„Gucken, was in Sizilien wächst“

Rechnen in ein paar Jahrzehnten mit Zitronenbäumen in ihrem Wald: Nanett Gräfin von Nesselrode und Georg Graf von Nesselrode aus Kettenburg. Foto: Wieters

Kettenburg - Von Jens Wieters. „Zu wenig Wasser vom Himmel, zu viele Borkenkäfer und eine Menge Leute, die laut schreiend alles besser wissen!“ Georg Graf von Nesselrode und seine Frau Nanett haben es zurzeit nicht einfach, denn sie versuchen den schwierigen Spagat, mit ihrem etwa 800 Hektar umfassenden Wald zwischen ihrem Heimatort Kettenburg sowie Bad Fallingbostel und Kirchlinteln nicht nur Geld zu verdienen, sondern auch für biologische Vielfalt am Boden und in luftiger Höhe zu sorgen. Gerade hat der Forst Nesselrode das bisher nur ein weiteres Mal in Niedersachsen vergebene Zertifikat „Wildlife Estates Label“ verliehen bekommen. Darüber und über andere Dinge rund um den Wald haben wir mit dem Paar gesprochen.

Was bedeutet Ihnen das Label?

Nanett von Nesselrode: Der Antrag umfasst 70 Seiten, damit ist er sehr umfangreich. Auf nationaler Ebene entscheidet eine Jury, dann geht es zu einer Expertenkommission nach Brüssel und die sagen Daumen rauf oder runter. Es ist aber nicht von wirtschaftlicher Bedeutung. Ich kann das Label auch nicht zu Marketingzwecken nutzen.

Also doch mehr für das eigene Gewissen?

Nanett von Nesselrode: Nein, es geht auch darum, in die Öffentlichkeit zu tragen, dass Wirtschaft und Biodiversität zusammen möglich sind. Das Problem der Weltforstwirtschaft ist doch heute, dass bei zunehmender Bevölkerung für die Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern Einkommen generiert werden muss. Oft wird dabei die biologische Vielfalt zerstört. Meistens ist es ja vielfach nur Wald, was die Menschen in den Ländern so haben. Aber Biodiversität ist auch dort möglich.

Das eine muss also das andere nicht ausschließen?

Nanett von Nesselrode: Genau, wir wirtschaften mit der Natur und versuchen, ihr aufs Maul zu schauen, von ihr zu lernen und nicht gegen sie zu arbeiten. Der Einklang von Ökonomie und Ökologie und von sozialen Belangen ist wichtig. Wir brauchen weit über Europa hinaus Strategien, um auf der einen Seite wirtschaften zu können, aber die biologische Vielfalt nicht aus den Augen zu verlieren.

Wie geht es unserem Wald überhaupt und Ihren 800 Hektar?

Georg von Nesselrode: Den Eichen geht es schlecht. Der pH-Wert ist so sauer, dass Pilze, die in Symbiose mit den Bäumen leben, langsam absterben. Es sieht bei uns zum Glück noch besser aus, als an anderen Orten. Das führe ich darauf zurück, dass wir es geschafft haben, unter den alten Bäumen eine zweite Schicht reinzuschieben, bestehend aus verschiedenen Pflanzen, sodass der Boden nicht so ausgezehrt wurde. Das Wasser verdunstet dann nicht gleich wieder. Dennoch müssen wir angesichts des Klimawandels den Wald langsam umbauen. Die Frühjahrsdürre, die es jetzt mittlerweile seit Jahren gibt, hat sich zu einer echten Katastrophe für uns Waldeigentümer entwickelt.

Dadurch ist ein seit Jahrhunderten gewachsener Wald gefährdet. Stirbt er?

Georg von Nesselrode: Die Auswirkungen werden wir erst übernächstes Jahr sehen. Durch das Austrocknen des Bodens reißen die Feinwurzeln der Bäume. Dann leben sie noch rund zwei Jahre quasi von ihrem Ersparten.

Das bedeutet für ihren Betrieb sicher Existenzangst. Was passiert mit dem Wald, der in Jahrhunderten aufgebaut wurde?

Georg von Nesselrode: Wir stehen vor denselben Geschichten wie beim katastrophalen Sturm 1972. Aber das ganze Leben ist immer wieder ein auf die Fresse kriegen und wieder aufstehen. Wir dürfen aber nicht in Panik verfallen und blinden Aktionismus vorantreiben. Jetzt stehen nämlich die selbst ernannten Experten auf und sagen: ,Das haben wir ja schon immer gewusst‘. Überall werden jetzt sogenannte Waldgipfel terminiert. Aber zuerst müssen wir mal Ruhe bewahren. Aber dennoch ist es möglich, dass wir bald nach Sizilien fahren müssen und gucken, was dort so wächst.

Ist es wirklich der richtige Weg, sich nach anderen Baumarten umzuschauen?

Georg von Nesselrode: Die ganzen Vegetationszonen verschieben sich offensichtlich, damit bleibt uns keine andere Wahl. Es wird aber irgendwie weitergehen, denn der Natur ist es doch scheißegal. Sie hat Millionen Jahre Zeit, sich zu regenerieren. Ob es dann noch Menschen gibt, ist allerdings die Frage.

Mit Blick auf einen sterbenden Wald. Was halten Sie von der Bewegung Fridays for Future? Ist es die richtige Richtung, was die jungen Menschen machen? Was muss sich ändern?

