Anja Borngräber über das Glücksspiel im Internet

„Gute Konzepte erforderlich“

Einen klaren Spielerschutz fordert Anja Borngräber bei Glücksspielen im Internet.
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Einen klaren Spielerschutz fordert Anja Borngräber bei Glücksspielen im Internet.

Rotenburg – Von Sommer kommenden Jahres an soll das Glücksspiel im Internet in Deutschland erlaubt sein. Bisher waren nur in einem Bundesland – Schleswig-Holstein – Online-Glücksspiele zugelassen. Jetzt wollen die anderen Bundesländer nachziehen. Ein Glücksspielneuregulierungsstaatsvertrag ist unterschrieben und soll als Grundlage dienen. Es geht um Online-Sportwetten und Casinospiele im Netz. Vorgesehen ist darüber hinaus eine neue zentrale Glücksspielbehörde, die ihren Sitz in Sachsen-Anhalt hat. Die neue Behörde soll künftig Aufgaben der Glücksspielaufsicht vor allem im Internet wahrnehmen und zum 1. Juli 2021 errichtet werden., heißt es. Vor diesem Hintergrund haben wir Anja Borngräber von der Fachstelle Sucht- und Suchtprävention im Landkreis Rotenburg – eine Einrichtung unter dem Dach des Vereins Therapiehilfe – Fragen zu diesem Thema gestellt.

Frau Borngräber, was halten Sie von den Planungen auf Bundesebene, Glücksspiel im Internet künftig zu legalisieren?

Aktuell ist die Glücksspielregulierung Aufgabe der Bundesländer. Eine Legalisierung von Online-Glücksspielen sollte erst erfolgen, wenn der Spielerschutz durch eine gemeinsame, alle Bundesländer umfassende, Aufsichtsbehörde gewährleistet ist. Parallel bedarf es Instrumente zur Eindämmung der illegalen Angebote.

Die Rede ist dabei ja auch vom Glücksspielneuregulierungsstaatsvertrag, der das alles regeln soll. Geplant seien demnach auch Vorgaben. Zum Beispiel die, dass für Spieler monatlich ein Einzahlungslimit von 1 000 Euro vorgesehen ist. Reicht das aus?

Im Vergleich zum monatlichen Durchschnittseinkommen in Deutschland ist ein Limit von 1 000 Euro deutlich zu hoch angesetzt. Der Fachverband Glücksspielsucht schlägt eine Summe von 450 Euro pro Monat vor. Diese Summe könne ein Haushalt verkraften, ohne in Existenznöte zu kommen. Ein Einsatzlimit hat jedoch keinen Einfluss auf ein exzessives Spielverhalten, und somit wird die Gefahr einer Suchtentwicklung durch ein Limit nicht verhindert.

Es ist ja nicht so, dass Glücksspiel online bisher nicht möglich war. Ist es also gut, es nun zu legalisieren und damit auch zu regulieren?

Bei Online-Casinospielen handelt es sich um eine hochriskante Form des Glücksspiels, deshalb ist eine strenge Regulierung nötig. Spieler verlieren bis zu mehrere tausend Euro innerhalb einer Nacht, teilweise auf Kredit. Der Anteil der problematisch spielenden Glücksspieler ist unter den Online-Casinospielern auffallend hoch.

Es gibt Glücksspielkritiker, die sagen: Lieber die Angebote auch bei uns zu erlauben, um sie damit auch kontrollieren zu können. Schließen Sie sich dieser Meinung an?

Die Online-Glücksspiele werden aktuell schon unreguliert genutzt. Die besondere Gefährdung der Nutzer durch ständige und einfache Verfügbarkeit erfordern gute Konzepte zum Spielerschutz. Erst wenn diese umgesetzt werden, zum Beispiel durch die Aufsichtsbehörde, sollte der Markt geöffnet werden.

Sie haben in Ihrer täglichen Arbeit mit unterschiedlichen Fällen von Glücksspielsucht zu tun. Wie ist da die Entwicklung bei uns im Landkreis?

Der größte Anteil der Ratsuchenden hat Probleme mit dem Automatenspiel in Spielhallen vor Ort, gefolgt von Online-Glücksspielern. Hier sind besonders die Online-Casinos und Online-Sportwetten zu nennen.

In Corona-Zeiten ist es sicherlich für Sie gar nicht so einfach, zusätzlich zur Beratung auch noch Präventionsarbeit zu leisten. Wie ist da der Stand der Dinge?

In der gesamten Corona-Zeit ist die Fachstelle für ratsuchende Spieler und Angehörige geöffnet. Die Beratungen werden zeitweise telefonisch durchgeführt. Präventionsveranstaltungen fanden eingeschränkt beziehungsweise nicht statt. Nach einer kurzen Pause findet auch wieder die angeleitete Selbsthilfegruppe für Spieler jeden Montag von 18 bis 19.30 statt. Wir haben ein entsprechendes Hygienekonzept erstellt.

