1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Rotenburg (Wümme)

Gnadenhof Zwergenland spürt Kriegsfolgen: Die Reserven schrumpfen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ann-Christin Beims

Kommentare

Ziegen stehen auf der Weide des Gnadenhofs.
Die Ziegen dürfen momentan nicht gestreichelt werden – sie haben eine Pilzinfektion. © Beims

Ein Osterfest auf dem Wittorfer Gnadenhof Zwergenland soll nicht nur über Tiere informieren und Spaß machen, sondern im besten Fall auch ein wenig Geld in die Kasse spülen. Denn die Besitzer merken auch dort die Folgen des Ukraine-Krieges: Die Futterkosten sind immens gestiegen.

Wittorf – Es ist zwar kalt an diesem frühen Morgen, aber die Sonne scheint. Ein Hahn kräht auf dem Gnadenhof Zwergenland in Wittorf, kurz darauf stimmt ein zweiter ein. Unterdessen scharrt ein Puter mit seinem Gefieder lautstark über den Betonboden. Eine Ente schwimmt auf dem kleinen Teich umher, auf der Weide daneben recken die Ziegen neugierig ihren Kopf Richtung Zaun. Es wirkt alles sehr idyllisch. Doch der Krieg in der Ukraine holt derzeit auch die Besitzer Jessica Huntemann und Carsten Wilkens ein: Die gestiegenen Futter- und Lebensmittelpreise sorgen für Probleme, dazu sind einige Tiere krank und brauchen Medikamente. „Das kratzt stark an den wenigen Reserven“, sagt Huntemann.

Die beiden kümmern sich um knapp 200 Tiere: Ziegen, Schafe, Schweine, Enten, Gänse, Puten und Kaninchen sind es derzeit. Und die haben Hunger. Alleine beim Geflügelfutter haben sich die Kosten durch die Situation in der Ukraine jedoch nahezu verdoppelt. „Und es wird auf absehbare Zeit nicht besser“, weiß Wilkens. Dazu gibt es für die Tiere auch frisches Gemüse – das derzeit auch nicht günstiger wird.

Zu allem Überfluss haben sich einige Ziegen eine Pilzinfektion eingefangen, müssen behandelt werden. Streicheln ist derzeit daher tabu – Menschen könnten sich damit anstecken. Außerdem müssen eine Gans und ein Kaninchen derzeit medizinisch versorgt werden. „Die Masse schafft jetzt die Probleme“, so Wilkens.

Dabei hat alles ganz klein angefangen, als sie 2015 auf den Resthof gezogen sind: mit ihren eigenen Haustieren. Einen Stall gab es bereits, zur Freude von Huntemann. „Ich wollte schon immer Hühner!“

Gemeinsam päppeln Jessica Huntemann und ihr Sohn Maddox ein krankes Kaninchen wieder auf.
Gemeinsam päppeln Jessica Huntemann und ihr Sohn Maddox ein krankes Kaninchen wieder auf. © Beims

Im Laufe der Jahre sind, zunächst durch Bekannte, immer mehr Tiere dazu gekommen. Später haben andere Halter angefragt – darunter manch einer, der durch die Stallpflicht im Rahmen der Geflügelpest keine Nerven mehr für die Geflügelhaltung hatte, erinnert sich Wilkens. Mitunter wurden Tiere auch achtlos über den Zaun geworfen oder in Boxen vor dem Hof ausgesetzt. Auch schon Wildtiere – wofür sie aber gar keine Erlaubnis haben, betont Huntemann.

Doch es gibt auch sinnige Gründe, warum Tiere bei ihnen landen: Zwei ältere Ziegen sind zu ihnen gekommen, weil die Besitzer Sorgen hatten, dass eine stirbt und die andere dann vereinsamt. Noch kann man sie aber gut in eine Gruppe integrieren, was auf dem Gnadenhof gelungen ist. Doch die Besitzer kommen regelmäßig zu Besuch.