Georg von Nesselrode: In Südamerika brennt es, in Kalifornien, und in Sibirien, dort taut der Permafrostboden auf und setzt Methangas frei. Die Polkappen schmelzen ab und so weiter. Wenn wir weiter Menschen haben wollen, muss sich also etwas ändern. Es sind bei der Bewegung aber für meinen Geschmack zu viele Ideologen dabei, mit denen ich mich nicht gemein machen möchte. Die haben von der Praxis eher wenig Ahnung.

Also zu viel Ideologie?

Nanett von Nesselrode: Vielleicht, aber wir brauchen den Dialog, wir brauchen die Auseinandersatzung und keine Ideologie, sondern Sachlichkeit und mehr Bildung bei den Menschen, die wissen, welche Bäume im Wald stehen und sie entsprechend schätzen. Wenn das bei uns in Europa schon fehlt, was ist dann erst in anderen Ländern?

Verstehen Sie die Bauern in den vermeintlichen Entwicklungsländern, die die Bäume des Regenwalds roden, um Soja oder ähnliches anpflanzen, um ihre Familien durchzubringen?

Nanett von Nesselrode: Klar, dort stehen Schilder, dass Brandrodungen bei Todesstrafe untersagt sind. Aber was nützt es, wenn der Bauer nicht lesen kann.

Was kann jeder Einzelne für den Wald tun?

Nanett von Nesselrode: Etwas für das Klima tun, um Kohlendioxid zu binden: So zum Beispiel Holzprodukte kaufen – und zwar heimische. Wenn wir aber Kohlendioxid binden wollen, müssen wir auch in die Tropen und Subtropen gehen. Damit Kohlendioxid gebunden wird, müssen in den Ländern Flächen für Neuanpflanzungen von Bäumen vorbereitet werden, weil sie dort wesentlich dynamischer wachsen und viel mehr Kohlendioxid aufnehmen. Wenn man dort aufforsten würde, muss aber auch die heimische Bevölkerung eingebunden werden, um Einkommen für sie zu erzielen.

Das war hier in Kettenburg ja auch nicht anders?

Georg von Nesselrode: Ja, so ist es hier auch gewesen vor 150 Jahren. Der Urgroßvater von Nesselrode hat geschuftet wie blöde und sich überlegt, was er mit seinen Mitteln macht. Also blieb nur, die Heideflächen langsam in Kultur zu nehmen. Aber wir oder auch nachfolgende Generationen stehen irgendwann vor dem Dilemma, ganz von vorne anfangen zu müssen.

Können Sie Ihre Erfahrungen anderen Waldbesitzern weitergeben?

Nanett von Nesselrode: Bei uns haben der landwirtschaftliche und der forstwirtschaftlichen Betrieb das Label bekommen. So bauen wir ein Netzwerk auf, um uns mit anderen auszutauschen.

Sollten sich mehr Schulkinder den Wald angucken?

Nanett von Nesselrode: Ja, natürlich, darum geht es ja auch, denn das Label verpflichtet nämlich zur Öffentlichkeitsarbeit. Es hat eine klare Botschaft: Wirtschaft und Biodiversität kann zusammen funktionieren.

Haben Sie einen Tipp für Waldlaien?

Georg von Nesselrode: Wichtig ist, dass die Menschen gute Beobachter sind, egal, ob Jung oder Alt. Sie können die Natur nicht vom Computer bewirtschaften, wie es immer mehr Mode wird. Wir müssen raus in den Wald und gucken, wie die Natur auf das reagiert, was ich so treibe. Ein Beispiel: Wenn irgendwo Traubenkirschen sich explosionsartig vermehren, dann müssen wir uns fragen, woher kommt das und wie gehen wir damit um? Es erfordert aber viel Erfahrung.

Wenn Sie einen Wunsch hätten, dann ...

Georg von Nesselrode: Dann sollten die Menschen wieder anfangen, sich an den Realitäten des Lebens zu orientieren. Eine dieser Realitäten lautet: Jeder Mensch muss jeden Tag Leben vernichten, um leben zu können. Ob sie ein Schwein abstechen oder ein Kohlkopf abschneiden, macht nicht mal marginal einen Unterschied: Sie vernichten Leben. So lange wir uns den Luxus leisten, Menschen auf der Erde haben zu wollen, müssen wir die Natur nutzen. Die Frage ist sicher nicht, ob wir das tun, sondern wie wir das tun.

Mit dieser These wecken Sie sicher Kritiker, oder?

Georg von Nesselrode: Denen, die mir nicht folgen können, kann ich nur dringend raten, sofort das Atmen einzustellen, das ist nämlich auch eine Form des Naturentzugs. Diese Leute brauchen sich um Ernährung, Kleidung, Entsorgung von Exkrementen nicht mehr zu kümmern und die brauchen auch keine Energie mehr, um im Winter ihr Zimmer auf angenehme 20 Grad zu bringen. Und das hätte noch den angenehmen Nebeneffekt, dass sie nie wieder so ein Scheiß reden. Wie wir die Natur nutzen, darüber müssen wir vielleicht streiten, aber nicht darüber, ob.

Wenn wir die Natur nutzen, müssen wir sie aber auch schützen.

Georg von Nesselrode: Ja klar, aber wir haben sieben Milliarden Menschen auf der Erde und die Tendenz ist steigend. Und die haben alle ein Recht zu leben.

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