Bereit für mehr

Die Grünen sprechen von einer „Notwendigkeit“ grüner Politik - auch auf regionaler Ebene

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Sabine Holsten und Hans-Jürgen Schnellrieder führen den Kreisverband der Grünen seit November.

Ein politischer „Höhenflug“? Sabine Holsten und Hans-Jürgen Schnellrieder wollen von diesem Wort nichts hören. Das Führungsduo der Grünen im Landkreis spricht vielmehr von einer „Notwendigkeit“ grüner Politik, die mittlerweile erkannt wird. Das soll auch vor Ort Folgen haben. Die Partei nimmt mit klaren Zielen die Kommunalwahl 2021 ins Blickfeld.

Rotenburg – Zum Tee am Frühstückstisch gibt’s Lob für die CDU. „Sie haben es schon 2016 geschafft“, sagt Hans-Jürgen Schnellrieder an diesem ersten Ferientag. Gemeinsam mit Sabine Holsten hat er zum Gespräch geladen. Das Ende November gewählte neue Führungsduo des Kreisverbandes der Grünen möchte einiges klarstellen. Deutlich jüngere Kandidaten, mehr Frauen in den kommunalen Parlamenten – ausgerechnet die Christdemokraten haben vorgemacht, was sich die Grünen eigentlich seit jeher auf die Fahnen geschrieben hatten. Nun aber will man nachziehen, und der Vergleich zu der im Landkreis über Jahrzehnte unantastbaren Partei ist auch gar nicht mehr so abwegig.

Die Grünen sind längst salon- und regierungsfähig geworden. Ein Kanzler Robert Habeck? Der Bundesvorsitzende der Grünen ist derzeit der schillernde Star im Politikdschungel, und die Sonntagsfragen der Umfrageinstitute posaunen Woche für Woche neue Rekordwerte für die Partei heraus. Davon will auch der Kreisverband profitieren – natürlich mit eigenen Akzenten vor Ort. 12,6 Prozent waren es bei der letzten Kreiswahl 2016, die Europawahl im Mai hat der Partei in der Region 21,5 Prozent beschert. Fast überall lagen die Grünen vor der SPD, und in der Kreisstadt stand lange Zeit sogar der Wahlsieg in Aussicht: Erst durch die Auszählung der Briefwahlbezirke setzte sich die CDU ab, landete mit 27,4 Prozent nur 1,3 Punkte vor den Grünen. Holsten und Schnellrieder grinsen beim Gedanken daran – und nehmen noch einen Schluck aus der Tasse: bloß nicht zu laut poltern.

Dabei schien es in den vergangenen Jahren oftmals so, als wenn sich der Kreisverband der Grünen nur um sich selbst dreht. Die Vorstände wechselten in schöner Regelmäßigkeit schon vor Ablauf ihrer Amtszeiten, die Querelen um die Nicht-Nominierung von Elke Twesten als Landtagskandidatin und die bekannten Folgen für die ganze Landesregierung haben tiefe Gräben hinterlassen. Vor der Europawahl kamen scharfe Töne aus einigen Ortsverbänden, es hieß, der Kreispartei-Vorstand, dominiert vom Ortsverband Fintel um das Ehepaar Schnellrieder, „regiert in die Ortsverbände hinein“, strebe nur nach Machtbeteiligungen in künftigen Parlamenten, habe kein Interesse an inhaltlicher Auseinandersetzung und gefalle sich in „Selbstdarstellung“. Und der Kritisierte? Schnellrieder sagt, im Grunde sei da „nichts“. Es gehe nur um „unterschiedliche Gesichtspunkte“, man erlaube den Diskurs, in dem es auch zum Streit kommen könne. Nur müsse der dann intern, nicht in der Öffentlichkeit über die Medien ausgetragen werden. Weiter will der 72-jährige Unternehmer die Vorfälle nicht kommentieren: „Wir binden sonst Energie für nichts.“

Beim Neujahrsempfang der Grünen 2018 tauschten sich Gabriele und Hans-Joachim Schnellrieder mit dem damals neuen Parteichef Robert Habeck aus. Vom Höhenflug der Bundespartei will auch der regionale Verband profitieren. 

Stattdessen müsse man nach vorne schauen. Und da gelte es, Lösungen zu finden, was vor allem auch bedeutet: Mitstreiter akquirieren und Themen lokal verankern. Knapp 200 Mitglieder zählt die Partei aktuell kreisweit. Nach der Kommunalwahl 2016 durften die Grünen 47 Mandatsträger in die Orts-, Gemeinde- und Stadträte sowie in den Kreistag schicken. Für 2021 rechnet der Kreisvorstand mit einem deutlich besseren Ergebnis und entsprechend mehr Mandaten: „Wir gehen davon aus, dass es im schlechtesten Fall 16 Prozent werden“, sagt Schnellrieder.

Man wolle in den kommunalen Parlamenten eine Kraft werden, die auch Gestaltungsspielraum besitzt. Das könne dann auch dazu führen, Ämter zu besetzen. Ob der Kreisverband sogar mit ernsthaften Absichten Kandidaten für die Bürgermeisterposten oder gar die Landratswahl aufstellt, werde sich noch entscheiden. „Früher waren grüne Kandidaten da zurückhaltender“, sagt die Co-Vorsitzende Holsten. Und die 59-jährige Kriminalbeamtin ergänzt: „Landratskandidaten hatte bislang ja kaum eine Partei, außer eine.“ Wieder der Schwenk zur CDU. Aber mit der Ergänzung zu Hermann Luttmann: „Es gibt die Notwendigkeit eines neuen Landrats.“

Strategisch wolle man vor allem Gespräche führen. Vor Ort ankommen, auch dort, wo bislang ein „weißes Band“ für die Partei existiert habe, zwischen Geestequelle und Sittensen. Die geplante Gründung eines Ortsverbandes in Gnarrenburg sei ein Schritt in genau diese Richtung. Dass die Grünen auch in einem traditionell „tiefschwarz“ geprägten Landkreis gebraucht werden und man nicht nur von den Umfrageergebnissen auf Bundesebene lebe, zeigen laut Holsten und Schnellrieder die Themen, die quasi auf der Straße liegen: Trinkwasserschutz, der Umgang mit den Gefahren der Erdgasförderung, Naturschutz, Flächenverbrauch und der Niedergang der Biodiversität. Das seien nicht nur abgehobene Ideen grüner Ideologen, sondern ganz konkrete Aufgaben für die lokale Politik, betont Schnellrieder. Zum Beispiel gehörten in die Bauordnungen der Kommunen viel mehr Vorgaben zur CO2-neutralen Bauweise und zu strukturierteren Siedlungskonzepten. Und öffentliche Auftraggeber müssten sich deutlich mehr verpflichten, zum Beispiel Passivhauskonzepte für eigene Gebäude umzusetzen.

„Es muss ein Wandel her“, sagt Schnellrieder. Und das sei nicht nur Aufgabe der Grünen, sondern aller Politik, die ja gerade im kommunalen Bereiche viel weniger auf Farben fixiert sei. Holsten: „Wenn wir immer nur in eine Richtung laufen, landen wir in einer Sackgasse.“

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