Gunda Tienken-Eggers und Erik Voß an den BBS verabschiedet

„Der Duft von Ölfarbe und Terpentin“

Nehmen Abschied von den BBS in Rotenburg: Erik Voß und Gunda Tienken-Eggers.
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Nehmen Abschied von den BBS in Rotenburg: Erik Voß und Gunda Tienken-Eggers.

Seit 34 Jahren ist Erik Voß Lehrer an den Berufsbildenden Schulen in Rotenburg, Gunda Tienken-Eggers unterrichtet dort seit immerhin 33 Jahren - Mittwoch ist für beide der letzte Schultag. Bevor sie sich in den Ruhestand verabschieden, berichten sie, wie sich ihre Arbeit mit den Schülern in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat und was sie für die Zukunft planen.

Rotenburg – Mit Gunda Tienken-Eggers und Erik Voß verlassen zum Schuljahresende fast sieben Jahrzehnte Geschichte die Berufsbildenden Schulen (BBS) in Rotenburg. Am Mittwoch stehen sie zum letzten Mal vor einer Klasse.

Tienken-Eggers vermittelte den angehenden Friseurinnen 33 Jahre lang die Grundlagen der Körperpflege und unterrichtete Religion – sie ließ es zum Beispiel zu, dass Auszubildende zu Übungszwecken die Haare ihrer Lehrerin halbseitig blondierten.

Voß trat in die Fußstapfen seines Vaters, der ebenfalls Berufsschullehrer war, und vertraute dabei auf seine Nase: „Ich verfolgte schon als Kind den Unterricht der Maler. Vielleicht war es der ätherische Duft von Kit, Ölfarbe und echtem Terpentin, der mich gereizt hat“, sagt Voß und lacht. 34 Jahre unterrichtete der 65-Jährige Farbtechnik und Englisch.

Er hatte Glück, dass er im August 1987 eine Stelle als Lehrer an der Berufsschule antreten durfte. Denn eigentlich herrschte damals Einstellungsstopp in Niedersachsen. „Es wurden vier Stellen aus der Schublade geholt, eine davon bekam ich“, erinnert sich Voß.

Als er seinen Dienst antrat, galt der Ausbildungszweig Maler an den BBS wegen der geringen Schülerzahlen als verloren. „Damals wurde mir klar, wie lohnenswert Netzwerkarbeit ist. Es hat mir geholfen, dass ich Plattdeutsch kann – denn so war ich sofort mittendrin. Es ging damals ein Ruck durch die Malerinnung. Mit Präsentationen an den abgebenden Schulen haben wir es geschafft, die Schülerzahlen an den BBS zu festigen. Das war lange, bevor überhaupt jemand an die Ausbildungsmesse dachte. Dieser Schulterschluss hat sich über Jahrzehnte gehalten. Auf die Malerinnung war in all den Jahren immer Verlass“, so Voß.

Auch sein Zweitfach Englisch bereitete ihm große Freude. Besonders dann, wenn zunächst schüchterne Schüler sich trauten, die Fremdsprache frei zu sprechen. „Aber es entwickelte sich auch zu einem sehr intensiven Korrekturfach. Damit hatte ich nicht gerechnet.“

Als Voß den Bereich Öffentlichkeitsarbeit übernehmen sollte, war er zunächst nicht begeistert. Doch er wuchs in die Aufgabe hinein, die sich für ihn Stück für Stück zu „einem zweiten Vollzeitjob“ entwickelte. Er bestückt seit 2014 die Facebook-Seite der BBS, füllt das BBS-eigene Magazin Blaustift und ist seit der ersten Stunde Mitinitiator der Ausbildungsmesse.

Das Messeteam habe den Job eines Arbeitsamtes erledigt. In der Anfangszeit sei es darum gegangen, junge Menschen, die es bis dahin nicht geschafft hatten, in eine Ausbildung zu bringen. Mit der Zeit habe sich das Blatt aber gewendet. „Inzwischen sind es die Betriebe, die händeringend nach qualifiziertem Nachwuchs suchen“, so Voß. Die BBS und die Innungen verfolgen dabei dasselbe Ziel, erklärt er: „Wir sitzen in einem Boot, denn ohne genügend Auszubildende verändern sich auch die Schülerzahlen in den BBS.“

Voß koordinierte die Pressearbeit und war für die Plakatentwürfe für die Ausbildungsmesse zuständig, die immer Schüler der BBS zeigten. „Die Ideen habe ich zusammen mit meinem Sohn Hendrik umgesetzt“, so Voß.

