Glücklich in Deutschland

Boatpeople: Nguyet-Thu Ta kam vor 40 Jahren nach Rotenburg

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Nguyet-Thu Ta hat lange Zeit im Agaplesion Diakonieklinikum gearbeitet.

Rotenburg - Von Wieland Bonath. „Tatüchen“ – mit einem Augenzwinkern einigten sich die Krankenhauskollegen und die neue Mitarbeiterin 1981. Nguyet-Thu Ta ist in Vietnam ein ganz „normaler“ Name – im Rotenburger Klinikalltag wäre es hingegen ein Zungenbrecher geworden. Bis zu ihrem Ruhestand vor drei Jahren blieb Nguyet-Thu Ta (67), die zierliche Anästhesie--Mitarbeiterin „Tatüchen“. Bei vielen ihrer zahlreichen Freunde, Bekannten und Nachbarn ist es die sympathische Frau aus My-Tho, eine Stadt in der Nähe von Saigon im Mekongdelta, bis heute geblieben.

Nguyet-Thu Ta, hat vor 40 Jahren mit 77 Landsleuten aus dem kriegsgebeutelten Vietnam in Rotenburg eine neue Heimat gefunden. Die Mutter von zwei Töchtern und Oma von drei Enkeln, blickt auf ein buntes Leben zurück, durchsetzt von Klippen und begleitet von viel Glück und Erfolg. An diese vier Jahrzehnte wollen die einstigen Boatpeople aus Südostasien am Sonnabend, 15. Dezember, während einer Veranstaltung in der Realschule in der Ahe erinnern und sich bei den Rotenburgern für die Aufnahme und Hilfe bedanken.

Von 1955 bis 1975, ein Krieg, der millionenfaches Leid, riesige materielle Schäden und Menschen zurückließ, die Schreckliches erlebten und darüber noch heute kaum reden können. Nguyet-Thu Ta, damals 27 Jahre, verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter, gehörte zu den 365 Menschen, darunter Kinder, Ältere, Alte, Kranke, Verletzte und Schwangere, die für sich nur diesen Ausweg sahen: Zusammengepfercht auf einem 24 Meter langen und vier Meter breiten maroden Holzboot vom Mekongdelta hinaus auf die See in eine ungewisse Zukunft, versorgt mit knappen Lebensmittel- und Wasserreserven. Die Devise der Boatpeople lautete: Fort aus der Heimat, auch wenn die Zukunft mit zahlreichen Fragezeichen behaftet ist. Viele Boote erreichten die Küsten nicht, im Südchinesischen Meer fanden etwa 250 .000 Menschen den Tod.

Aus dem Ziel Malaysia wurde nichts. Im Golf von Thailand Seeräubern knapp entgangen, war schließlich das deutsche Handelsschiff „Tom Jacob“ die Rettung. Der Kapitän nahm die Vietnamesen in Schlepp, um das Boot in einen thailändischen Hafen zu bringen. Keine Aufnahme. Die „Tom Jacob“ musste ihre Fahrt nach Hongkong fortsetzen. Erst beim zweiten Versuch durfte das Boot in einem thailändischen Hafen anlegen. Nicht ohne Grund, inzwischen hatte nämlich Ministerpräsident Ernst Albrecht erklärt, Niedersachsen werde 1. 000 vietnamesische Flüchtlinge aufnehmen.

Nach zwölftägigem Warten in einer thailändischen Kaserne der Flug nach Europa, nach Deutschland. Aber doch nicht etwa in die DDR? Es war kein Wechsel vom Regen in die Traufe, es war die Bundesrepublik. Über das Notaufnahmelager Friedland ging es in das Versorgungskrankenhaus Unterstedt. 20 der vietnamesischen Boatpeople waren an TBC erkrankt und mussten so schnell wie möglich behandelt werden.

Eine Reihe von Behörden und Institutionen, die Stadt und die Kirche sowie zahlreiche hilfsbereite Bürger bemühten sich um die Flüchtlinge. Sie sollten in dieser für sie völlig unbekannten Welt möglichst rasch integriert werden. Die deutsche Sprache erlernen, Ausbildungs- und Arbeitsplätze erhalten oder sich selbstständig machen. Die allermeisten Kraftanstrengungen verliefen positiv.

Ein Beispiel ist Nguyet-Thu Ta, die inzwischen an der Großen Gartenstraße in Rotenburg eine Eigentumswohnung besitzt und deren jüngere Tochter Thai-Hong Ta vor 33 Jahren im Rotenburger Diakoniekrankenhaus geboren wurde und inzwischen in den USA in Chicago mit abgeschlossenen Studium lebt. Die ältere Tochter Thai-Van Ta ist in Braunschweig verheiratet, hat drei Kinder und arbeitete als Architektin.

Nguyet-Thu Ta: „Ich bin glücklich, dass ich in Deutschland lebe. Dieses Land und diese Stadt sind meine Heimat, hier werde ich bleiben.“ Bei Besuchen in ihrer ursprünglichen Heimat Vietnam, sagt die 67-Jährige, habe sie regelmäßig Heimweh nach Deutschland bekommen. Von den fast 80 Boatpeople, die vor 40 Jahren nach Rotenburg gekommen sind, leben heute noch sechs, die längst die deutsche Staatsbürgerschaft haben, in der Wümmestadt. Ein kleiner Kreis, der über Freundschaft eng zusammenhält, sich regelmäßig trifft und sich gegenseitig hilft.

Sie laden die Rotenburger, organisiert von Cam Loan Do, für den 15. Dezember zu einer Feierstunde ein, bei deren Empfang um 17 Uhr in der Realschule/IGS Bürgermeister Andreas Weber (SPD) spricht. Zu der Feier werden ehemalige Boatpeople erwartet, die inzwischen in vielen Teilen Deutschlands leben. Um 18 Uhr findet im Lucia-Schäfer-Saal ein Klassik-Konzert statt. Anmeldungen sind bis zum 3. Dezember unter der Rufnummer 04261/71112 möglich. Ehemalige Paten melden sich unter dem Anschluss 71247.

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