Wie hoch ist eigentlich schon jetzt der Online-Anteil bei der Glücksspielsucht?

In der Fachstelle ist eine deutliche Zunahme von Online-Spielern zu verzeichnen. Der größte Anteil der Ratsuchenden hat jedoch Probleme mit dem Automatenspiel vor Ort.

Wie können Sie den Menschen konkret helfen, die davon nicht mehr loskommen?

In einem Erstgespräch ermitteln wir den Hilfebedarf und die Veränderungsbereitschaft. Wir können dann, je nach Schwere und Stadium der Erkrankung, Beratungsgespräche führen, in die Selbsthilfe oder ambulante oder stationäre Reha vermitteln.

Wie sehen die Folgen dieser Sucht aus – abgesehen von den finanziellen Problemen?

Die Folgen können gravierend sein, nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für die Angehörigen, Lebenspartner und besonders die Kinder. Neben den Problemen, wie Verlust der Wohnung oder Arbeitsstelle, ist vor allem der Vertrauensverlust durch das heimliche Spielen und das Lügengerüst eine große Belastung, unter der die gesamte Familie leidet. Nimmt der Betroffene keine Hilfe in Anspruch, kann der psychische Druck sogar bis zum Suizid führen. Von allen Süchten ist die Suizidrate der Glücksspielsucht am höchsten. Deshalb ist die Glücksspielsucht ein sehr ernst zu nehmendes Krankheitsbild.

Extreme Spieler brauchen immer wieder neues Geld. Wie viel Fantasie entwickeln sie, um an Bares zu gelangen?

Viele Spieler entwickeln sehr viel Fantasie und bauen ganze Lügengebäude auf, um an Geld zu kommen oder um ihr Spielen geheim zu halten. Können sie ihr Spielen nicht mehr kontrollieren, haben sie große Schuld- und Schamgefühle und setzen alles daran, ihre Spielsucht zu verheimlichen.

Haben wir es in diesem Bereich auch mit Beschaffungskriminalität zu tun?

In der sogenannten Verzweiflungsphase der Spielsucht kommt es auch zu strafbaren Handlungen. Dies geht vom Plündern der Sparschweine der Kinder, Bestehlen von Freunden oder den Griff in die Firmenkasse bis hin zu Unterschlagung von Geldern und Schlimmeres.

Haben Sie Details zu durchschnittlichem Alter von Glücksspielsüchtigen? Sind mehr Männer als Frauen betroffen?

In die Beratungsstelle kommen zu 80 Prozent Männer, der größte Anteil ist im Alter von 25 bis 40 Jahren.

Spielhallen wieder dicht – eine Chance für den ersten Schritt zum Ausstieg aus der Sucht

Bedingt durch die Corona-Krise waren im Frühjahr die stationären Glücksspielangebote in Niedersachsen für zweieinhalb Monate nicht verfügbar – so, wie auch jetzt im November. Diese Zeit sei für Glücksspielesüchtige die Chance, unter erleichterten Bedingungen den ersten Schritt zum Ausstieg aus der Sucht zu schaffen. Das teilt die Fachstelle für Sucht und Suchtprävention im Landkreis Rotenburg mit. Alleine in Niedersachsen weisen demnach rund 22 000 Menschen ein problematisches Glücksspielverhalten und sogar 19 000 Menschen eine Glücksspielsucht auf. Eine glücksspielsüchtige Person schädige etwa zehn weitere Personen aus dem eigenen sozialen Umfeld. Die Lebensführung werde durch die Spielsucht stark negativ beeinflusst. Folgen seien der Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen. Der permanente Stress, häufig verursacht durch Überlegungen zur Geldbeschaffung, der mit dem Glücksspiel einhergeht, wirke sich auch negativ auf die Gesundheit der Spieler aus.

In Niedersachsen gibt es rund 700 000 suchtkranke Menschen. Die Coronakrise begünstige einen erhöhten Konsum von Suchtmitteln und trage außerdem dazu bei, dass mehr Menschen Rückfälle erleiden. Etwa 50 000 Betroffene fanden im vergangenen Jahr Hilfe und Unterstützung in den 75 ambulanten Suchtberatungsstellen. Deren wertvolle Arbeit jedoch sei bedroht, weil die Finanzierung nicht ausreiche. Darauf weist die Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen (NLS) hin. Im Namen der Träger und Verbände der Suchthilfeeinrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege fordert die Vorsitzende der NLS, Evelyn Popp, eine Aufstockung der finanziellen Förderung des Landes um eine Million Euro.  men

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