Grüne haben Forderungen

Elisabeth Dembowski

Die Kreisverwaltung lässt sich Zeit. Einen Fragenkatalog der Kreiszeitung zu den Fällungen von 6 700 Bäumen an Kreisstraßen während der vergangenen fünf Winterhalbjahre will sie erst Ende dieser Woche beantworten. Dabei hatte der BUND-Kreisvorsitzende Manfred Radtke vor fast zwei Wochen Kritik am Vorgehen des Landkreises geäußert. Immerhin: Die Grünen leiten daraus schon jetzt Forderungen an den Kreistag ab.

Rotenburg – Durch die Anfrage der BUND-Kreisgruppe Rotenburg sei offensichtlich geworden, dass der Landkreis Rotenburg erhebliche Eingriffe am Baumbestand entlang der Kreisstraßen vorgenommen hat. Das schreiben Ulrich Thiart und Elisabeth Dembowski aus der Kreistagsfraktion der Grünen in der Begründung zu ihrem Antrag an den Rotenburger Kreistag, der fünf klare Forderungen beinhaltet. Vor dem Fällen eines Baumes müssten demnach künftig die in den Empfehlungen zum Schutz vor Unfällen mit Aufprall auf Bäume (ESAB 2006) festgelegten sieben baulichen und verkehrstechnischen Maßnahmen durchgeführt werden.

Von 2014 bis 2019 seien an Kreisstraßen 6 700 Bäume gefällt, aber nur jeder achte Baum davon ersetzt worden. Das Bundesnaturschutzgesetz von 2010 verlange eine Ersatzpflanzung von mehr als eins zu eins bei Bäumen mit mehr als 20 Zentimetern Durchmesser. Die Grünen: „Die Nachpflanzungen müssen schnellstens erfolgen.“ Außerdem sei bei einer gutachterlichen Überprüfung unbedingt der bestmögliche Erhalt der Straßenbäume durch pflegende Maßnahmen anzustreben, bevor die Bäume gefällt werden.

Ulrich Thiart

Und weiter schreiben die Grünen: „Eine 100 Jahre alte Buche hat im Laufe ihres Lebens einen ökologischen Gesamtwert von 230 000 Euro. Um ihre ökologische Leistung bei Fällung ad hoc zu ersetzen, müssten 2 000 Jungbäume gepflanzt werden (Quelle: Bäume & Park-Was ein Baum leistet – Rosenstein – Park, Stuttgart). Da ein Baum öffentliches Eigentum darstellt, ist die Öffentlichkeit vor dessen Fällung zu informieren.“ Außerdem sollten Möglichkeiten zur Schaffung beziehungsweise zum Schutz von Biotopverbänden durch Straßenbegleitgrün sowie Hecken und Büsche an geeigneten Straßenrändern vermehrt gefördert werden.

Bei den in den vergangenen Jahren gefällten Bäumen handelte es sich laut den Grünen häufig um alten Baumbestand heimischer Arten. „Diesen gilt es, im besonderen Maße zu schützen“, meinen Thiart und Dembowski. Alte Bäume besäßen eine weitaus größere Biodiversitätswertigkeit. Sie hätten ein höheres Windschutzvermögen und eine sehr viel größere Kapazität, klimaschädliches CO2 aufzunehmen. Die gerade veröffentlichten Erkenntnisse des Biodiversitätsrates erforderten ein Umdenken und ein Maßhalten im Umgang mit Naturgütern, um den Verlust der Artenvielfalt entgegenzuwirken. Daraus leiten die Grünen im Kreistag eine Schlussfolgerung ab: „Die klimaschützende Funktion von Bäumen an Straßenrändern ist hinlänglich bekannt. Trotz der Verkehrssicherungspflicht des Landkreises sollten vorauseilende Maßnahmen, wie hier im großen Stil vorgenommen, unterbleiben.“

Während die Grünen nach dem Vorstoß Radtkes Stellung nehmen und Forderungen aus den Erkenntnissen ableiten, wollen SPD und auch CDU zunächst abwarten, wie sich die Landkreisverwaltung in dieser Sache nach außen hin positioniert. Volker Kullik (SPD) teilt auf Anfrage immerhin mit, dass „Manfred Radtke und dem BUND Dank und Respekt für die Bearbeitung dieses wichtigen Themas gebührt“. Eigene Beobachtungen sowie zahlreiche Rückmeldungen aus der Bevölkerung bestätigten zudem den dargestellten Trend „und führten unsererseits zu entsprechenden Anfragen, unter anderem im Kreisumweltausschuss am 5. März 2019.“ Eine seriöse Stellungnahme und Beantwortung der Fragen, die unsere Redaktion eben auch an SPD und CDU geschickt hat, sei für die SPD-Fraktion jedoch erst möglich, nachdem auch die Kreisverwaltung die Möglichkeit zur Bewertung gegeben wurde. Kullik: „Daher haben wir mit heutigem Schreiben den Landrat gebeten, die Passagen der BUND-Presseerklärung, die seiner Ansicht nach gegebenenfalls nicht zutreffend sind, für uns zu kennzeichnen und entsprechend zu kommentieren.“

6 700 Bäume sind in fünf Jahren allein an den Kreisstraßen der Säge zum Opfer gefallen. Was den BUND betroffen macht, sei die Tatsache, dass dabei weder das Bundesnaturschutzgesetz noch weitere Regelwerke beachtet wurden, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung seien. Das hatte Manfred Radtke als Vorsitzender in einem Gespräch mit der Presse erklärt. Unmittelbar danach hat Radtke deshalb die Vorsitzenden aller Fraktionen und Arbeitsgruppen im Kreistag angeschrieben – mit dem Ziel, die Fällaktionen der Kreisverwaltung zu stoppen. In letzter Zeit erreichten den BUND immer mehr Hinweise und Beschwerden von Bürgern, weil an den Kreisstraßen Bäume gefällt werden. Die Nachfragen daraufhin hätten „diese erschreckenden Zahlen ans Licht gebracht“, so Radtke.

Der Landkreis ließ die Kreiszeitung am Freitag dies mitteilen: „Aufgrund einiger unvorhergesehener Ausfälle im Haus gestaltet sich die Antwortfindung doch noch etwas länger. (...) Wir wollen die Sachlage gründlich prüfen und müssen noch einige Punkte klären.“

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