Als eine Lehrkraft für Körperpflege an den BBS gesucht wurde, bewarb sich Gunda Tienken-Eggers. Sie unterrichtete zunächst weiterhin in Stade, ehe sie fest nach Rotenburg wechselte. Ihr Abschied in dieser Woche fällt ihr schwer: „Ich werde die Kollegen und ,meine‘ Auszubildenden vermissen. Ich habe in der Coronazeit viele positive Rückmeldungen erhalten. Meine Schüler sind mir sehr ans Herz gewachsen.“

Genauso geht es Voß: „Das Miteinander hat mir immer viel bedeutet, die Herzlichkeit der Schüler. Aber auch die gute Zusammenarbeit innerhalb des Kollegiums – inzwischen gibt es viele junge Lehrer, die neu dabei sind.“

Die Arbeit an den BBS erfüllte Gunda Tienken-Eggers und brachte ihr auch privates Glück: „Ich habe hier meinen Mann Erwin kennen und lieben gelernt. Das lässt die Schulzeit natürlich zusätzlich in einem positiven Licht zurück. Ich freue mich darauf, nun mehr Zeit mit ihm zu haben, auf gemeinsame Reisen und spontane Besuche bei unserer Tochter und mehr Zeit für meine Tiere.“

Der Abschied falle ihr trotzdem schwer: „Ich war immer traurig, wenn die gemeinsame Zeit mit den Schülern nach drei Jahren endete. Darunter waren viele Auszubildende, die trotz ihres noch jungen Alters bereits mit beiden Beinen im Leben standen. Einige mussten ihre Ausbildung meistern und nebenbei ein Kind versorgen.“

Tienken-Eggers erinnert sich an viele besondere Momente: „Ich habe zum Teil mehrere Generationen einer Familie unterrichtet, in einem Fall sogar einmal die Enkeltochter einer ehemaligen Schülerin. Ich mochte besonders Auszubildende, die mitgedacht und mich gefordert haben. Eine Schülerin war mal unzufrieden mit ihrer Benotung und hat gesagt: ,Sie sind doch Christin, sie müssen mir doch die Punkte geben.‘“

Erik Voß lagen besonders die Schüler aus den Ortschaften am Herzen: „Zum Beispiel von der Dorfjugend in Waffensen. Das waren immer Macher.“ Der Umgang habe sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert, hat Tienken-Eggers beobachtet: „Die Gespräche sind insgesamt offener als früher. Heute berichten mir die Schülerinnen auch von ihrem Liebeskummer.

Es sei ein gegenseitiges Lehren und Lernen geworden: „Technisch sind uns die Schüler weit voraus. Wenn sie uns etwas zeigen können, freuen sie sich und sind stolz. Ich hatte damit nie ein Problem, im Gegenteil: Mir hat das immer gefallen.“

Nachdem Erik Voß seine letzte Unterrichtsstunde beendet und aufgeräumt hat, möchte er sich nur noch selten an den BBS blicken lassen. „Ich mag es nicht, wenn ehemalige Kollegen dort immer herumschleichen. Aber die Ausbildungsmesse werde ich mir bestimmt trotzdem noch einmal anschauen, wenn sie endlich wieder im großen Rahmen veranstaltet werden kann. Außerdem habe ich mich bereit erklärt, Schriftführer der Malerinnung zu werden – ich bin also nicht so ganz weg.“

Ich möchte Prellböcke fotografieren. Sie sind für mich ein Symbol der Endlichkeit.

Erik Voß

Ansonsten genieße er es aber, den Stundenplan hinter sich zu lassen: „Ich freue mich auf mehr Ruhe und kann endlich auch außerhalb der Ferien Urlaub machen. Zeit wird für mich ganz neu definiert.“ Voß, der vor kurzem Großvater geworden ist, freut sich außerdem auf Zeit mit Enkelin Nora.

Er möchte sich zudem einem besonderen Hobby widmen, für das er bislang noch keine Zeit hatte: „Ich möchte Prellböcke fotografieren. Sie sind für mich ein Symbol der Endlichkeit.“

Mit Gunda Tienken-Eggers endet auch eine Ära. Denn weil die Ausbildungszahlen im Friseurberuf zurückgehen, werden ihre Schüler künftig an den BBS in Zeven unterricht. „Hier in Rotenburg ist leider Schluss. Das tut mir schon weh.“

Die Zeit der Corona-Pandemie hätten beide mit ihren Schülern insgesamt gut gemeistert und beispielsweise viel in Whatsapp-Gruppen kommuniziert. „Dadurch war ich aber immer erreichbar, einen Feierabend gab es in der Zeit kaum noch, nicht einmal an den Wochenenden“, erklärt Gunda Tienken-Eggers.

„Für mich war es außerdem sehr anstrengend, weil wir nie wussten, wie es weitergeht. Einige Schüler, die vorher wirklich gut waren, haben wir auf diesem Weg sogar verloren. Sie haben sich nicht mehr gemeldet. Da hatte eine Art Depression eingesetzt. Das ist sehr schade“, so Voß.

Für beide steht am Ende ihrer Laufbahn fest: Sie haben den richtigen Job gewählt. „Goldschmied wäre eine Alternative für mich gewesen“, sagt Voß und erklärt: „Ich hatte schon immer eine kreative Ader. Allerdings hätte mir früher oder später die Arbeit mit Menschen gefehlt.

Tienken-Eggers wollte einst Beschäftigungstherapeutin werden und hatte schon eine Ausbildung in Aussicht. „Aber dann habe ich mich dazu entschieden, doch noch zu studieren.“

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