Mehr als die Hälfte der Pflegeheime in Rotenburg haben Problem in der Versorgung

Günstige Pflege – aber auch viele Mängel

26 der 46 Heime im Landkreis Rotenburg haben bei Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung Mängel in unterschiedlichen Kategorien aufgewiesen. - Foto: imago

Rotenburg - Von Sandhya Kambhampati, Stefan Wehrmeyer, Niels Altenmüller und Daniel Drepper. Gute Noten, volle Heime: Auf den ersten Blick scheint die Pflege im Landkreis Rotenburg gut zu sein. Doch das täuscht. Altenheime in der Region werden vom Pflege-Tüv im Schnitt zwar mit der Note „sehr gut“ bewertet. Doch eine Analyse der Prüfberichte ergibt, dass mehr als die Hälfte der Heime im medizinischen Bereich Hinweise auf Mängel zeigen. Gemeinsam mit dem Recherchezentrum correctiv.org hat die Kreiszeitung Daten zu allen Pflegeheimen im Landkreis ausgewertet.

Gleichzeitig sind die Pflegeheime in Rotenburg jedoch vergleichsweise günstig. Der Landkreis gehört zu den 50 günstigsten Kreisen in Deutschland. Ein Platz in einem Rotenburger Pflegeheim in der Pflegestufe 3 kostet für einen Monat im Schnitt 2581 Euro. Der Eigenanteil für Bewohner oder Angehörige beträgt vergleichsweise geringe 969 Euro pro Monat.

Vielleicht sind die Heime auch deshalb so gut belegt wie in wenigen anderen Landkreisen Deutschlands. Bei der aktuellsten Erhebung gibt es in der Region mehr Pflegebedürftige als Pflegeplätze, sodass Einwohner auf Nachbarkreise ausweichen mussten. Der günstige Preis im Landkreis hat vermutlich negative Auswirkungen auf die Pflege. Generell ist ein Platz für Patienten in allen Pflegeklassen in Niedersachsen sehr günstig. Nur Pflege in neuen Bundesländern ist oft noch günstiger.

Ein Grund: Der in Rahmenvereinbarungen festgelegte Personalschlüssel in niedersächsischen Heimen ist relativ niedrig. Um 100 Bewohner mit der Pflegestufe 3 können sich in Hamburg 57 Pfleger kümmern, in Niedersachsen sind es nur 45. Eine Folge: Pflegebedürftige werden von Hamburg aus aufs Land geschickt, weil Pflege dort billiger ist. Pfleger pendeln in die Gegenrichtung.

Die Auswertung der Transparenzberichte durch correctiv.org zeigt, dass 56 Prozent aller Pflegeheime in Rotenburg in den Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) nicht die volle Punktzahl in fünf wichtigen Kategorien erreichen. 26 der 46 Heime hatten bei den Prüfungen ein Problem.

Seit 2009 bewertet der MDK jedes Pflegeheim mit einer Schulnote. Deutschlandweit werden Heime im Schnitt mit 1,2 bewertet. Doch diese Noten sagen wenig aus. Zuletzt sind immer wieder Heime negativ aufgefallen, die vorher mit „sehr gut“ benotet wurden. Die Prüfungen des MDK stehen in der Kritik und sollen bald ersetzt werden, weil die Noten oft viel zu gut sind. Und weil der Dienst vor allem die Dokumentation der Pflege prüft – und nicht die eigentliche Qualität selbst. Die dokumentierten Mängel sind deshalb nicht in jedem Fall Probleme bei der Pflege, sondern deuten häufig auf fehlende Dokumentation hin. Dennoch sollten diese Mängel für Bewohner und Angehörige ein Grund sein, vor Ort nachzufragen.

Deshalb hat das Recherchezentrum correctiv.org nur die wichtigsten Kriterien hinter diesen Pflegenoten analysiert: Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung, die Behandlung von Schmerzen und Wunden, die Inkontinenzversorgung und den Umgang mit Medikamenten und ärztlichen Anordnungen.

Für die Region Rotenburg hat Correctiv zudem ausgewertet, dass der Anteil der in Teilzeit arbeitenden Pfleger sehr hoch ist. Drei von vier arbeiten im Landkreis den aktuellsten Daten des statistischen Landesamtes zufolge in Teilzeit. Im bundesweiten Vergleich liegt Rotenburg im oberen Fünftel.

Ein hoher Anteil an Teilzeitkräften kann gute Pflege schwierig machen, weil Bewohner mehr Bezugspersonen haben. Häufig werden Pflegekräfte nur in Teilzeit beschäftigt, damit sie für eventuelle Überstunden und spontanes Einspringen flexibel bleiben. Deutschlandweit arbeiten 60 Prozent aller Pflegekräfte in Teilzeit.

Hinzu kommt, dass mehr als 60 Prozent der Pflegeheime in Niedersachsen privat getragen werden. In Rotenburg liegt der Anteil bei 67 Prozent, in Verden gar bei rund 80 Prozent. Private Einrichtungen zahlen häufig nicht nach Tarif. In Betrieben, für die ein Tarifvertrag gilt, verdienen Pfleger laut Verdi monatlich 480 Euro mehr. Wer sich für ein Pflegeheim entscheidet, sollte sich gerade in der Region ausführlich informieren.

Informationen zu jedem einzelnen Pflegeheim in Deutschland hat das Recherchezentrum Correctiv zusammengetragen. Die Reporter haben zudem monatelang mit Hunderten Menschen gesprochen und ein Buch zur Recherche veröffentlicht. Alle Informationen und das Buch „Jeder pflegt allein: Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht“ finden Interessierte im Internet. correctiv.org/pflege

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