Gymnasien bereiten sich auf Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren vor

Große Baustellen und ein geräuschloser Übergang

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Mehr als drei Millionen Euro investiert die Eichenschule in Scheeßel für ein Mehrzweckgebäude mit Theatersaal und Klassenräumen, die für die Umstellung auf G9 benötigt werden.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Der Abiball 2020 fällt aus – fast überall. Wenn die beiden letzten Jahrgänge des „Turbo-Abiturs“ in Niedersachsen und damit auch in Scheeßel, Rotenburg und Sottrum in diesem und im kommenden Jahr ihre Prüfungen abgelegt haben, wird es an den regulären Gymnasien in zwei Jahren eine Pause geben. 2021 macht dann der erste Jahrgang wieder nach 13 Jahren Abitur. Für die Schulen ist das eine große Herausforderung: eine Umstellung des Lehrplans, mehr Raumbedarf und komplizierte Regelungen für die Übergangszeit.

„Wer im Deutschunterricht ein Liebesgedicht interpretieren soll und noch nie verliebt war, weil er noch zu jung ist, kann es nicht.“ Iris Rehder wählt ein sehr anschauliches Beispiel, um die Probleme in den vergangenen Jahren des Abiturs nach acht Gymnasialjahren (G8) zu verdeutlichen. Die Schüler waren oftmals für die Anforderungen noch zu jung, so die Schulleiterin des Rotenburger Ratsgymnasiums. „Lebenserfahrung spielt eine Rolle. Die Welteinsicht ist dann weiter“, sagt Rehders Stellvertreter Jonas Kruse. Die Weiterentwicklung bei Jugendlichen in einem Jahr sei nicht zu unterschätzen.

Rehder und Kruse waren wie viele ihrer Kollegen keine großen Freunde des Turbo-Abis, das erst 2004 eingeführt und 2015 wieder abgeschafft wurde. Den Vorteil eines längeren Schullebens sieht die Schulleiterin in einer „Entschleunigung zum Wohle der Schüler“. Denn in neun statt acht Gymnasialjahren gehe es schon jetzt für die Klassenstufen fünf bis zehn nicht darum, noch mehr auf den Stundenplan zu packen, sondern individueller zu fördern und Themen differenzierter zu behandeln. Die alte Vorstellung des Gymnasiums als Lehranstalt mit Frontalunterricht klassischer Art habe sich eh überholt; „auch wenn wir noch eine Flurschule sind“, so Kruse. Mehr Wert lege aber auch das Gymnasium mittlerweile auf Methodik, also die Anwendung von Wissen, das im digitalen Zeitalter ja in der Regel nur ein paar Klicks entfernt ist. Sichtbare Zeichen dafür sind zum Beispiel der Umbau der Bücherei zur Selbstlernwerkstatt oder Differenzierungsräume für Gruppenarbeiten.

Millionen-Investitionen für neue Räume

Inhaltlich arbeiten sowohl das Ratsgymnasium als auch die Eichenschule in Scheeßel und das Sottrumer Gymnasium schon seit Jahren mit den G9-Vorgaben. Ein „weitgehend geräuschloser Prozess“, sagt Iris Rehder. Ihr Sottrumer Kollege Ferdinand Pals pflichtet ihr bei: „Die Umstellung auf G9 ist in der Sekundarstufe I bereits seit 2015 abgeschlossen, und dies läuft auch seither gut – bemerkenswerter Weise ohne große Übergangsschwierigkeiten.“ Ein Jahrgang mehr bedeutet aber natürlich auch mehr Schüler und mehr Raumbedarf. Während sich das Ratygymnasium darum weniger sorgt (Rehder: „Wir sind besser aufgestellt als andere.“), weil es in der Vergangenheit natürlich auch bis zum 13. Jahrgang unterrichtet hat, müssen die anderen nachbessern. Gerade für Sottrum ein Kraftakt. Pals: „Die Umstellung auf G9 hat für das Gymnasium Sottrum massive Auswirkungen, da das Gymnasium Sottrum 2004 konzeptionell gebaut wurde, als G9 soeben abgeschafft und G8 begründet wurde.

Das gesamte bisherige Raumkonzept ist auf G8 abgestimmt und passt ab August 2020 nicht mehr.“ Sechs zusätzliche Unterrichtsräume, einige naturwissenschaftliche und künstlerische Fachräume sowie eine Erweiterung der Turnhalle führt Pals an. Zudem müsse eine Mensa für den Ganztagsunterricht gebaut werden. Mit der Samtgemeinde als Schulträger und dem Landkreis als Kostenträger stimme man derzeit ein zweigliedriges Bauprogramm ab. Auch die Eichenschule muss, obwohl ebenfalls erfahren mit G9, bauen. Mehr als drei Millionen Euro investiert das private Gymnasium in ein Mehrzweckgebäude, in dem ein Theatersaal und vier Klassenräume geschaffen werden. „Anschließend werden wir einen Klassenraum in einen zusätzlichen naturwissenschaftlichen Fachraum umwandeln“, so Schulleiter Christian Birnbaum. Doch selbst damit werde man den zusätzlichen Bedarf nicht decken können. Birnbaum: „Auf der Grundlage von G8 entwickelte Konzepte zur Umnutzung von überflüssigen Räumen bei einem prognostizierten Rückgang der Schülerzahlen sind mit der Umstellung auf G9 obsolet. Wir werden jeden für Unterricht nutzbaren Raum benötigen.“

Niedersachsenweit 710 zusätzliche Lehrer

710 zusätzliche Lehrer verspricht die Landesschulbehörde für G9 niedersachsenweit. Wie viele davon nach Rotenburg und Sottrum kommen, ist noch offen. Pals spricht für den Wiesteort von einem Bedarf von „sieben vollbeschäftigten Lehrpersonen“. Schon jetzt reiche das Personal kaum aus. Mehr Lehrer braucht auch das Ratsgymnasium – oder wenigstens ein Ende der Abordnungen vor allem an Grundschulen. Derzeit sind es nach Angaben der Landesschulbehörde 48 Stunden, die Lehrer des Ratsgymnasiums wöchentlich woanders unterrichten. Würden wenigstens diese vor Ort bleiben, wäre man für G9 schon gut aufgestellt, heißt es. Für die Eichenschule ergibt sich das besondere Problem, dass das Land nahezu „alle Bewerber einstellt“, so Rektor Birnbaum. Für Schulen in freier Trägerschaft bleibe kaum Nachwuchs übrig – obwohl für G9 und wegen viele Pensionierungen dringend benötigt.

Für ein weiteres, schwieriges und möglicherweise sogar mit juristischen Fragestellungen verbundenes Thema sind allerdings ebenfalls nicht abschließend Antworten gefunden: Was passiert mit Wiederholern oder Realschülern in der Übergangszeit zwischen G8 und G9? Für die Schüler aus der Region wird es dafür Wiederholer-Jahrgänge und „Sonderzüge“ am Domgymnasium in Verden und an der Kooperativen Gesamtschule Tarmstedt geben. Denn ein Recht auf G8 besteht weiterhin, auch wenn es die Klassen in der Übergangszeit nicht mehr gibt. Die Beratungsgespräche dazu mit Eltern und Schülern sind eine große Baustelle an allen Gymnasien – während nebenan tatsächlich die Bagger für G9 anrollen.

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