-Lotto zunächst alleine. Später kam dann auch Dieter hinzu. 

Der Eingang zum Geschäft war Richtung Burgstraße ausgerichtet, wo viele Schulkinder entlangliefen, die gerne bei Rosi wegen Süßigkeiten vorbeischauten. Das Geschäft blühte, und die Räumlichkeiten waren schließlich sehr beengt. Mit dem Neubau der damaligen Kreissparkasse Rotenburg am Pferdemarkt wurden Räumlichkeiten zur Goethestraße hin verpachtet, und Rosemarie und Dieter Harms entschieden, ihren Kiosk Anfang Oktober 1984 dorthin zu verlegen.

Umzug hat sich gelohnt

Und es war eine richtige Entscheidung, weiß Rosemarie Harms. Als ihre treue Seele und Ehemann Dieter im Jahr 2002 starb, führte Rosemarie den Laden alleine weiter. „Geld ist nicht alles, aber man muss ja von etwas leben“, nennt Rosi eine ihrer Lebensphilosophien. Das Wort „Urlaub“ kennt sie eigentlich nicht. „Wir mussten ja Tag für Tag arbeiten, und den Kiosk geöffnet halten.“ Dennoch lernte Harms die Welt ein bisschen kennen. 

Wegen hervorragender Umsätze bekam sie von Toto-Lotto Niedersachsen immer wieder Kreuzfahrten und Urlaubsreisen als Prämien zugewiesen. So lernte Rosi Amerika kennen, Afrika, die Türkei, Jugoslawien, die Schweiz und England. Weiße Flecken auf der Landkarte der Erde will sie vielleicht in ihrem Ruhestand besuchen. Zum Start in dieses neue Leben ab Neujahr 2017 will Rosemarie Harms aber erst mal etwas Ruhe haben und zu sich selbst finden. Wer Rosi kennt, weiß, dass sie ihre Hände nicht in den Schoß legen kann, und sie wird sich sicher neue Aufgaben stellen. „Ja, mal sehen, was sich ergibt“, sagt sie mit einem Schmunzeln in ihrer unverwechselbaren Art.

„Haben uns immer wieder aufgerappelt“

„Natürlich haben wir in all den Jahren auch Höhen und Tiefen erlebt“, erinnert sich Kiosk-Frau Rosi, „aber wir haben uns immer wieder aufgerappelt, um den Laden in Schwung zu halten. Das sind wir doch den Kunden schuldig, ohne das geht es nicht.“ In den vergangenen 20 Jahren hat Rosi maßgebliche Unterstützung durch ihre Mitarbeiterin Anja Kröger erfahren. Kunden sprechen von einem „Dream-Team“, die beiden würden sich blind verstehen. Hand in Hand und mit Verstand wuppen Anja und Rosi den Laden perfekt. Und so wird Rosi, die „Grand Dame“ der Rotenburger Kioskszene, wie ein pensionierter Autohändler und Stammkunde sagt, ihre Arbeit bis Silvester vorbildlich zu Ende führen.

Cornelia Müller, die im Namen der Rotenburger Kreiszeitung Rosi und Dieter Harms in der Anfangszeit werbekreativ betreute, erinnert sich an die Anfangsjahre vor Jahrzehnten, „als sei es gestern gewesen“. Cornelia Müller wohnte seinerzeit an der Bahnhofstraße in Rotenburg, ihre Lebensmittelpunkte sind heute Heeslingen und Hamburg. Müller erinnert sich: „Rosi und Dieter waren mir immer so etwas wie ein bisschen Heimat in Rotenburg. Und sind es, wenn ich jetzt an sie denke. Weil dort in ihrem Geschäft das lebt, womit ich selbst aufgewachsen bin.“ Müller habe sich im Kiosk von Harms „wie zuhause gefühlt, weil ich wusste, wie viel Arbeit dahinter steckt, aber auch, mit wie viel Fürsorge Rosi Harms ihr Geschäft betreibt.“

Ehrliches Interesse

Es sei kein Zufall, dass so viele Leute damals wie heute dort mal eben für ein paar Minuten einkehrten. „Weil dort eben mit ganzem Herzen gearbeitet wird“, weiß Müller. Von jedem kenne Rosi die Geschichte, bei jedem frage sie nach, „und das immer mit ehrlichem Interesse“. Für Rotenburg sei es „richtig richtig schade, wenn Rosi – hilfsbereit, fleißig, offenherzig, gut sortiert – für immer ihre Tür abschließt“. Der Name Harms, so Müller, „ist für mich Programm und steht für ein Kleinunternehmen mit viel Herz“.

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