Huntemann und Wilkens haben über die Jahre liebevoll Platz geschaffen für Nutztiere. Da sind viele Kleinigkeiten zu bedenken: zum Beispiel eine Suhle für die Schweine. Die würde von den Tieren zwar vollends ignoriert, sagt Huntemann und lacht. Doch sie ist vorgeschrieben.

Auch einige Puten laufen auf dem Hof herum.
Auch einige Puten laufen auf dem Hof herum. © Beims

Seit 2018 sind sie ein anerkannter Verein mit Gemeinnützigkeit. Um die Tiere zu versorgen, bieten sie unter anderem Patenschaften an. Außerdem bekommen sie Spenden, und einige der 120 Hennen legen noch Eier, die sie nebst Selbstgemachtem an den offenen Nachmittagen dienstags und sonntags für den Verein verkaufen.

Das Problem an der Stelle: Es sind eben Nutztiere – und da sei es „verdammt schwer“, Paten zu finden oder Spenden zu generieren. Schweine und Hühner sind eben nicht so süß wie Hunde in vielen Augen. Dabei haben viele eine „herzzerreißende Geschichte“, sagt Huntemann. Unter anderem hatten zwei Küken bei ihrer Ankunft in Wittorf große Panik vor Menschen. Sie waren als Ostergeschenk für einen Zweijährigen gedacht – der damit natürlich gar nicht umgehen konnte.

Deswegen klärt das Paar immer wieder über den richtigen Umgang auf. Unter anderem bei offenen Nachmittagen dienstags und sonntags. Ihr Wissen haben sie sich im Laufe der Zeit angeeignet – über Lehrgänge, Fragen an Züchter und Tierärzte, Bücher und das Internet. „Damit wir sie so versorgen können, wie sie es benötigen“, sagt Huntemann. Dazu gehört auch, dass nicht jeder, der es gut meint, die Tiere füttern darf. Aus falsch verstandener Tierliebe hätten sie einmal fast eine Ziege verloren.

Osterfest auf dem Hof

Am Sonntag, 17. April, feiert der Gnadenhof von 14 bis 18 Uhr ein Osterfest, zu dem jeder willkommen ist. Es wird eine Tombola geben, Filzen für Kinder, Verkaufsstände und natürlich die Möglichkeit, sich die Tiere anzugucken und von Huntemann und Wilkens über selbige und die Arbeit mit ihnen aufklären zu lassen. Wer den Gnadenhof finanziell unterstützen möchte, kann sich bei Wilkens unter 0152/ 59017441 melden.

„Wir beraten auch gerne, wenn sich jemand Hühner anschaffen will“, sagt Huntemann. Gerade in der Pandemie haben das viele Leute beschlossen. Doch Hühner müssen artgerecht gehalten werden, betont das Paar – nicht in einem Käfig in einer Wohnung. Zumal es für die Haltung in Wohngebieten eine Genehmigung benötigt, die Hühner müssen angemeldet und geimpft werden. Dass auf den Gnadenhof deswegen noch einige Anfragen zukommen werden, vermutet das Paar schon jetzt – viele merken so langsam, dass es mehr Arbeit macht, als sie erwartet haben.

Da ihre Tiere zudem an den Menschen gewöhnt sind, stellen sie diese auch für tiergestützte Therapie zur Verfügung, erklärt Huntemann. Sie erinnert sich an einen Senior, der bei ihnen auf dem Hof war. Er hatte seit Langem nicht mehr gesprochen. Dann haben sie ihm einen Hahn auf den Schoß gesetzt – „und plötzlich quasselte er ohne Pause“, sagt Huntemann. Es sind diese Momente, die Freude schenken. Deswegen seien die Tiere „eine Herzensangelegenheit“ – auch, wenn neben der Versorgung und ihrem Job nicht mehr viel Zeit bleibt für andere Dinge.

Auch interessant

Kommentare